S-Bahnstation Taufkirchen 1972
+
Vor 50 Jahren wuchs der Ortsteil am Wald mit seinen prägenden Hochhäusern in die Höhe. 1972 erhielt Taufkirchen eine S-Bahnstation.

50 Jahre Siedlung am Wald

Als sich Taufkirchen plötzlich verfünffachte

  • Doris Richter
    vonDoris Richter
    schließen

50 Jahre ist es her, dass aus dem kleinen Dorf Taufkirchen mit dem Bau des Ortsteils am Wald innerhalb kürzester Zeit eine große Gemeinde wurde. Eine rasante Entwicklung, die viele Herausforderungen mit sich brachte.

Man stelle sich ein paar Äcker vor am Rande eines kleinen Dorfes. Und plötzlich stehen da Hochhäuser, Reihenhäuser – neues Zuhause für mehrere Tausend Menschen. So geschehen in Taufkirchen. 1966 beschließt der Gemeinderat – mit 6:5 Stimmen – die Ausweisung des Baugebiets für die neue Siedlung am Wald – rund eine Million Quadratmeter zwischen Bahngleisen und Perlacher Forst. Nur zwei Jahre später stehen bereits die ersten Hochhäuser. Großer Bauträger ist die Gemeinnützige Wohnungsfürsorge AG (Gewofag) der Stadt München, die hier wegen der alarmierenden Wohnungsnot in der Stadt unbedingt Sozialwohnungen bauen will. In nur vier Jahren wird aus dem Dorf Taufkirchen mit 1600 Einwohnern eine Gemeinde mit über 10 000 Bewohnern: Auf der einen Seite der S-Bahn Alt-Taufkirchen mit dörflichem Charakter, auf der anderen der neue Teil mit überwiegend jungen Familien.

Neuanfang am Land

Renate Ellinger war eine der ersten, die im Juli 1970 mit ihrer Familie in die Häuser in der Platanenstraße 21 bis 25 einzog. Ihre drei Kinder sind hier aufgewachsen. „Es war für uns ein Riesenglück aus der Münchner Eineinhalbzimmerwohnung in die Vier-Zimmer-Wohnung nach Taufkirchen“, erzählt die 72- Jährige. Die Kinder spielten unten im Grünzug, vom Fenster aus hatte sie die Mutter stets im Blick. „Es war ein wunderbares Miteinander.“ Gemeinsam wurden im Hobbyraum im Keller Kindergeburtstage und Fasching gefeiert. Nur die Nahversorgung war anfangs schwierig. „Erst im September 1970 stellten sie eine Baracke auf, in der es einen Supermarkt und eine Bank gab“, erinnert sich Renate Ellinger. Viel hat sie erlebt in den Jahren: Die Familie machte einen Spaziergang auf der neuen Autobahn vor ihrer Eröffnung. Statt des Bimmelzugs fuhr irgendwann regelmäßig die S-Bahn. Lange war Renate Ellinger als Zeitungsausträgerin in Taufkirchen unterwegs, sowohl im alten Teil als auch in „Neu-Amerika“, wie die Alteingesessenen die Siedlung am Wald nannten. Wegziehen – „kommt für uns nicht in Frage“. Mittlerweile gibt es so viele Geschäfte in der Nähe, „da fahre ich gar nicht mehr in die Stadt“.

Ein großer Abenteuerspielplatz – so beschreiben viele der ersten Bewohner die Anfangszeit. Für die Kinder waren die vielen Baustellen und die neuen Spielplätze echte Attraktionen.

Hilfe zur Selbsthilfe

Marianne Boegner fand mit ihrer Familie in einem der neuen Reihenhäuser ein Zuhause. Ihr viertes Kind war gerade geboren, als sie einen von den Kirchengemeinden verfassten Zettel im Briefkasten hatte – einen Aufruf zur Mitarbeit zur Gründung einer Bürger-Selbsthilfe-Gruppe. „Ich wollte in der neuen Siedlung Fuß fassen und Kontakte knüpfen“, erinnert sie sich. Am Ende legte sie den Grundstock für eine der mittlerweile wichtigsten Institutionen im Ort – der Nachbarschaftshilfe. Anfangs traf sich regelmäßig eine Planungsgruppe. „Mir drückte man den Rücklauf aus der Wurfzettelaktion in die Hand – etwa 40 Stück“, erzählt Marianne Boegner. Das Ziel: Die Leute kennenlernen und zusammenbringen. So klapperte sie nach und nach die Adressen ab, lernte mehr und mehr Menschen kennen. „Das hat mir enorm Spaß gemacht.“ Ab 1971 begann die Kinderbetreuung. Der Bedarf war groß, da es zu wenige Kindergartenplätze gab. 1972 wurde die Nachbarschaftshilfe als Verein gegründet. 1978 waren bereits 100 Helfer im Einsatz, neben der Kinder- vor allem auch in der Krankenpflege. Bis 2006 blieb Marianne Boegner Vorsitzende. Und auch wenn sie mittlerweile in Bergham wohnt – die enge Verbindung zur Siedlung am Wald ist stets geblieben.

