Spannender Episodenreigen aus dem Elfenbeinturm

- "Die Brüder Grimm" im Bürgerhaus Pullach

VON MANFRED STANKA Pullach - Als skurriles Kontrastpaar hocken die beiden ältlichen Sonderlinge an ihren Pulten und nebeln das Bürgerhaus-Publikum mit Bücherstaub und Philologen-Gelehrsamkeit ein. Jacob und Wilhelm Grimm, Brüder von Geburt und Zwillinge im Geist, nisten im Elfenbeinturm. Draußen vor der Tür lauert das reaktionäre Deutschland des 19. Jahrhunderts, und drinnen werden die Käuze von sexuellen Verdrängungen geplagt.

Kann man das noch inszenieren oder wird nur ein literatursüchtiges Germanisten-Kränzchen abgespeist? Die Autorin Dagmar Papula meint "ja" und malt mit ihren "Die Gebrüder Grimm" dialoglastig einen historischen Bilderbogen. Dessen Aufbau erinnert teils an hörspielselige Zeiten, fasziniert aber auch durch ironische Charakterzeichnungen und einen kräftigen Schuss verquerer Poesie.

Mal von ihrer Märchensammlung abgesehen, scheinen die beiden Grimms trotz aller Verdienste um die deutsche Sprache zu den wörterbuchlastigen Langeweilern der deutschen Literatur zu gehören. Das Stück dementiert das Vorurteil und hievt die komisch verbiesterten Einzelgänger auf eine verhalten anarchistische Ebene. Die Realität von Jacob und Wilhelm ist die Welt der Dichtung, eine, die notgedrungen mit dem Leben konkurriert. Im biedermeierlichen Mief ihrer Umwelt streiten sie als Nachkommen der depressiven Helden mancher ihrer Geschichten gegen Mammon und Sprachzerfall. Und eine Frau kommt nicht ins Haus. Aber das Herz ist ein einsamer Jäger: einer muss heiraten. Schon der Gerüchte um den "weiberlosen Hausstand" wegen. Wie im Mythos hat nun eine geheimnisvolle Alte - Schicksalsbotin, Urmutter, Todesengel - die passende Partie an der Angel. Wilhelm wird Dortchen ehelichen - eine patente, bodenständige Frau mit unerschöpflichem Verständnis für die Macken der Männer. Nur ihre Neigung zu Märchen mit depressivem Ausgang gibt Anlass zur Unruhe. Aber die Ehe funktioniert, steigert sich zum gefühlsinnigen moralischen Dreier.

Die verqueren Grimms schreiten durchs kleinbürgerlich-akademische Dasein mit seinen Würden und Demütigungen, werden mit Berufsverbot und mit Ehrungen belegt. Und schließlich rückt auch die Dichterwitwe Bettina von Armin als kämpferische Salon-Emanze zeitweise ins Blickfeld. Dorthe vergeht vor Eifersucht. Und am Ende ruht Jacob an der Seite von Wilhelm - für alle Ewigkeit.

Also eine Mixtur aus historisierender Soap-Opera und bildungsbürgerlichem Anspruch? Auch das, aber zugleich ein von Regisseur Jürgen Kloth durch raffinierte Überblendungen gezimmerter Episodenreigen. Vor allem aber gönnen sich Martin Lüttge und Norbert Kentrup eine schauspielerische Verbrüderung, der nur ältere Mimen gewachsen zu sein scheinen. Ihre Sprache und ihre darstellerische Präsenz stellt eine Spannung her, die den ganzen Abend anhält.

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