Vom Schotterweg zur Rosenheimer Landstraße

- Revue: "Wie die Zeit vergeht" - Geschichte und Geschichten

VON MANFRED STANKA Ottobrunn - "An der Führung liegt`s", belehrt Wilhelm Krieger sein Publikum im Wolf-Ferrari-Haus von der Filmleinwand herab. Mit 101 Jahren hat der älteste lebende Ottobrunner alle Höhen und Tiefen seiner Gemeinde miterlebt und ist sogar dem Zugriff einer Eingemeindung durch die Unterhachinger entgangen. Jawohl, diese Gefahr habe Anfang des vergangenen Jahrhunderts bestanden, belehrt ein filmischer Rückblick. Aber die Waldsiedlung erstritt sich ihre lokale Souveränität als Ottobrunn und rechtfertigte dadurch schon den eigens zum 100-Jahr-Jubiläum aus der griechischen Partnerstadt Nauplia herbeigeratterten Traktor.

Man muss wohl der Filmkunst und der Gemeindechronik hörig sein, um wie Klaus Bichlmeier vom Ottobrunner-Filmclub den Stoßseufzer "Wie die Zeit vergeht" in einen revuehaften Bilderbogen mit Showglitter, Filmschnipseln und sanft ironisches Pionier-Pathos umzumünzen. Er war am Samstagabend der Mann für alles: mal zitierte er Diven, wie Marlene Dietrich und Marylin Monroe, herbei, und dann durfte sich Sabine Kudera vor der Filmkamera nochmals wundern, dass sie zur Bürgermeisterin gekürt worden ist.

Auch ihre noch lebenden Amtsvorgänger gaben kurze Statements ab, konnten aber kaum mit Marylins verwegen über einem fiktiven Luftschacht schwebenden Kleid konkurrieren. Bichlmeier hatte den Erotik-Knüller aus Billy Wilders "Das verflixte siebte Jahr" nachgestellt, und das vom Münchner Merkur gecastete Monroe-Double machte eine verflixt gute Figur. Die nostalgieverliebten Zuschauer seufzten auch angesichts eines Schotterwegs, der sich zur Rosenheimer Landstraße aufblähte.

"Wie die Zeit vergeht!" Einige Passanten verstiegen sich, von der Last der Ottobrunner Geschichte niedergedrückt, zu waghalsig historischen Exzessen. Sie datieren die Ortsgründung bis auf 800 Jahre zurück. Vielleicht beruht diese Fehleinschätzung im leidenschaftlich gehegten Kult um den Wittelsbacher Griechen-König Otto, der den Hellenen vor gut zweihundert Jahren im von den Türken befreiten Griechenland den Neoklassizismus und die Kunst des Bierbrauens mitbrachte. Bei der Ottosäule soll der frisch gekürte Monarch die Exkursion unternommen haben. Anlass genug für den Bau eines Otto-Museums philhellenischen Gedenkens und einer Unzahl von Weinfesten.

Und zwischen alle Hoheiten, Gemeindefürsten, Wirtschaftswunderjahre mischt sich eine unscheinbare Frau. Es ist die Kathi Weidner. Klaus Bichlmeier hat dieser Frau von starkem Stamm einen sensiblen, eindrucksvollen Film gewidmet, der seine Kraft aus der Persönlichkeit seiner Protagonistin schöpft.

Die Kathi war die dienstälteste Messnerin in Deutschland. Als blutjunges Mädel richtete sie den "hohen Herren" die Messgewänder zurecht. Erst in einem Notbau, dann in der Ottokirche. Getratscht wurde darüber viel, "aber, wenn geredet wurde, war es hinter meinem Rücken", triumphiert die 83-Jährige, und ihre tausend Falten verschmelzen zu einem einzigen Lächeln.

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