Stress-Abbau auf der Almhütte im Wilden Kaiser

- Nach 18 Jahren als vhs-Chefin überwog "Reiz des Neuen"

VON MARTIN BECKER Unterhaching/Kufstein - Wenn die Sehnsucht zu sehr brennt, bleibt jetzt im Winter immer noch die Möglichkeit einer Skitour. Rasch die Brettl unter die Füße geschnallt und vom Parkplatz in Kufstein rund 800 Höhenmeter hinauf gestapft - dann ist Annette Ziegler an jenem Ort, den sie vor zwei Jahren als ihren neuen Lebensmittelpunkt auserkoren hat: auf der 1318 Meter hoch gelegenen Kaindlhütte mitten im Naturschutzgebiet Wilder Kaiser. 18 Jahre lang leitete die nun 41-Jährige die Volkshochschule Unterhaching, ehe sie sich entschloss, ihre Karriere gegen die Erfüllung eines Traums einzutauschen. Seit 2001 betreibt Annette Ziegler zusammen mit ihrem Freund Jan Piepenstock (34) als Hüttenwirtin die Kaindlhütte und verbuchte nach der zweiten Saison jetzt einen bemerkenswerten Erfolg: Das Fachmagazin "Bergsteiger" setzte die Kaindlhütte bei der Wahl zur "Hütte des Jahres 2002" auf Rang vier.

Nach sechs Monaten ohne Ruhetag und Wochenende - die Kaindlhütte hat immer vom 1. Mai bis Allerheiligen geöffnet - brauchen Annette Ziegler und Jan Piepenstock nun erstmal Urlaub und Entspannung. Wegen der Nähe zur Hütte haben sie ihren Wohnsitz inzwischen nach Oberaudorf im Inntal, dem Heimatort von Edmund Stoiber, verlegt, ohne den Kontakt nach Unterhaching abreißen zu lassen: "Die Bindung dorthin ist natürlich noch stark - schließlich ist Unterhaching meine Heimat, die Eltern und viele Freunde leben ja noch dort", betont Annette Ziegler.

Zumindest emotional kann die 41-Jährige nicht so ganz von der vhs loslassen, auch wenn sie es faktisch getan hat: Im vergangenen Herbst musste sie sich entscheiden, ob das Hüttenleben ein Intermezzo bleiben oder die Zukunft sein soll. Annette Ziegler zögerte keine Sekunde, eine Rückkehr an die vhs abzulehnen. "Die Arbeit auf der Kaindlhütte macht einfach Freude und zufrieden", so die Unterhachingerin. "Die Umstellung fiel nicht schwer, da der Reiz des Neuen so stark war - nach 18 Jahren als vhs-Leiterin nochmal ganz von vorn zu beginnen und in einer völlig anderen Branche einzusteigen, war spannend sowie eine gute und bestärkende Erfahrung."

Den Reiz des Hüttenlebens beschreibt die 41-Jährige so: "Er liegt in der Natur rund um uns, liegt in Gästen, die oft mit dem Stress aus dem Tal kommen und nach kurzer Zeit wie ausgewechselt sind und zur Ruhe kommen, oder im Beweis, dass man eine Hütte ökologisch bewirtschaften und trotzdem davon leben kann." So kommen die Waren nahezu ausschließlich von ökologischen und regionalen Betrieben, und die Kaindlhütte sei zudem die "wohl höchstgelegene Verkaufsstelle für so genannte fair gehandelte Produkte", berichtet Annette Ziegler.

Ihr Lebensgefährte Jan Piepenstock, der im Winter nebenher als Skilehrer und Tourenführer für den Deutschen Alpenverein jobbt, bezeichnet das Hüttenleben als einen "vom Status her bewussten Rückschritt". Aber der Status allein sei "ja nicht alles, was einen glücklich macht". Zwar kommt rasch ein 16-Stunden-Arbeitstag zusammen, wenn um 7 Uhr die ersten Kletterer oder andere Übernachtungsgäste ihr Frühstück brauchen, ab 10 Uhr die Sessellift-Tagesgäste nach einstündigem Fußmarsch ab dem Brentenjoch Besucher aus Unterhaching bringen Neuigkeiten eintrudeln oder abends für Hüttenzauber gesorgt wird. Augenblicke des Glücks spürt Jan Piepenstock oft am Abend, "wenn mal eine halbe Stunde Zeit hat, den Blick übers Inntal zu genießen". Oder aber, wenn er positive Resonanz zur biologisch-ökologischen Schiene vernimmt. "Die Leute bekräftigen uns in dem, was und wie wir es machen."

Die Leute - je nach Wetter schwankt die Zahl der Hüttenbesucher zwischen drei und 500 pro Tag. "Ob Unterhachings Bürgermeister Erwin Knapek, das vhs-Team oder einfach Unterhachinger, die neugierig sind, wie sich ihre ehemalige vhs-Leiterin als Hüttenwirtin anstellt: Durch die vielen Besuche bin ich immer noch nah dran am Lokalgeschehen", erläutert Annette Ziegler. Mit ihrem alten Arbeitgeber besteht auch weiterhin auf beruflicher Ebene Kontakt. Knapp eine Stunde Fußmarsch oberhalb der Hütte befindet sich am Fuß der Scheffauer-Nordwand nämlich ein schöner Klettergarten - und die vhs Unterhaching plant, dort Kurse für die Akrobaten der Vertikale abzuhalten.

Per Mausklick in den Wilden Kaiser via www.kaindlhuette.de

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