Der Schrecken in der Dualität des Lebens

Oberhaching - Ohne jemandem in der Gemeinde nahetreten zu wollen, niemals zuvor hatte sich eine solch „schiache“ Gesellschaft im Oberhachinger Rathaus versammelt.

Oberhaching - Mit verzerrten Mündern, spitz zulaufenden Stockzähnen und aggressiver Häme richten sie ihre hervorstehenden weißlich-rötlichen Glupschaugen auf den Referenten Anton Rottenkolber. Der Leiter der Taufkirchner Volkshochschule aber ließ sich von der menschenfresserisch-grinsenden Zuhörerschaft nicht beirren. Er konzentrierte sich in seinem Vortrag über „Masken -das andere Gesicht“ darauf, eine faszinierende Kulturgeschichte über Riten, Religionen, romantische Sehnsüchte und politische Schachzüge aufzublättern. Nur die andere anwesende Gruppe von 30 Vernissagebesuchern - darunter Bürgermeister Magnus Schelle -, die sich dem üblichen Verhaltenskodex unterwarfen, riskierten hin und wieder einen Blick zur wilden Schar. Deren ungeheuerlicher Ausdruckskraft wollte und konnte man sich nicht entziehen.

Es sind 60 historische Faschings-, Perchten- und Krampusmasken aus Bayern, Österreich und der Schweiz. Und sie beginnen in der vhs-Ausstellung „Masken im Alpenland“, ein Eigenleben zu gewinnen. Sie sondern sich ab in eine mythische Welt aus Grauen und Schönheit, die dem Besucher unbegreiflich wäre, hätte ihn nicht Anton Rottenkolber vorher auf das Perchtentreiben und die Mysterien des Karnevals und Faschings, von Fasnet und Fosnat eingestimmt.

Der Name „Percht“ lässt sich auf Frau Percht - die doppelgesichtige, slawische-germanische Göttin des Jahreswechsels, die zugleich über Tod und Leben gebietet - zurückführen. Eine Figur, die man in zahllosen Kulturen rund um den Globus wiederfindet, wie überhaupt Elemente des heimischen Brauchtums in allen Völkern erscheinen. Die Dualität des Lebens mit Jugend und Alter, Kälte und Wärme, Tod und Auferstehung ist in der Perch verkörpert. Zu ihren Ehren deckte man Speisetische, deren Vorhandensein sie dann überprüfte und besonders auf häusliche Sauberkeit achtete. Schlampigen Mägden schnitt sie mit der Schere den Magen auf und kehrte deren Eingeweide zusammen.

Die Maske der Percht besitzt etwas Zwitterhaftes, Androgynes. Nur Männer in weit ausladenden Röcken dürfen sie tragen. Diese Figur, die schon zur Zeit der Wintersonnwende vor dem späteren Dreikönigstag herumfegte, mutierte im 17. Jahrhundert zum männlichen Perchtenläufer. Mit Teufelsmasken und anderen Maskierungen trieben diese in Alpentälern ihr oft sittenloses Treiben: inmitten einer von strenger religiöser Zucht im Zaum gehaltenen Gesellschaft. Im 18. Jahrhundert, als Aufklärer und Romantiker zurück zur Natur strebten, begann sich die bürgerliche und adlige Schicht für die Bräuche auf dem Land zu interessieren. Die unbändigen Perchten wurden domestiziert. Die wilde Seite der Perchenmaske, so der Brauchtumsexperte, verharmloste zur Folklore.

Und so hat jede Holzmaske ihre eigene Vergangenheit. Staunend erfährt der Zuhörer, dass die Fastnacht nicht auf germanischem Fundamenten ruht, sondern erst im Mittelalter durch den Klerus ihre Prägung erhielt. Manfred Stanka

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