Sprache der Nähe und Identität

- Dialektologe zu Gast in Deisenhofen

Oberhaching - Wer hätte gedacht, dass die Bayern hochdeutsch reden? Und die Österreicher bayerisch? In seinem - zeitweilig akademisch allzu genauen - Vortrag "Dialekte in Bayern" erläuterte der Regensburger Germanist Rupert Hochholzer, was Dialekte sind.

Das Hochdeutsche sei ein Dialekt, so Hochholzer, der sich durch die zweite Lautverschiebung entwickelte. Dazu gehöre das Oberdeutsche und dazu wiederum unter anderem das Bayerische. Für Hochholzer - selbst Bayer aus dem Rottal - ist der Dialekt mehr als eine regionale Sprachvariante. Er sieht darin auch ein Sprachgefühl, assoziiert damit Landschaften, Situationen und Musik.

Hochholzer fasziniert die Vielfalt der Dialekte. Der Dialekt ist für ihn "eine Sprache der Nähe". In Bayern tritt eine Vielfalt an Dialekten auf: das Schwäbische, Fränkische, das Bayerische und andere mehr. Das Bayerische jedoch gehe über die Staatsgrenze Bayerns hinaus, so Hochholzer. Denn das Herzogtum Altbaiern aus dem 8. Jahrhundert zum Beispiel hatte gänzlich andere Grenzen als das heutige Bayern. Damals war Salzburg das Zentrum und Regensburg ein wichtiger Ort, München dagegen gab es noch nicht. Deshalb spreche man die bayerischen Dialekte auch in Österreich und Südtirol. Das sei auch sprachwissenschaftlich korrekt. Ob jedoch die Österreicher wissen, dass sie Bayerisch reden? Das glaubt der Sprachwissenschaftler nicht.

In Oberhaching übrigens spreche man einen west-mittelbayerischen Dialekt mit der typischen L-Vokalisierung, die aus viel "vui" macht. Aus seinem Interesse an den Dialekten Bayerns hat er das Regensburger Dialektforum ins Leben gerufen, eine seit drei Jahren bestehende Veranstaltungsreihe. Hier werden verschiedene Aspekte des weiten Feldes betrachtet und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Viele fürchten laut Holzhofer, dass sie mit dem Dialekt ein Stück ihrer Identität verlieren. Deshalb stehe dahinter auch ein aufklärerischer Gedanke. "Die Sprache ist für die Identität einer Region sehr wichtig", stellt der Forscher klar. Er bedauere, dass in der Schule heute sehr wenig Wissen darüber vermittelt werde und selbst die Lehrer nur sehr wenig über die Dialekte wüssten. "In der Sprachwissenschaft sieht man Dialekte nicht mehr als minderwertig an", so Hochholzer. Je nach Situation würde sich der Sprecher der Standard-, Umgangssprache oder des Dialektes bedienen. Sein Resümee: "Man sollte die Vielfalt an sprachlichen Ausdrucksformen zulassen." Holchholzer, der über das Thema "Dialekte in der Schule" habilitierte, begrüßt es, wenn Kinder über mehrere Sprachvarianten verfügen. Per Lehrplan könne man Mundartpflege nicht verordnen. So etwas müsse natürlich wachsen, vielleicht über Musik: "Musik ist ein Weg, auch die nachwachsende Generation zu überzeugen, dass es lohnend ist, sich mit den Dialekten zu beschäftigen." In der Sendereihe "Dialekte in Bayern", die seit November auf BR-alpha ausgestrahlt wird, will Hochholzer die bayerischen Dialekte in einer unterhaltsamen Form zugänglich machen.

Anke Schulze

Auch interessant

Kommentare