Drei Tote in sechs Wochen

Suizid-Serie an Bundeswehr-Uni

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Neubiberg - Drei Studenten der Bundeswehr-Universität München haben sich innerhalb von sechs Wochen umgebracht. Warum, das weiß keiner. Über ein großes, trauriges Rätsel.

Die Flaggen am Campus der Bundeswehr Uni München in Neubiberg sind Ende vergangenen Jahres mehrmals auf Halbmast gehangen. Die Bundeswehr veranlasst Trauerbeflaggung zum Beispiel dann, wenn Soldaten im Auslandseinsatz verunglücken. An der Uni in Neubiberg sind dagegen Soldaten im inneren Kampf mit sich selbst gefallen.

Es gibt ein Rätsel an der Bundeswehr-Uni, das derzeit viele Dozenten, Studenten und freilich auch die Eltern und Freunde der Opfer beschäftigt: Drei Studenten haben sich 2015 nacheinander im November und Dezember umgebracht. Warum, das weiß keiner. Alle drei Suizide ereigneten sich innerhalb von sechs Wochen. Die drei Kommilitonen kannten sich nicht. Sie hatten keine gemeinsame Vorlesung. Sie studierten unterschiedliche Fächer und sie standen an unterschiedlichen Etappen ihres Studiums. Barbara Hepp, die evangelische Militärseelsorgerin der Uni, sagt: „Alle drei waren völlig unabhängig voneinander. Und keiner war in psychologischer Behandlung.“

"Alle waren schockiert"

Rund 2800 junge Menschen studieren in Neubiberg. Die Bundeswehr-Uni ist eine Campus-Uni. Viele Studenten wohnen direkt vor Ort. Die Selbstmorde sprechen sich schnell herum. Auch die Universität geht damit offen um. Es gibt jeweils eine Trauerfeier, an der Studenten und Dozenten teilnehmen dürfen. „Alle waren schockiert“, sagt eine Sprecherin des Stundentischen Konvents.

Rund 30 Prozent aller Bundeswehr-Studenten fallen durch das Studium. Wie der Spiegel berichtet, hätten Eltern und einige Dozenten den hohen Druck, der durch das in Trimester geteilte Intensivstudium an der Bundeswehr Uni entstehe, für die Verzweiflung der jungen Männer mit verantwortlich gemacht. Universitäts-Pressesprecher Michael Brauns findet diese These „äußerst gewagt“, wie er sagt. Schließlich gebe es dieses Studiensystem seit 1973. Und eine auffällige Häufung von Suiziden in den mehr als 40 Jahren sei ihm nicht bekannt. „Es ist immer schwierig, bei Selbstmorden den einen Grund zu finden.“

An der Bundeswehr-Uni gibt es Trimester

An der Bundeswehr-Uni ist das Jahr in vier Trimester aufgeteilt. Davon sind drei Monate vorlesungsfrei, welche die Studenten für Urlaub oder Praktika nutzen. Ansonsten stehen am Ende eines Trimesters Klausuren an. Wer dreimal eine Prüfung nicht besteht, muss sein Studium beenden und scheidet damit aus der Bundeswehr aus. Wer an der Uni scheitert, verliert also auch einen Beruf, für den er sich 13 Jahre verpflichtet hat. „Das Studium ist schon belastend, aber durchaus machbar“, sagt die Studentenvertreterin.

Aussagen von Studenten zufolge ist die Betreuung während des Studiums gut. Es gibt eine psychologische Studienberatung, sogenanntes Peer-Coaching, bei dem Studenten sich untereinander helfen, und zwei Militärseelsorger, die rund um die Uhr über einen Notdienst erreichbar sind. Die Sprecherin des Studentischen Konvents sagt, die Uni bietet vieles, was es den Studenten leichter mache. „Ich glaube nicht, dass das Angebot das Problem ist, sondern dass die Betroffenen es nicht wahrnehmen.“

Die Uni plant, einen Allgemeinen Beirat zu gründen

Auch Barbara Hepp kann nur mutmaßen. Sie spricht von einem „Nachahmungseffekt“. Sie wisse lediglich aus dem Umfeld der drei Studenten, dass keiner im sozialen Umgang entsprechende Auffälligkeiten gezeigt habe. „Es kam für alle total überraschend.“ Die Universität will nun auf die Suizid-Serie reagieren. Das Studienfachbereichsleiter Detlev Adelmann teilte beim Neujahrsempfang am gestrigen Mittwoch mit, dass die Uni die Gründung eines Allgemeinen Beirates plane, der sich dem Problem annehmen solle.

Hilfe für Betroffene

Hilfe für Betroffene Die evangelische und katholische Telefonseelsorge ist 24/7 erreichbar unter Tel. 0800 / 111 01 11 (evangelisch) und 0800 / 111 02 22 (katholisch).

Rubriklistenbild: © Robert Brouczek

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