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Nach dem Putschversuch in der Türkei demonstrieren viele Menschen für Erdogan. 

Reaktionen auf die Entwicklung in der Türkei

Schlaflose Nächte für Türken im Landkreis

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Landkreis - Hakan Ertürk und Mehmet Bölen haben Freitagnacht spontan an der Demonstration vor dem türkischen Konsulat in München teilgenommen. Der Putschversuch in der Türkei hat viele Türken im Landkreis beunruhigt. „Das betrifft uns alle“, sagt Hanifi Torun (50) aus Garching-Hochbrück.

Er hat wie viele andere am Wochenende Tag und Nacht die Nachrichten verfolgt. Wie sehen Türken aus dem Landkreis die Entwicklung in der Türkei? „Ich bin schockiert von dieser Gewaltaktion. Es war eine Horrornacht“, sagt Mehmet Bölen. Der 46-Jährige, der Mitglied im Vorstand der Detib-Gemeinde Unterschleißheim ist und eine Autowerkstatt in Oberschleißheim führt, hat mit Hunderten Menschen vor dem Generalkonsulat in der Menzinger Straße gegen den Putsch demonstriert. 

Auch Hakan Ertürk (50), Vorsitzender der Ditib-Gemeinde Unterschleißheim, war mit seiner Familie nach Nymphenburg gekommen und schwenkte die Türkei-Fahne. „Über 1000 Menschen haben sich vor dem Konsulat zusammengefunden“, erzählt er. Sie demonstrierten ihre Solidarität mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan: „Erdogan kann nicht jeden zufriedenstellen, aber er ist momentan der Politiker mit dem größten Sachverstand, und der einzige, der zurzeit in der Lage ist, das Land zu führen“, sagt Kraftfahrer Hakan Ertürk: „52 Prozent der Türken hat die Erdogan-Partei gewählt.“ Hakan Ertürk ist der Meinung, dass Angela Merkel recht hat, wenn sie sagt: „Wenn man mit Erdogan nicht einverstanden ist, muss man ihn an der Urne abwählen, aber nicht mit Gewalt gegen ihn vorgehen.“ 

Dass unschuldige Zivilisten getötet wurden, wühlt Hanifi Torun (50) auf. Der Vorsitzende von Türkspor Garching, fliegt heute zu seinen Eltern nach Ankara und hat keine Reisebedenken: „In den vergangenen Jahren ist in der Türkei viel vorwärts gegangen“, sagt der Industriemechaniker, „wir Türken sind alle für Frieden und Miteinander. Das muss einfach von allen auf der Welt geschätzt werden.“ 

Dass die Demokratie siegt, hofft auch Duygu Brandstetter, die promovierte Trainerin für Führungskräfte lebt mit ihrer Familie in Garching. Freitagnacht informierte zuerst ihrer Schwester sie über den Putsch: „Sie lebt in Adana in der Nähe der Nato-Luftwaffenbasis Incirlik.“ Eine Region, auf der besondere Aufmerksamkeit liegt. „Der Stützpunkt wurde von der Nato sofort abgeriegelt“, erzählt Brandstetter. Zur Entwicklung in der Türkei sagt die 37-Jährige: „Ein Putsch ist eine gewaltsame Aktion. Da bin ich dagegen. Eine frei gewählte Regierung muss von der Opposition als verfassungsmäßig akzeptiert werden. So ist das eben in einer Demokratie.“ Und sie fügt hinzu: „Wir haben hier in Deutschland wunderbare Verhältnisse. In keinem anderen Land wird Demokratie so umgesetzt.“ 

Bei Musatafa Sahin aus Neubiberg laufen rund um die Uhr türkische Fernsehnachrichten. Der 53-jährige Kioskverkäufer ist erleichtert: „Das türkische Volk hat in Städten und Dörfern gegen den Putsch protestiert.“ Er selbst ist 1980 nach einem Putsch nach Deutschland gekommen und überzeugt: „Die schlechteste gewählte Regierung ist besser als die beste Militärregierung.“

Mit Blick auf Lesbos und die Ägäis lebt Jürgen Heckel (74) als „Dauergast“ in Karaburun bei Izmir. Er war als Bibliothekar viele Jahre Leiter der Stadtbibliothek Garching. Die politische Entwicklung in der Türkei sei komplex und habe ein ganzes Bündel an Ursachen, erklärte er gestern in einem Telefonat: „Das ist aus deutscher Sicht schwer zu begreifen.“ „Nach vier Militärputschen hat die Bevölkerung heute 40 Prozent mehr Geld als vor zehn Jahren“, sagt Heckel: „Die Türkei ist von all den Ländern ringsum das einzige, das in den vergangenen Jahren wirtschaftlich und demokratisch sehr weit vorangekommen ist. Das hätte auf andere Länder abfärben können. Aber ich fürchte, dass jetzt ein Wendepunkt gekommen ist.“

Erdogan habe seine Macht demokratisch errungen. „Aber jetzt kommt bei mir der Verdacht, dass er sie missbraucht. Noch funktioniert das, weil es den Leuten noch gut geht. Sie fragen beim Wählen nicht: Wie demokratisch sind wir? Sondern: Wie gut geht es uns?“ Die Entwicklung ist „traurig“, findet Heckel, doch er hat Hoffnung: „Es kann auch alles anders kommen.“ Verschwörungstheorien jedenfalls schenkt er keinen Glauben. „Dazu gibt es hier eine Tendenz. Manche meinen, Erdogan habe den Putsch selbst angezettelt“, doch das hält Heckel für abwegig.

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