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Straßlach anno 1911: Das „Forsthaus Oberdill“, das dort stand, wo heute die Bushaltestelle „Frundsbergerstraße“ ist, war ein überaus beliebtes Ausflugsziel. In de n 60er Jahren wurde das Anwesen abgerissen, um die Straße verbreitern zu können.

1200 Jahre Straßlach - 850 Jahre Dingharting

RAF-Attentat und Untergang der Titanic: Dörfer im Zentrum des Weltgeschehens

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Straßlach begeht seinen 1200. Geburtstag, Dingharting stößt an auf 850 Jahren. Vom 11. bis zum 13. Oktober macht die Gemeinde für ihre Bürger Programm. Die Dörfer standen mehrmals im Zentrum des Weltgeschehens.

Straßlach-Dingharting – Die Wiesn ist noch nicht lang vorbei – dann wird im kleinen Straßlach-Dingharting gleich weitergefeiert. Ein Doppeljubiläum steht auf der Agenda, Straßlach begeht seinen 1200. Geburtstag, Dingharting stößt an auf seine erste urkundliche Erwähnung, die heuer genau 850 Jahre zurückliegt. Vom 11. bis zum 13. Oktober macht die Gemeinde deshalb für ihre Bürger Programm. 

Beide Orte dürften allerdings erheblich älter sein und sogar auf römische Gründungen zurückgehen. Schließlich verläuft in der Nähe von Straßlach, das 819 erstmals in den Akten auftaucht als „alter Ort mit Kirche“ namens „Strazzloch“, die Römerstraße. Und in Dingharting verweise wiederum der Kirchenpatron St. Laurentius auf spätantike Wurzeln, sagt Rolf-Dieter Preller, der für die von der Gemeinde herausgegebene Festschrift zum Jubiläum die wichtigsten Ereignisse in Straßlach wie in Dingharting im Lauf der Jahrhunderte zusammengetragen hat.

Georg Prellers Geschichten aus der Geschichte

Preller war lang Lehrer unter anderem für Geschichte am Gymnasium, er ist der Neffe von Georg Preller, dem ehemaligen Lieblings-Lehrer der Gemeinde, nach dem 1969 dann auch die Straßlacher Grundschule benannt worden ist. Der hatte sich ebenfalls für Ortsgeschichte interessiert und in den von ihm im Eigenverlag herausgegebenen, praktisch im Alleingang zugeschriebenen Heften „Unter uns g’sagt“ regelmäßig Geschichten aus dieser Geschichte erzählt. Sein Neffe hat all diese Publikationen jetzt ausgewertet – und außerdem noch einiges nachrecherchiert in Archiven.

Die Winter’sche Lohn-Dreschmaschine mit Kaspar Hibsch an der Dampfmaschine. Aufnahme aus dem Jahr 1894. Sobald im Herbst die wichtigste Arbeit bei den Bauern getan war, durften die Kleinbauern ihr Korn kostenlos zu Frau Winter zum Dreschen bringen.

Aus dem, was er für die Festschrift zusammengestellt hat, lässt sich eins sicher ablesen: Selbst Straßlach und Dingharting wurden von der Weltgeschichte immer auch in Mitleidenschaft gezogen. Egal, was man nimmt: ob den 30-jährigen Krieg, Napoleons Russlandfeldzug, die Revolution in Bayern oder die RAF-Attentate – jedes Mal haben sich diese Ereignisse auch am linken Isarhochufer niedergeschlagen. Sogar an Bord der Titanic befand sich ein gebürtiger Straßlacher – und ging im Jahr 1912 mit dem Schiff der Schiffe unter. Es war Pater Josef Peruschitz. 

RAF-Attentat auf Karl Heinz Beckurts

Und am 9. Juli 1986 ereignete sich ein schreckliches Verbrechen im Ort: Am Ortseingang wird das Auto von Karl Heinz Beckurts, der in Straßlach gewohnt hat, in die Luft gesprengt. Der Forschungsleiter der Siemens AG kam dabei ums Leben. Es war ein Attentat der Roten Armee Fraktion (RAF).

