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Verena Spicker hat die NS-Zeit in der Garchinger Chronik bearbeitet. Auch in Garching gelang es wortführenden Familien, ihren Einfluss übers Kriegsende hinweg in die Nachkriegszeit zu retten.

Einfühlsame Autorin

Schwieriges Kapitel: Die NS-Zeit in Garchings Chronik

Garching – Wie arbeitet man professionell die NS-Zeit in Ortschroniken auf? Die Garchinger haben dieses Problem bestens gelöst – und die junge Historikerin Verena Spicker damit beauftragt, die Zeit zwischen 1933 bis 1945 in der Stadt, die früher ein Bauerndorf war, zu bearbeiten. Herausgekommen sind 28 aufschlussreiche, gut zu lesende Seiten.

Die enthalten durchaus auch Überraschungen: „Ich wusste vieles selbst nicht“, sagte Rudi Naisar, Mitinitiator des dicken Geschichtsbuchs, bei dessen Erscheinen (wir berichteten).

Konzentriert hat sich die 28-Jährige auf zwei Punkte. Zum einen wollte sie darstellen, wie das System damals überhaupt funktioniert hat, welche Befugnisse ein Ortsgruppenleiter hatte, was ein Bauernführer war.

Und dann ging es ihr besonders um das KZ-Außenkommando, das zwar nach Schleißheim benannt gewesen ist, sich aber in Hochbrück befunden hat. Im Keller des Bruckenpeterhofs waren ab 1941 und bis Kriegsende 60 bis 150 Gefangene untergebracht. Die arbeiten mussten auf dem Gelände der SS-Berufsschule, die in der Landwirtschaft eingesetzt worden sind und im Fliegerhorst Schleißheim.

Und die, was Verena Spicker selbst wunderte, wie sie erzählt, für die Bevölkerung durchaus sichtbar gewesen sind. „Man meint immer, die Häftlinge waren völlig abgeschottet, aber das stimmt in vielen Fällen überhaupt nicht.“ Etwa der Lokführer der Klärschlammbahn wusste, was die verschiedenen Kennzeichnungen auf den Gefangenenklamotten zu bedeuten hatten.

Erstmals kommen jetzt, in der neuen Chronik der 1100 Jahre alten Stadt, auch einige der ehemaligen Lagerinsassen zu Wort. Rund 300 Stunden hat Spicker, die gerade ein Promotionsstudium angefangen hat, an dem Aufsatz gearbeitet. Sie hat in den verschiedensten Archiven geforscht – und ausgerechnet etwa im Bundesarchiv Berlin Urkunden gefunden, die die Grundstücksverkäufe für die SS-Berufsschule belegen.

Wiederum im Staatsarchiv stieß sie auf einen Briefwechsel, der zeigt, dass man, wenn man es geschickt anstellte und einen günstigen Zeitpunkt wählte, auch Einfluss hatte auf politische Gegebenheiten. Freilich nur in einem bestimmten Rahmen. Die 40 Garchinger jedenfalls, die sich unter Federführung von Bauernführer Josef Amon beim Bezirksamt über ihren NSDAP-Bürgermeister Friedrich Cornelius beschwerten, fanden letztlich Gehör.

Cornelius, hatten die Bauern geschrieben, habe keine Ahnung von der Landwirtschaft. Daraufhin wurde der Mann, 1933 erst eingesetzt im Amt, dann tatsächlich geschasst.

Als weniger ergiebig hat sich unterdessen die Auswertung der Gemeinderats-Protokolle im damaligen Bauerndorf mit seinen rund 1000 Einwohnern erwiesen. Schon 1933 war das Kommunalgremium neu zusammengesetzt worden, den Ergebnissen der Reichstagswahlen entsprechend. Zwei Jahre später wurde es komplett gleichgeschaltet – und hatte bestenfalls nur noch beratende Funktion. „Fast die ganze Zeit“, so die Erkenntnis von Verena Spicker, „ging es in den Sitzungen darum, wie und wo man ein Kriegerdenkmal aufstellen könnte.“ 

Die Historikerin, deren Prüfungsgebiet für den Magister auch die NS-Zeit gewesen ist, findet, dass man sich dem Thema mit viel Respekt nähern soll. Erzählt man ihr von der eigenen Familie und den möglichen Verstrickungen, rät sie zur Demut, und sie sagt, dass es auch deshalb sinnvoll ist, den Nationalsozialismus in Chroniken von Profis erforschen zu lassen, um „diejenigen, die gelitten haben, nicht vor den Kopf zu stoßen“. Sie habe es als große Herausforderung betrachtet, „den richtigen Ton zu treffen“. Was ihr ganz offensichtlich gelungen ist. Wie auch Autorenkollegen und Bürgermeister Dietmar Gruchmann fanden, die ihr zu ihrer Arbeit gratuliert haben. Andrea Kästle

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