Baustelle als Spielplatz

Acht Jahre war Rosemarie Weber alt, als sie mit ihrer Familie 1972 von Schwabing in den Ortsteil am Wald zog. „Es war ein positiver Kulturschock“, erinnert sich die SPD-Gemeinderätin. Eine „unbeschwerte, freie Kindheit“ habe sie dort erlebt. Mit den vielen Baustellen und Schuttbergen ringsherum, die „für uns Kinder ein einziger großer Abenteuerspielplatz waren“. Viele Freundinnen von damals sind es bis heute geblieben. Nur kurz hat sie mal in Alt-Taufkirchen gewohnt, längst ist sie in den Ortsteil am Wald zurückgekehrt. Richtig zusammengewachsen sind die Ortsteile nach den vielen Jahren noch immer nicht. „Es ist komisch, da schwingen so viele Emotionen mit“, sagt sie. Schon früher sei man „da nicht runter gegangen“. Man hatte einfach das Gefühl „hier gehöre ich nicht hin“. Das sei in vielen Köpfen noch so drin. Ebenso, dass der Ortsteil am Wald ein Problemviertel sei. „Doch da hat sich viel getan“, sagt Weber. Schwierigkeiten habe es gegeben, als die Gewofag einige Zeit lang recht schwieriges Klientel in den Sozialwohnungen unterbrachte. „Das ist besser geworden“, sagt Weber. Zudem gebe es von der Gemeinde viele Unterstützungsangebote – an den Schulen, in den Vereinen, durch Beratungsstellen. Was sie sich wünschen würde: ein Zentrum, ein Treffpunkt, wie es die Eschen- und Lindenpassage bildeten.

Viel grüne Wiese: Diese Luftaufnahme von 1970 zeigt die Anfänge der vielen Bauarbeiten in der neuen Siedlung.

Das fehlende Zentrum

Das fände auch Thilo Klöck gut. Der Sozialwissenschaftler betreut im Auftrag der Gemeinde das Projekt Soziale Stadt, bei dem um die Aufwertung des Ortsteils geht, den Erhalt der Lebensqualität, darum, das Zusammenleben der vielen Bewohner mit unterschiedlichen Nationalitäten, die mittlerweile hier wohnen, bestmöglich zu gestalten. Dass immer noch unklar ist, wie es mit Eschen- und Lindenpassage weitergeht, findet er eine „infomäßige Hängepartie, die eine echte Zumutung“ sei. Denn das Thema sei den Menschen sehr wichtig. Grundsätzlich stellt er fest, dass „sich die Bewohner des Ortsteils am Wald stark mit ihm identifizieren“. Viele Projekte seien gut geglückt, sagt Klöck. Die zwei S-Bahn-Unterführungen würden, seit sie mit Graffiti-Kunstwerken geschmückt sind, von Vandalismus weitgehend verschont. Im Interkulturellen Garten engagieren sich mittlerweile 70 Haushalte. Der beliebte Grünzug oder Park im Wald, wie er jetzt heißt, werde schrittweise aufgehübscht Doch er sieht für die Zukunft viele Herausforderungen: Rund um den Bahnhof werde sich viel verändern und das Gelände der alten Grundschule werde neu bebaut. „Es ist viel in Bewegung“ – was, wenn man es gut begleite, auch eine Chance sein könne.

Heimatpfleger Michael Müller hat sich lange mit der Geschichte des Ortsteils am Wald befasst und darüber bereits eine Sonderausgabe von „Wir informieren“ gestaltet. Am Dienstag, 20. April, gibt er von 19.30 bis 21 Uhr bei einem Onlinevortrag der Volkshochschule Einblicke, zeigt historische Bilder und spricht mit Zeitzeugen. „In den zurückliegenden fünf Jahrzehnten prägte und veränderte der neue Ortsteil die Gemeinde Taufkirchen grundlegend“, sagt er. Dies habe die Gemeinde vor enorme Herausforderungen gestellt. Gleichzeitig bereicherten die Neubürger das gesellschaftliche und kulturelle Leben. Die Veranstaltung ist gebührenfrei und wird per Zoom übertragen. Nach Anmeldung wird der Zugangslink versandt. Weitere Infos und Anmeldung unter Telefon 089/614 51 40 oder per E-Mail an info@vhs-taufkirchen.de.

Auch interessant

Kommentare