Aufnahme aus Straßlach in den 30er Jahren: Die Frau von Kaspar Hibsch sitzt auf dem Ochsenwagen, neben ihr geht Anne Schneider. Unterwegs sind die beiden in der Grünwalder Straße.

Als erstes großes Anwesen in Straßlach, das sich finden lässt in historischen Unterlagen, wird 1180 der „Killerhof“ genannt. Auch ein erster Straßlacher ist in alten Schriftstücken auszumachen. Es ist Ainwich, ein Ministerialer, der aus Freising um 1150 nach Straßlach entsandt worden war, um hier vom „Pflegerhaus“ aus für den Herzog die Steuern einzutreiben. Aber auch, um Tiere, die er auf seinem Hof hielt, an die Bauern zu verleihen.

Ebenfalls auf dem Pflegerhof wie auch in der Kirche in Dingharting vorhanden: ein sogenanntes Asylkreuz, zu dem sich Betroffene, die zuvor etwa „auf der Schrannen“ in Dingharting zum Tode verurteilt worden waren, retten konnten. Sie mussten dorthin zu Fuß schneller gelangen als Reiter, die sie verfolgten – und konnten so ihr Leben zurückgewinnen. Jedenfalls theoretisch. „In der Praxis wird das“, sagt Preller, „kaum einem gelungen sein“.

Heuschreckenplage und Isar-Hochwasser

In den folgenden Jahrhunderte kam es immer wieder zu Katastrophen wie Phasen langer Trockenheit oder zu Stark-Regen. Mal vernichtete eine Heuschreckenplage die Ernte, mal gab es ein Erdbeben, dann trat wieder die Isar über die Ufer. 1884 ging bei einem Großbrand ein Drittel aller Straßlacher Höfe in Flammen auf. Und 1634 hatte die Pest so schlimm gewütet, dass am Ende überhaupt nur noch drei Familien am Leben waren, die Grafs, die Paulis, die Hartls.

Bauernaufstand und Kriege

Und dann wurden die beiden kleinen Dörfer, die zusammen nie über 600 Einwohner hatten bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, auch immer wieder hineingezogen in die große Politik. Auch vom linken Isarhochufer beteiligten sich Bauern zu Beginn des 18. Jahrhunderts an den Aufständen gegen die drückende habsburgische Herrschaft, auch Soldaten aus Straßlach und Dingharting mussten den Russlandfeldzug von Napoleon mitmachen und wurden später ins Feld kommandiert beim deutsch-französischen Krieg 1870/71. Und jedes Mal gab es eine Handvoll Beteiligter, die nicht mehr zurückkehrte auf ihre Höfe.

Erste Grundschule in Dingharting

Dabei war von den beiden Orten lange Dingharting der, der über die bessere Infrastruktur verfügte und zwischenzeitlich auch fast doppelt so viele Einwohner hatte. Entsprechend wurde eben dann auch dort nach Einführung der allgemeinen Schulpflicht 1805 die erste Grundschule aufgemacht. Auch eine Post gab es im südlicheren der beiden Dörfer, um 1883 herum war der Killerwirt offizieller „Posthalter“ – auf seinem Anwesen konnten auch die Pferde, die damals noch den Post-Omnibus zogen, gewechselt werden. Wobei dieser Post-Omnibus nicht nur Briefe und Pakete transportierte, sondern auch die ersten Ausflügler durchs Oberland schaukelte. „Deshalb gab es dann auch so viele Postkarten aus Großdingharting“, sagt Preller.

Während 1906 Großdingharting elektrifiziert worden ist, bekam Straßlach erst 14 Jahre später elektrisches Licht.

1918 dann, als der erste Weltkrieg zu Ende ging, ist plötzlich Revolution in Bayern. Auch in Straßlach und Dingharting werden Arbeiter- und Soldatenräte gewählt – aber schon ein Jahr später bezahlt Josef Martin aus dem Kreuzweg Nummer acht die Tatsache mit seinem Leben, dass in seiner Wohnung „Das Kapital“ von Marx gefunden worden ist. Er bleibt in der Gemeinde nicht das einzige Opfer der hart durchgreifenden Regierungstruppen in dieser Zeit der innenpolitischen Wirren zwischen zwei Staatsformen.

