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Besuch beim Klassenfeind: Heinz Felfe 1956 in Denver. Offizieller Reisezweck der deutschen Agenten: „Besprechungen mit Stellen der US-Regierung“.

Spionageaffäre Heinz Felfe

Wie der Doppelagent von Pullach den BND täuschte

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Die Spionageaffäre um den KGB-Agenten Heinz Felfe war in den 1950er-Jahren der Aufreger in der jungen Bundesrepublik. Es ist die bis heute größte Panne, die sich der Pullacher Dienstgeleistet hat. Nun legt der BND die peinliche Geschichte selbst offen.

Pullach – Am 8. September 1956, einem Samstag, machte sich vom Flughafen München-Riem eine Reisegruppe auf den Weg nach Washington. Für die acht Männer, zwischen 37 und 60 Jahre alt, war Business-Class bei Pan Am gebucht, der USA-Aufenthalt sollte mehrere Wochen dauern. Ein Besuch im Paradeland der Demokratie mit Hintergedanken. Denn bei den Fluggästen, die nach eineinhalbtägiger Reise im Hotel „Statler“, einem der besten Häuser in Washington DC mit Fernsehgerät in jedem Zimmer, eintrafen, handelte es sich um BND-Agenten. Ihnen wollten die Kollegen von der CIA ein wenig Demokratie und etwas American Way of Life einhauchen.

Das war auch bitter notwendig, denn unbelastet waren die deutschen Agenten beileibe nicht. Einer von ihnen, Kurt Kohler, war schon 1931 Nationalsozialist, andere waren bei der Waffen-SS oder bei der Spionageabwehr der Wehrmacht in der Sowjetunion. Heinz Felfe, der Sohn eines sächsischen Kriminalbeamten, gehörte schon 1931 dem NS-Schülerbund an, 1941 gelang dem Juristen der Wechsel ins Reichssicherheitshauptamt, das den Judenmord in ganz Europa plante. Felfe selbst war Kriminalkommissar im Rang eines SS-Untersturmführers mit Einsätzen in Dresden, Gleiwitz und den Niederlanden. Verwicklungen in die Verfolgung von politischem Widerstand sind möglich, sagt der Buchautor Bodo Hechelhammer, der die sonderbare Karriere des Agenten nun ausgeleuchtet hat.

Hechelhammer kennt sich aus in dem Metier. Der freundliche Mann mit Brille, promovierter Historiker (über den Kreuzzug Friedrichs II.), war mal selbst BND-Agent, über seine Einsatzgebiete schweigt er. Jetzt leitet er eine BND-interne Arbeitsgruppe, die mit Akribie die Geschichte des „Dienstes“ aufarbeitet. Das Historische Büro des BND mit zehn Mitarbeitern hat schon die NS-Vergangenheit etlicher (längst verstorbener) Mitarbeiter bloßgelegt. Jetzt ist Heinz Felfe an der Reihe.

Seit 1950 lieferte Felfe über 15 000 Geheimdienst-Schriftstücke an den sowjetischen KGB und enttarnte wohl hunderte von Agenten – allein bei der CIA waren es 100. Überzeugter Kommunist war Felfe wohl nicht, sagt Hechelhammer. Im Gegenteil wohl Antikommunist. Er sah seine Spionage als Brotberuf an und ging als KGB-Agent zum BND. Aus seiner Sicht war die Ausforschung der Pullacher schlicht sein Job. 1961 wurde er enttarnt, verhaftet, dann zu 14 Jahren Haft verurteilt und 1969 gegen politische Häftlinge in der DDR ausgetauscht.

Der Fall ist bis heute die größte Panne des Pullacher Dienstes. „Es war ein enormer Imageschaden“, sagt Hechelhammer. „Die Mitarbeiter waren extrem verunsichert, ja schockiert.“ Die Affäre kratzte am Ruf des BND, zumal kurz zuvor die Berliner Mauer gebaut worden war – auch das hatte der Dienst nicht präzise genug vorhergesagt.

Felfe lebte später in Ost-Berlin und erhielt 1972 dort eine Professur für Kriminalistik, wo er zum Großteil Studenten unterrichtete, die die Staatssicherheit schickte. 2008 ist er gestorben. Hechelhammer hat ihn „leider“ nicht mehr kennengelernt, seine Witwe verweigerte das Gespräch. Doch das Material, das er im BND-Archiv fand, ist reichhaltig genug.

Der BND-Sitz in Pullach.

„Amerika-Reise“, hat Felfe handschriftlich auf ein Album geschrieben, das die wohl ungewöhnlichste seiner Agenten-Touren dokumentiert: Eine Reise zum Klassenfeind, die Felfe mit vielen Fotos festhielt. Alles wurde abgelichtet: Kapitol, Pentagon, Lincoln Memorial, Frauen, die in Wildwest-Kluft durch amerikanische Kleinstädte ritten. Ein Amerika-Bild der 1950er-Jahre. Hechelhammer hat die Freigabe zur Publikation erhalten – die nun einen faszinierenden kulturgeschichtlichen Einblick in die verschwiemelte, zugleich aber Neuem gegenüber durchaus aufgeschlossene Welt des Geheimdienstes in der Adenauer-BRD ermöglicht.

