"Sonst lachen wir uns in der Spaßgesellschaft alle noch mal tot"

- Reiner Bollmanns Arbeiten in Ottobrunn

Ottobrunn - Unter "Rotzfahne" stellt man sich im allgemeinen ein unappetitliches zerknülltes Taschentuch vor, das von einem verschnupften Menschen nach Gebrauch in den Mülleimer geschmissen wird. "Rotzfahnen" nennt Reiner Bollmann seine neuesten Arbeiten, die er zum ersten Mal in der Ottobrunner Galerie "Treffpunkt Kunst" ausstellt.

Mit dem Begriff provoziert der Künstler und - er kokettiert. Denn seine Malerei auf Papiertaschentüchern hat wenig mit Rotz zu tun und sollte schon gar nicht im Müll landen. Die kleinen quadratischen Kunstwerke - teilweise abstrakt - führen das weiter, was Bollmann bislang auf größeren Formaten und auf anderem Hintergrund macht: ganz persönliche Bilder voller Ausdruckskraft und Sensibilität, die das Innere nach außen kehren. Die Hängung im Untergeschoss der Galerie tut das Übrige: Die bunten Quadrate - jeweils vier neben- und fünf untereinander - ergeben ein wunderbares Gesamtbild. Doch auch einzeln ist das bemalte Papiertaschentuch Kunst.

Auf die Idee ist Bollmann, der für seine Experimentierfreude bekannt ist, bei der Arbeit daheim in Karlsfeld gekommen. Wenn er an seinen Aquarellen malt, hat er ein Taschentuch neben sich liegen, um die Pinsel abzutupfen. Die spontanen, unbewusst entstandenen Farbflächen hat er größtenteils nachbearbeitet, Figuren eingefügt oder Gegenstände dazu gemalt. Damit das Taschentuch zur strapazierfähigen Leinwand wird, präpariert es der Künstler und spannt es auf quadratische Holzrahmen. Später ist durchaus noch die Struktur erkennbar, denn Bollmann zieht das Taschentuch nicht völlig glatt. "Das Leben hat Ecken und Kanten", sagt er und "meine Arbeiten haben immer ganz stark mit dem Leben zu tun".

Bollmann ist einer, der sich einmischen will. Er findet, dass Künstler viel mehr Stellung beziehen sollten. "So rosig wird die Zukunft für unsere Kinder nicht mehr sein", befürchtet er. Wenn er sich in Rage redet, prangert er den "technischen Faschismus" der modernen Zeit an. Die Menschen dürften sich nicht zu sehr manipulieren und verführen lassen, "sonst werden wir uns in der Spaßgesellschaft alle noch mal totlachen".

Auf seinen Selbstbildnissen zeigt er sich nachdenklich, ernst, manchmal fast düster. Diese Arbeiten sind die einzigen, die einen Titel haben. "Ich denke, der Betrachter findet sich auch so wieder", meint der Künstler. Mit einem Titel würde er zu sehr in eine Richtung lenken. "Dabei stelle ich immer wieder fest, dass die Leute etwas ganz anderes in einem Bild sehen als ich." Die Themen seiner Aquarelle, die er nie auf Aquarellpapier, sondern auf Hartfaserplatten oder satinierten Karton malt, sind die des Lebens: Liebe, Freude, Schmerz, Tod und Trauer.

Bernadette Heimann

Bis 7. Februar, jeweils Di. bis Fr. von 15 bis 19 Uhr, Sa. 10 bis 13 Uhr.

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