Sprach- und Sprechkunst, die den Atem stocken lassen

- Schauspieler Rolf Boysen liest Kleist-Erzählung in Pullach

VON MANFRED STANKA Pullach - Vor der Bühne im Parkett ein kleines Podest. Hier schafft sich Rolf Boysen Raum für einen gigantischen Weltentwurf - allein mit den Mitteln seiner Sprachkunst und Heinrich von Kleists herrlichster Erzählung "Die Verlobung in St. Domingo". Das Publikum sieht sich einer Attacke mitten ins Herz ausgesetzt, die ihm den Atem raubt und seine Konzentration weit über anderthalb Stunden festhält.

Der Pullacher Rotary Club hatte Rolf Boysen zu einer Lesung überredet und ihn dafür einen Abend lang ins Bürgerhaus gelockt - Ereignis genug, möchte man meinen. Aber der Star von den Münchner Kammerspielen verlieh der Benefiz-Veranstaltung zugunsten des Projekts "Leben ohne Sucht und Gewalt" eine ungeahnte Dimension. Zwanglos schlicht sein Erzählton, geformt von straff gezügelter Chronistenpflicht. Schauplatz ist eine Plantage auf der bis vor kurzem noch französischen Inselkolonie St. Domingo (Haiti) anno 1803. Dort lodern, vom Sturm auf die Bastille entzündet, die Fackeln der Revolution. Der siegreiche Befreiungskampf der Schwarzen unter Jean-Jacques Dessalines tritt in seine letzte mit terroristischen Methoden geführte Phase. Alle Weisen sollen getötet werden!

Kleist greift also auf eine "historische Begebenheit" zurück, mit der die Klassiker ihre fiktiven Geschichten mit scheinbar historischer Authentizität oft zu untermauern versuchten. Und da tritt ein "fürchterlicher alter Neger" namens Congo Hoango in Erscheinung. Sein Lockvogel ist die schöne Mestizin Toni, die ihm flüchtige Waise an Messer liefert. Boysens scheinbare Erzählerobjektivität scheint unverändert, und dennoch ist ihm das Publikum rettungslos ausgeliefert: dank einer Sprachkunst, die den Hals abschnürt und in die Seele fährt. Ein Schweizer Offizier sucht für die Seinen Schutz, in Toni erblüht die Liebe. Sie löst ihre angestammten Verbindungen auf und gibt sich dem Ankömmling hin. "Was weiter erfolgte, brauchen wir nicht zu melden, weil es jeder der an diese Stelle kommt, selbst liest." An solchen Stellen kommt Kleists Sprache zur Ruhe und der Schauspieler als Erzähler verlangsamt unmerklich den Vorleserhythmus. Mit dramatischer Unerbittlichkeit aber verlieren sich die Protagonisten in Misstrauen, um sich im Liebestod auf ewig zu finden. Kleists radikale Bildersprache, die blitzt, funkelt und keine Zäsur, kein Innehalten zulässt, findet in Rolf Boysen ihren kongenialen Interpreten. Auch er gönnt sich und dem Publikum keine Atempause, stockt nicht im komplizierten Sprachfluss und setzt die zerhackten Perioden als gestalterisches Mittel ein.

Der Star-Mime bindet Kleists elementare Emotionalität ein in den stetigen Erzählfluss. Doch unter der Oberfläche lässt er mit Nuancen und Stimmfärbungen den Herzschlag aller dieser gepeinigten Figuren im Dichter-Kosmos erklingen. Ein Abend, vom Zauber des Einmaligen geprägt, der dem Rotary-Club zugleich 5000 Euro an Spenden einbrachte.

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