1. Startseite
  2. Lokales
  3. München Landkreis
  4. Schäftlarn

Bahn-Experte schlägt nach Zug-Unglück in Schäftlarn Alarm: „Die S-Bahn fährt auf Verschleiß“

Erstellt:

Von: Dirk Walter

Kommentare

Nach dem Zusammenstoß von zwei Münchner S-Bahnen fragen sich viele Menschen, wie sicher das Verkehrsmittel ist. Ein Experte klärt auf.
Nach dem Zusammenstoß von zwei Münchner S-Bahnen fragen sich viele Menschen, wie sicher das Verkehrsmittel ist. Ein Experte klärt auf. © picture alliance/dpa | Matthias Balk

Pro-Bahn-Leiter Andreas Barth spricht nach dem S7-Unglück über Engpässe bei der Wartung und das Dilemma mit eingleisigen Strecken. Sein Fazit überrascht.

München/Schäftlarn - Andreas Barth leitet die Regionalgruppe München des Fahrgastverbands Pro Bahn. Die S-Bahn-Unfallstrecke S7* ist seine Hauslinie, er wohnt nahe Großhesselohe. Im Merkur-Interview erklärt er, wo Handlungsbedarf besteht.

Herr Barth, woran krankt unser S-Bahn-System?

Das System fährt auf Verschleiß, die Verspätungen häufen sich, das beklagen ja sogar MVV und die Verkehrsministerin in offenen Brandbriefen. Ich denke, die Bahn ist an vielen Stellen gefordert, sie muss zum Beispiel mehr vorausschauende Wartung vornehmen, um technische Störungen zu vermeiden. Auch wenn das nicht die eigentliche Ursache ist: Auch dem S7-Unglück* ging eine Störung bei Pullach voraus.

Es gibt über 130 Kilometer eingleisige Strecken – kann das denn so bleiben?

Die eingleisigen Strecken machen auch uns Sorgen, aber vor allem, da sie Verspätungen übertragen. Bei größeren Verspätungen kommt es dann zu Kreuzungsverlegungen, das heißt, S-Bahnen begegnen sich an Bahnhöfen, die sonst nicht dafür vorgesehen sind. Wenn das zu oft passiert, erzeugt das Stress. Und Menschen machen bei Stress eher Fehler. Mehr Begegnungsabschnitte wären daher sicher sinnvoll.

Andreas Barth (46) von Pro Bahn
Andreas Barth (46) von Pro Bahn © Pro Bahn

S-Bahn-Unglück in Schäftlarn: Wo zweigleisiger Ausbau Sinn macht - und wo nur bedingt

Wo zum Beispiel?

Es geht nicht überall, und es ist auch nicht überall gleich wichtig. Just an der Unfallstelle* liegt die eingleisige Bahnstrecke auf einem Hang, eingekeilt zwischen Wohngebiet und Bundesstraße. Mehr bringen würde ein zweites Gleis eher ab Baierbrunn stadteinwärts oder zwischen Icking und Ebenhausen-Schäftlarn, weil dort die S-Bahn stadteinwärts oft warten muss. Aber das hat eigentlich nicht höchste Priorität.

Warum nicht?

Beispielsweise die Linien der S1 und S4 sind deutlich verstopfter und verspätungsanfälliger, weil dort auch Regional- und Güterzüge fahren. Investieren sollte man bei begrenzten Geldmitteln zuerst dort, wo es die größten Effekte hat. Die Finanzen sind leider begrenzt. DB Netz als Infrastrukturbetreiber muss Dividende an den DB-Konzern abführen, der wiederum an den Bund – das ist doch absurd. Eines möchte ich aber auch betonen.

Ja?

Auch wenn das jetzt seltsam klingt: Die S-Bahn ist grundsätzlich sicher. Wir erreichen viel für die Verkehrssicherheit, wenn wir mehr Autofahrer zum Umsteigen bewegen. Wir reden über Zugunglücke so ausführlich, weil sie so selten sind. Ich werde mich auch künftig in der S7 sicher fühlen.*

Das Interview führte Dirk Walter. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Auch interessant

Kommentare