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Der Babyclub: In der Krabbelgruppe können sich die Eltern austauschen, und die Kinder den Bällespaß unter Gleichgesinnten genießen.

Hohe Geburtenrate

Straßlacher Babyboom hat gute Gründe

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  • Andrea Kästle
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Man lebt zwischen Wiesen und Wäldern. Wer durch Straßlach-Dingharting fährt, kommt vorbei an Pferdekoppeln und Weihern, der Maibaum erhebt sich in den Himmel. Hier und da steht sogar noch eine alte Telefonzelle. Hier wohnt: die Idylle. Perfekt, um Kinder zu bekommen und großzuziehen. Straßlach-Dingharting erlebt einen Babyboom.

Straßlach-Dingharting – Im Schnitt kommen in den zehn Ortsteilen, die zusammen die kleinste Kommune im Landkreis bilden, pro Jahr rund 40 Buben und Mädchen auf die Welt – proportional zu den Bewohnern (3185, Stand März 2016) so viele wie sonst nirgends rund um München. Dies ist aus der aktuellsten Erhebung des Landesamts für Statistik von 2015 zu lesen. Der Babyboom – er wohnt am linken Isarhochufer.

Und das, obwohl Straßlach-Dingharting wohl die abgeschiedenste Gemeinde im ganzen Kreis ist. Man kommt von dort recht umständlich in die Stadt, mit Bussen, die nur einmal pro Stunde und bis 20 Uhr fahren, und Umstieg in die S-Bahn. Idylle hat ihren Preis, scheint aber hoch im Kurs zu stehen.

Peter Sinhart zog mit seiner Familie vor 24 Jahren aus München raus nach Straßlach-Dingharting. „Damals gab es die erste Welle Babyboom“, erinnert er sich. Sein Gefühl und seine Erfahrung sagen ihm: In Straßlach-Dingharting ist „Zuwachs gleich Zuwanderung“. Heißt: Der Babyboom entsteht vor allem durch viele Paare oder Familien, die in die Gemeinde ziehen, um Kinder zu bekommen und großzuziehen. Wie seine Familie auch. Damals lebte er mit seiner Frau und einem Kind in einer Altbauwohnung in Sendling. Das zweite Kind war unterwegs, „die Wohnung wurde zu klein“. Und: „Oft sind die Spielplätze in der Stadt eine Viertelstunde entfernt.“ Die Familie Sinhart zog aufs Land und fand in Straßlach ein neues Zuhause.

Nur: Dort gab es damals gar keinen Spielplatz. Darum gründeten Sinhart und weitere Eltern die Bürgerinitiative „prokids“. Das Ziel: einen Spielplatz schaffen. Damals, als seine Familie rauszog, sei Straßlach noch „ein Bauern- und Rentnerdorf gewesen“. Dann entdeckten junge Familien die Idylle mit viel Platz und Grün. „Wir mussten alles neu aufbauen.“ Infrastruktur für junge Familien mit Kindern.

Inzwischen hat sich einiges getan. Mittlerweile gibt es auch in Dingharting einen Abenteuerspielplatz, vier Kindergärten, Tagespflege und Mittagsbetreuung für Schulkinder. Sowie den Babyclub, initiiert von Müttern um Melanie Raab (40). Beim Bäcker sprach die frisch gebackene Mutter Gleichgesinnte an, die Krabbelgruppe war geboren. „Man kennt sich, die Hemmschwelle, jemanden anzusprechen, ist vielleicht etwas geringer als in der Stadt“, sagt Raab, deren Großeltern schon in Straßlach lebten und die vor 25 Jahren wieder rauszog in die beschauliche Gemeinde, die „Natur- und Stadtnähe so gut verbindet“. Dort „ergreifen die Eltern viel Eigeninitiative“ – ob für eine Krabbelgruppe oder einen Flohmarkt. Jeden Donnerstag spielt ihr Sohn Samuel (1) nun im Pfarrhof mit anderen Kleinkindern, die Mütter tauschen sich aus. „Eine ganz, ganz nette Truppe“ von 10 bis 20 Eltern, „der immer wieder neue Mütter beitreten“, sagt Raab freudig.

Die Betreuung der Kleinen ist auch ein großes Thema für die Gemeinderat. Regelmäßig spricht Bürgermeister Hans Sienerth (parteifrei), der selbst erst um 2000 in die Gemeinde zog, im Gemeinderat über Ausbaupläne für die Kinder-Betreuungseinrichtungen. Er spricht gern von „Kinderexplosion“ vor der Haustür oder vom „fruchtbaren Boden“ in der Gemeinde. Letztens erst berichtete er im Gemeinderat, dass ab Herbst zwölf Plätze in der Krippe fehlen und für Hort und Mittagsbetreuung sieben Kinder mehr angemeldet wurden als aufgenommen werden können. „Wir müssen handeln“, meinte Sienerth – und warb im Gremium dafür, anzubauen ans erst vor kurzem errichtete Haus für Kinder. Für 1,5 Millionen Euro. Man habe die Hausaufgaben in dieser Beziehung „immer gemacht“, betonte er. Aber es habe in der Bevölkerung „ein Mentalitätswandel stattgefunden“. Auch konservative Familien würden die Kinder früh betreuen lassen.

Auch für Jugendliche will die Gemeinde etwas tun. Das Jugendzentrum ist mittwochs bis freitags im Bürgerhaus geöffnet. Zudem subventioniert die Kommune Taxigutscheine für Fahrten nach München und setzte sich dafür ein, dass der Nachtbus, der Grünwald anfährt, eine Schleife über Straßlach fährt – was abgelehnt wurde.

Gemeinde streicht Beachvolleyball-Platz

Unverständlich hingegen ist, dass der Gemeinderat einen Beachvolleyball-Platz, den er erst mit großer Geste geplant hatte im Außenbereich des neuen Bürgerhauses, plötzlich wieder von seiner To-Do-Liste strich. Die Jugendlichen hätten kein Interesse daran, war zu hören.

Der Verein „prokids“ hat sich 2016 aufgelöst. „Unsere Rolle im Ort ist immer unwichtiger geworden“, meint Sinhart. Zum einen, weil es mittlerweile zwei Spielplätze gibt in der Kommune. Zum anderen, weil nach dem ersten Babyboom vor rund 25 Jahren „eine Flaute einsetzte“. Niemand habe sich mehr für „prokids“ engagieren wollen. Die kinderschwache Zeit ist nun aber vorbei. Der Babyboom ist zurück in Straßlach-Dingharting.

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