Schon das Essen begeisterte die Gäste. „Small breakfast mit Juice, Coffee dazu Blätterteig und süße Butter“, beschrieb Felfe in radebrechendem English das erste Frühstück. Überhaupt viele Notizen drehten sich um das Essen: Turkey-Fleisch, Käse auf Apfelkuchen, Gelee und Hühnerbrühe – das Buch dokumentiert ganz nebenbei die regelrechte Fresssucht der ausgezehrten Nachkriegs-Deutschen in der amerikanischen Kalorien-Küche. Das Bier kam aber aus Bayern. „Das Hühnerbein mit eisgekühltem Löwenbräu aus München schmeckte herrlich“, hieß es im Tagebuch eines BND-Reiseteilnehmers.

Sodann die Reisestationen: Zwischenstopp in Philadelphia („3. größte Stadt der USA/Stahl 200 docks“, notierte Felfe), Detroit, Denver, San Francisco mit Chinatown, Los Angeles mit Sunset Boulevard, die Rocky Mountains, Idaho Springs – kaum eine Touri-Attraktion wurde ausgelassen. Sie fotografierten Indianer, Cadillacs und die Golden Gate Bridge. Zwischendrin blieb Zeit für Abstecher ins Shopping Center, was ein BND-Agent etwas unbeholfen als „Kaufstadt“ übersetzte.

Einmal gastierten die BND-Leute abends privat beim CIA-Kollegen Jean M. Evans und waren vom Luxus tief beeindruckt, vor allem vom Vorhandensein einer Spül- und einer Waschmaschine. Beim Souvenir-Einkauf durfte die Jeans nicht fehlen. Nebenbei erfuhr Felfe aber auch einiges über den Organisationsaufbau der CIA, was er in seinen Taschenkalender sorgfältig notierte – man kann nur annehmen, dass er das eins zu eins an den KGB weitergab.

21 CIA-Agenten, die er in den USA kennengelernt hatte, verriet er an die Sowjets. Sehr interessiert war Felfe auch am Lügendetektor. Zurück in Pullach riet er BND-Chef Reinhard Gehlen zum Kauf solcher Geräte – und tatsächlich setzte der BND, wie Hechelhammer schreibt, in den 1960er-Jahren für kurze Zeit Detektoren ein.

Die dreiwöchige Reise der acht BND-Leute aus der Abteilung Spionageabwehr und Gegenspionage, die sich selbst nur mit Tarnnamen kannten und nummeriert wurden (Felfe als 147.401), war ein besonderes Privileg. In den 1950er-Jahren umfasste der Jahresurlaub von „Otto Normalverbraucher“ in der Bundesrepublik nur bescheidene zwölf Tage, gerade einmal ein Fünftel der Bundesbürger besaß überhaupt einen Reisepass.

Das Buch ist daher weit mehr als eine sachliche Studie, es liefert eine kulturgeschichtliche Beschreibung der USA-Faszination, die in den 1950er-Jahren die junge Bundesrepublik erfasste. Damals pilgerte mit freundlicher, auch finanzieller Unterstützung der Besatzungsmacht die bundesrepublikanische Elite, hunderte von Arbeitsgruppen aus Politik, Wirtschaft und auch Journalismus, zu Studienzwecken in die USA. Der BND-Trupp war nur einer von vielen. Sie sollten „nicht nur von der Fachexpertise und der Größe der CIA beeindruckt werden, sondern sich vielmehr generell für das Amerika der Fünfzigerjahre begeistern“, schreibt Autor Hechelhammer. Die Demokratisierung der Funktionseliten gelang zumindest teilweise – viele der damaligen Teilnehmer sprechen noch heute mit Hochachtung von ihren damaligen Erfahrungen.

Obwohl die BND-Leute in den USA als „Angestellte der Bundesrepublik“ auftraten, deren Reisezweck „Besprechungen mit Stellen der US-Regierung“ sei, war die Reise der Anfang vom Ende des KGB-Spions Felfe. Ein zur CIA übergelaufener Ex-KGB-Mann namens Michael Goleniewski (Deckname „Sniper“) berichtete im März 1959, im KGB sei laut geworden, dass an einer BND-Reise in den USA auch zwei sowjetische Agenten teilgenommen hätten. Der Verdacht veranlasste BND-Chef Gehlen zum Einsetzen einer internen Untersuchung. Am 6. November 1961 wurden Felfe und sein Kollege Hans Clemens verhaftet.

Der Fall Clemens gibt bis heute Rätsel auf – denn dieser BND-Mann war gar nicht in den USA. Letztlich wurde der zweite KGB-Mann in den USA nie enttarnt. Felfe indes, so sagt Hechelhammer, hätte sogar schon früher auffliegen müssen. Doch der amerikanische Heeres-Geheimdienst CIC gab sein Wissen nicht an die Kollegen von der CIA weiter – „da standen sich zwei Geheimdienste selbst im Weg“, sagt Hechelhammer.

Auch nach seiner Festnahme und Auslieferung in die DDR blieb Felfe, wie man heute weiß, eine wertvolle Quelle zum Schaden der Pullacher. 1971 erschien in Ost-Berlin eine Dissertation im Auftrag der Staatssicherheit. „Zur Kontinuität der Politik des deutschen Imperialismus. Entstehung und Aufbau des Bundesnachrichtendienstes“. Ihr Autor: Heinz Felfe.

Das Buch

Bodo Hechelhammer: Doppelagent Heinz Felfe entdeckt Amerika. Ferdinand Schöningh Verlag, 39,90 Euro.

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