Stich für Stich zum Meisterwerk

- Handstickerei: Gallmeiers halten seltenen Beruf am Leben

GTEXT=Haar - Das Wohnzimmer der Familie Gallmeier in Haar gleicht einer Mischung aus Kunstmuseum und Werkstatt: Messgewänder aus vielen Epochen hängen an den Kleiderständern, manche an Bauch und Armen abgewetzt, andere glänzen prunkvoll neu mit ihrer edlen Stickerei. Reparaturbedürftige Vereinsfahnen liegen säuberlich zusammengelegt neben den Arbeitstischen, die von Fäden und Garnknäuel überzogen sind, an den Wänden gestickte Bilder. All diese Kunstwerke sind unter den Händen der Frauen des Hauses entstanden: Rosa Gallmeier (67) und ihre Tochter Claudia (27) sind Handstickerinnen - ein fast aussterbendes Handwerk.

Über 40 Jahren ist es her, dass Rosa Gallmeier die Sticknadel in die Hand genommen hat. "Ich habe zuerst Schneiderin gelernt. Dann ist man auf mich aufmerksam geworden, weil ich gut zeichnen konnte", sagt die gebürtige Südtirolerin. Auf Rat eines Monsignore zog die junge Frau, die mit acht Geschwistern in einer Holzhacker-Familie aufgewachsen ist, von einem Kloster zum anderen. Nicht etwa, um einem Orden beizutreten, sondern um sich die Stickkunst von den Nonnen und Mönchen abzuschauen. Bis Österreich und Deutschland kam sie auf ihrer Lehrwanderschaft. Ab diesem Zeitpunkt war sie Handstickerin, und als ihre Tochter Claudia geboren war, wuchs diese zwischen Faden und Nadel auf.

Schon mit vier Jahren hat die Tochter ein kleines Deckchen bestickt - mit unübersehbarem Talent. Handstickerin war für Claudia dennoch nicht der Berufswunsch Nummer eins: Als Kind und Teenager träumte sie von einer Karriere als Tänzerin, gesteht sie mit verschämtem Lächeln. Heute bereut sie nicht im Geringsten, dass sie dieser Idee nicht länger nachgehangen ist: Handstickerin ist ihr Traumberuf geworden.

Nur fünf Stickerinnenauszubildende gab es von 1994 bis `97 in Bayern, davon lernten zwei das Sticken mit der Maschine und nur drei - darunter Claudia Gallmeier - das Handsticken. Bereits mit 21 Jahren hat sich Claudia selbstständig gemacht. "Anders hätte sie wohl auch keine Arbeit bekommen", sagt ihre Mutter. 2001 hat Claudia ihre Meisterprüfung gemacht, mit Note eins.

Von Anfang an arbeiten die beiden Gallmeier-Frauen im Team, lernen voneinander und ergänzen sich in ihren Fähigkeiten. Und sie sind sich auch Unterhaltung und Zerstreuung bei der oft äußerst langwierigen Arbeit: Bis zu drei Monaten sticken die Frauen an einem Messgewand. Sechs Zentimeter im Quadrat - mehr sind am Tag auf keinen Fall zu schaffen. Der künstlerische Beruf birgt trotzdem viel Abwechslung - das liebt Claudia an ihrer Arbeit: Es gibt unzählige Stickstiche, riesige Materialvielfalt und vom gestickten Lederhosenschild über Glitzerschriftzug auf T-Shirts und der Ostertischdecke bis hin zum über 6000-Euro-Meßgewand und der Vereinsfahne ist in vielen Bereichen Stickerei gefragt. "Vergleichbar mit der Malerei, nur dass man statt Pinsel und Farbe eben Nadel und Faden benutzt", schwärmt Claudia Gallmeier. Im Moment versucht sie sich an einem gestickten Picasso, mit dem sie sich an der Kunstakademie bewerben will.

Auch in so einem traditionellen Handwerk gibt es Veränderungen. Nicht alle finden die Gallmeiers positiv. "Auf Messgewändern ging in den letzten Jahren die Symbolik verloren, die früher doch so schön und prunkvoll war." Heute sei man da viel simpler, bemängelt Mutter Gallmeier. In der Haarer Handstickerei hat man sich die Rückkehr zum prunkvollen Messgewand zur Aufgabe gemacht. Welcher Geistliche könnte solchen Kunstwerken widerstehen. Claudia Erl

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