Insektensterben im Landkreis

Es fiept, piept und summt nicht mehr

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Fast unbemerkt sterben immer mehr Insekten, Vögel und Pflanzen. Experten warnen schon lange vor dramatischen Folgen für Ökosysteme. Auch der Landkreis ist betroffen.

Landkreis– Dass etwas nicht stimmt, hat Oliver Seth beim Imkern gemerkt. Seit fünf Jahren hält er Bienen in seinem Garten in Straßlach. Doch diese haben bisher nur etwa 15 Kilogramm Honig produziert. Zwar sei Imkern nur sein Hobby, sagt der Grünen-Kreirat. „Doch selbst dafür ist die Menge an Honig erbärmlich.“ Zuerst dachte Seth, er mache etwas falsch. Doch irgendwann fiel ihm auf, dass Traktoren die Wiesen in der Umgebung ständig abmähten. Die Bauern bespritzten ihre Äcker mit Pestiziden. Auch in den Wäldern wüchsen fast nur noch Fichten, sagt Seth. Plötzlich sah er, wie die Welt der Bienen nach und nach verschwand. 

Der Frühling naht. Doch es fiept, piept und summt nicht mehr in der Natur. Auf den Feldern, Wiesen und in den Wäldern herrscht Totenstille. Es findet ein dramatisches Massensterben statt. Wissenschaftler gehen davon, dass seit Ende der 80er-Jahre fast 80 Prozent der Insekten verschwunden sind. Das gefährdet Vögel, weil sie ohne Nahrung verhungern, und Pflanzen, weil sie niemand mehr bestäubt. Die Folge: Ganze Ökosysteme drohen zu kippen.

Insekten finden keine Nahrung mehr

Zwar fehlen für den Landkreis entsprechende Studien und Zahlen. Aber Michael Schrödl von der Zoologischen Staatssammlung in München geht davon aus, dass das Artensterben im Landkreis besonders groß sein könnte. Schließlich würden die natürlichen Flächen hier intensiver als anderswo genutzt. Damit schwindet der Lebensraum für Wildbienen, Schmetterlinge oder Hummeln. Schrödl warnt: „Es geht so nicht weiter. Viele Menschen werden ein böses Erwachen erleben.“ Dass es weniger Arten als früher gebe, könne jeder selbst wahrnehmen. Er fragt: Wo im Landkreis gebe es denn noch Fasane oder Rebhühner?

Auch Ulrike Windsperger vom Imkerverein Ottobrunn und Umgebung ist alarmiert. Sie betreibt den Lehrbienenpfad in Hohenbrunn. „Uns sterben die Bestäuber weg und das ist wirklich katastrophal“, sagt sie. Das Problem ist ihrer Ansicht nach, dass Insekten keine Nahrung mehr finden. „Die Gärten werden immer kleiner.“ Dass der Rasen akkurat geschnitten sei, sei wichtiger als jede Blüte. „Mittlerweile gibt es ja sogar schon Mähroboter.“

Auch die Stadt München mähe jeden öffentliche Grünfläche ab, bevor dort irgendetwas blühen könnte. Hinzukomme der übermäßige Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft und der enorme Flächenverbrauch – in Bayern etwa 18 Fußballfelder am Tag.

Pestizide und Monokulturen

Viele Wissenschaftler sind sich einig: Die Hauptschuld am Artensterben trägt der übermäßige Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft. „Das ist unbestritten“, sagt Schrödl. Das Schlimme sei nicht nur das Glyphosat. „Es werden ganze Giftcocktails gespritzt.“ Zwar würden sich die Bauern an die Grenzwerte halten. Die Zerstörung für die Natur sei dennoch dramatisch. Es entstünden Monokulturen. Auf Wiesen sehe er nur noch ein Einheitsgrün oder Einheitsgelb. „Von Vielfalt ist da keine Spur mehr. Das haut es uns irgendwann um die Ohren.“

Grünen Kreisrat Oliver Seth.

Oliver Seth will dem Artensterben entgegentreten. Der Biochemiker sitzt für die Grünen im Kreistag. Im vergangenen Jahr hat er das Projekt „Blühender Landkreis“ initiiert. Das Ziel: Der Aufbau einer Steuerungsgruppe mit Vertretern verschiedener Organisationen wie Imker- und Gartenbauverein sowie Landwirtschaftsverbänden. Doch daraus wurde nichts, weil eine Mehrheit im Kreistag das Projekt im letzten Moment auf Eis legte (wir berichteten). Der Grund: Die benötigte halbe Stelle, den Landkreis 30 000 Euro pro Jahr kosten würde, war den Räten zu teuer.

Nun hat Seth einen neuen und billigeren Vorschlag gemacht. Er möchte, dass sich der Landkreis an dem Netzwerk „Bayern summt“ beteiligt. Die Initiative will mit verschiedenen Aktionen neue Lebensräume für Bienen schaffen. Im Landkreis sollen zunächst zwei Workshops stattfinden. Die Kooperation würde den Landkreis 10 000 Euro kosten. Der Ausschuss für Umweltfragen will sich in seiner nächsten Sitzung am kommenden Mittwoch damit befassen.

Jeder kann einen Beitrag leisten

Experten wie Windsperger und Schrödl finden solche Initiativen gut, weil sie das Bewusstsein für das Problem stärken. Doch schon jetzt kann jeder seinen Beitrag leisten. Windsperger etwa sagt, wer einen Garten besitze, sollte ihn nicht ständig „klein schneiden“. Und Schroedl glaubt, wenn mehr Menschen Biolebensmittel kaufen würden, werde weniger gespritzt. „Die Industrie schaut auf das Konsumverhalten.“

Rubriklistenbild: © dpa

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