„Politischer Stützpunkt“ in der NS-Zeit

In der NS-Zeit kommt Straßlach unter Bürgermeister Johann Kaiser eine ungute Rolle zu – es wird ausgebaut zum „politischen Stützpunkt“. Was heißt, dass hier mehr politische Veranstaltungen abgehalten werden als unbedingt nötig, dass die eine oder andere Nazi-Größe hierher ihren Wohnsitz verlegt. Dass aber andererseits auch verschiedene, schon länger im Bau befindliche Siedlungen zügig fertig gestellt und dann in einem Propagandafilm als mustergültig beworben werden. Im Zweiten Weltkrieg werden in Straßlach drei Höfe bei Bombenangriffen zerstört, haben beide Orte am Ende zusammen 45 Tote zu betrauern. Die Amerikaner marschierten genau am 1. Mai 1945 ein, nahmen später Quartier im Ferienheim mit Mini-Flughafen. Johann Kaiser wurde im Entnazifizierungsverfahren von der Spruchkammer zu zwei Jahren Haft verurteilt und schlug sich später als Müllunternehmer durch.

Straßlach überrundet Dingharting

1946 hat Straßlach den Nachbarort im Süden an Einwohnern überrundet: 667 Leute leben in Straßlach, in Dingharting sind es 629. Entsprechend ist es jetzt auch Straßlach, das Sitz des neuen Rathauses wird – 1971 wird das Gebäude hochgezogen. Auf der anderen Seite gewinnt dann wiederum Großdingarting 1972 den bayernweit ausgeschriebenen Wettbewerb „Das schönste Dorf“.

1978 werden die beiden Weiler im Zuge der Gebietsreform zusammengelegt, und 1989 einigen sie sich schließlich auf ihren heutigen Doppelnamen.

Das Festprogramm 

Los gehen die Feierlichkeiten zum Doppeljubiläum am Freitag, 11. Oktober, um 20 Uhr. Im Festzelt im Gewerbegebiet spielen die Jetzendorfer Hinterhofmusikanten auf. Weiter geht es am Samstag ab 12 Uhr mit Ansprachen und Blasmusik. Im Anschluss sind Senioren ab 70 Jahren von der Gemeinde zum Mittagessen eingeladen, gleichzeitig läuft bis 17 Uhr ein buntes Programm für Familien. Abends unterhält Kabarettist Chris Boettcher die Besucher ab 20 Uhr. Am Sonntag findet der Empfang der Vereine um 8 Uhr statt, es folgen ein Weißwurst-Frühstück, ein ökumenischer Gottesdienst, um 12 Uhr ein gemeinsames Mittagessen.

Fakten aus der Geschichte der Gemeinde

1836: Konzession für den „Wildpark“

1869: Das „Jägerheim“ in der Tölzer Straße 20 wird als Gaststätte konzessioniert. 

1874: Gründung der Feuerwehr Straßlach

1879: Straßlach bekommt die erste Wasserversorgung im Landkreis.

1898 verschafft sich auch Dingharting eine zentrale Wasserversorgung, indem dort ein alter Brunnen wieder ausgegraben wird.

1904: Bau der Isarbrücke nach Grünwald.

1913: Die Straßenbahn fährt bis Grünwald. 

1922 bis 1923: Inflation. Am 7. November 1923 kostet eine Semmel 2,3 Milliarden Mark, ein Pfund Butter ist nur für 120 Milliarden zu haben. 

1935: erste motorisierte Feuerspritze für die Feuerwehr Straßlach.

1946: erstmals hat Straßlach mehr Einwohner als Dingharting mit 667 Bürgern gegenüber 629 Gemeldeten. 

1961: der Straßlacher Weiher wird von 5280 Quadratmetern auf 1811 verkleinert.

9. Juli 1986: Am Ortseingang wird das Auto von Karl Heinz Beckurts, der in Straßlach gewohnt hat, in die Luft gesprengt. Es war ein Attentat der RAF.

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