"Sehen Sie es als Chance für Ihre Gemeinde"

- VON STEPHEN HANK Pullach - Früher schauten sie angestrengt in die andere Richtung, wenn sie sich außerhalb des Geländes auf der Straße begegneten. Heute können die Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes im BND-Shop in ihrer Kantine Badeschlappen, Kappen und Golfbälle mit dem Logo des deutschen Auslandsgeheimdienstes kaufen. Es ist viel anders geworden an der Pullacher Heilmannstraße, und noch mehr wird sich ändern, wenn die Regierungsbehörde nach derzeitiger Planung im Jahr 2008 damit beginnt, das Gelände zugunsten ihrer neuen Zentrale in Berlin zu räumen. "Sehen Sie es nicht als Unglück", appellierte BND-Präsident August Hanning jetzt bei einer gemeinsamen Begehung des Areals an die Pullacher Gemeinderäte, "sondern als Chance für Ihre Gemeinde."<BR>

<P>Der Bunker "Hagen", die alten Offiziershäuschen, die Präsidentenvilla, in der schon Geheimdienstlegende Reinhard Gehlen arbeitete und wohnte - für die meisten Kommunalpolitiker waren die historisch teilweise nicht unproblematischen Bauten mitten in ihrer Gemeinde Neuland. Führungen durch die frühere Martin-Bormann-Siedlung, die nach dem Krieg die Organisation Gehlen beherbergte und seit 1956 den Bundesnachrichtendienst, gab es praktisch nicht. Erst mit der Umzugsentscheidung im April vergangenen Jahres erkannte der BND die Notwendigkeit, sich auch bezüglich seiner Liegenschaft nach außen zu öffnen, und ermöglichte vereinzelte Besichtigungen, wie sie vor wenigen Monaten bereits der Münchner Merkur mitmachen durfte (wir berichteten).<P>Am Mittwochabend nun streifte die kommunalpolitische Spitze Pullachs über das 65 Hektar große Areal mit seinen 62 Häusern und Häuschen, durfte einen Blick in einzelne Büros werfen, den Übungsschießstand im Bunker - früner das Reserve-Führerhauptquartier - kennen lernen und sogar das Lageinformationszentrum besuchen, wo bis vor kurzem noch alle Fäden des Geheimdienstes zusammenliefen. Die Einrichtung sitzt - ebenso wie 1200 Mitarbeiter - mittlerweile in Berlin, "weil der BND näher an die Regierung heranrücken muss", wie es August Hanning formuliert. Dass auch der Rest von rund 3000 Mitarbeitern folgen wird, daran lässt er keinen Zweifel. "Es tut uns weh, dass der Dienst auseinandergerissen ist", sagt er. "Das bedeutet einen Effizienzverlust. Unsere Stärke ist es, integrativ zu arbeiten." Insofern führe an einer kompletten Verlagerung, wie sie seine Vorgänger bereits in den 70er Jahren diskutiert hätten, heute gerade angesichts der weltpolitischen Lage kein Weg mehr vorbei. "Der Umzug bringt für uns große Probleme mit sich", gesteht der 58-Jährige, "aber sie bringt uns auch große Chancen. Dasselbe gilt für Pullach."<P>Keine Wallfahrtsstätte für ewig Gestrige <P>Das wissen auch die Kommunalpolitiker, so recht freuen wollen sie sich allerdings noch nicht. Zwar beherbergen die BND-Mauern eine stattliche Parklandschaft und sogar Tennisplätze, was aber tun mit den meterdicken Betonbunkern, den alten Bürogebäuden und vor allem den Bauten aus der Nazizeit? Eine Wallfahrtsstätte für ewig Gestrige wolle man nun wirklich nicht haben, sind sich die Gemeindevertreter nach Beendigung des Rundgangs am Bayerischen Buffet einig. Davor warnt auch August Hanning. Weitere Entscheidungen über die Zukunft des Geheimdienstareals will er den kommunalen Würdenträgern aber nicht abnehmen. "Sie werden", so der Chefspion, "ab einem bestimmten Zeitpunkt mit dem Gelände umgehen müssen."<P>

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