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Präsenz zeigen: In Taufkirchen lief der Bankräuber der Polizei vor einem Jahr direkt in die Arme. Mitarbeiter hatten während des Überfalls den Alarmknopf gedrückt.

Gefesselt, bedroht

Bank-Chef erzählt: Das macht ein Überfall mit den Angestellten

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Helmut Rösch ist Leiter einer Sparkassen-Filiale und hat selbst zwei Banküberfälle erlebt. Nach dem Raub in Taufkirchen 2016 erzählt er, was ein solches Erlebnis mit den Angestellten macht. 

Taufkirchen - Es war vor genau einem Jahr, am 24. Mai 2016 um 12.32 Uhr, als Gustavo G. (29) mit einem Messer bewaffnet in die VR-Bank an der Münchner Straße in Taufkirchen stürmte. 207 000 Euro erbeutete er – und wurde draußen von der Polizei gestellt. Für den Täter war damit Schluss, für die Angestellten nicht. 

Der Taufkirchner Helmut Rösch (76) weiß aus eigener Erfahrung, dass es Monate, teils Jahre dauern kann, bis Mitarbeiter einen solchen Vorfall verarbeiten. Als Leiter einer Sparkassen-Filiale in München hat Rösch selbst zwei Banküberfälle erlebt. 

Herr Rösch, am 24. Mai 2016 waren Sie in der VR-Bank, um Geld einzuzahlen. Nur wenige Minuten danach stürmte Gustavo G. die Filiale. Wie erinnern Sie sich an diesen Tag?

Ich weiß noch, dass an dem Tag zwei Männer draußen an der Tiefgarage gearbeitet haben. Die müssen zur Zeit des Überfalls kurz in der Mittagspause gewesen sein. Aber daran sieht man: So ein Täter handelt nicht rational. Stürmt am hellichten Tag in eine Bank, hat ein Messer dabei, fesselt fünf Angestellte und rennt mit dem Geld wieder raus. Da stand natürlich die Polizei. In einer Bank gibt es an jedem Arbeitsplatz einen verdeckten Alarmknopf: Der schaltet die Kameras ein und setzt automatisch einen Notruf an die Polizei ab.

Der Taufkirchner Bankräuber wurde an Ort und Stelle gefasst. Bei einem Überfall 2008 in Kirchheim schossen sich die Täter den Weg frei und konnten zunächst fliehen. Was kaum im Fokus steht: Was geschieht mit den Mitarbeitern nach einem solchen Überfall? Wie erleben sie die Tat und die Stunden danach?

Ich habe mein ganzes Leben bei der Bank gearbeitet, zuletzt 20 Jahre als Leiter einer Sparkassen-Filiale am Candidplatz. 43 Jahre lang ist nichts passiert, da dachte ich: So kurz vor der Rente kommt jetzt auch nichts mehr. Und plötzlich, das war im Jahr 2001, stürmt um halb zwei einer rein. Da sind dann alle erst mal wie erstarrt, keiner rührt sich. Der Täter ging in Richtung Kasse, hat die Pistole gezogen und gesagt: „Geld her.“ Da ist die Kollegin an der Kasse gleich mal in Ohnmacht gefallen. Also ging er zur zweiten, die gerade in der Nähe stand, und bedrohte die mit der Pistole. Und da sagte sie: „Ich hab’ keinen Schlüssel.“ Das muss man sich vorstellen, mit der Pistole an der Brust. Letztlich gab es einen heftigen Wortwechsel und der Täter ist abgezogen.

Wurde er gefasst?

Es gab ein, zwei ähnliche Fälle in Bayern, aber ob die Polizei ihn letztlich geschnappt hat, haben wir nie erfahren.

Wie ging es nach dem Überfall in Ihrer Bank weiter? Der Täter war weg und Sie saßen mit zwölf geschockten Mitarbeitern im Schalterraum...

Wenn der Täter raus ist, geht die Geschichte ja erst richtig los. Dann kommen die Profis von der Polizei und halten Einzelbefragungen ab: sehr einfühlsam und professionell. Zudem bekommt man Unterstützung vom Kriseninterventionsteam (KIT). Die haben mir als Leiter Empfehlungen gegeben, wie es am besten weitergeht: Die Bank wird zugesperrt, alle bleiben zusammen und abends geht man gemeinsam essen. So haben wir das auch gemacht.

Und der zweite Überfall?

Das war nur sechs Monate später. Damals kam ich gerade von einem Kundentermin und sah draußen die Polizei. Da wusste ich schon, was los ist. Das Schlimme war: Die Arbeit von einem halben Jahr Kriseninterventionsteam ist einfach weg. Da fängt man wieder ganz von vorne an.

Wie haben Sie selbst die Vorfälle verarbeitet?

Bei mir ging es ganz gut. Am Wochenende nach dem ersten Überfall war ich mit meiner Frau im Biergarten an der Menterschwaige. Da hat zufällig neben uns der FC Bayern eine private Meisterfeier für seine Jugendmannschaft abgehalten. Das zu sehen – die Freude, die Ausgelassenheit – war für mich sehr gut. Das andere wurde von der Verantwortung meinen Mitarbeitern gegenüber verdeckt.

Die Bild-Zeitung hat kürzlich berichtet, dass der Taufkirchner Bankräuber der Neffe des Vize-Chefs ist...

Davon habe ich nichts gehört. Ich weiß nur, dass er gleich nach dem Überfall aus Sicherheitsgründen in eine andere Filiale versetzt worden ist. Er war und ist ein von allen geschätzter Mann. Was mir ansonsten dazu einfällt, ist das Bankgeheimnis. Als ich 1959 angefangen habe, sind wir richtig darauf eingeschworen worden. Das heißt: Du gehst raus und sagst nichts. Wenn mich meine Tante gefragt hat: „Was hab’ ich auf dem Konto?“ Dann habe ich gesagt: „Das weiß ich nicht – und ich schau’ auch nicht nach.“

Hatten Sie in all den Jahren Angst, dass auch in Ihrer Filiale ein Überfall passieren kann?

Jede Woche steht ein Banküberfall in der Zeitung, man muss damit rechnen. Deshalb gibt es auch mehrmals im Jahr Schulungen für die Mitarbeiter, bei denen alles durchgesprochen wird: Immer zu zweit zum Geldeinsperren gehen, die Kasse nie alleine lassen – auch nicht in der Mittagspause und so weiter. Da darf man keine Lockerheit aufkommen lassen. Das muss den Mitarbeitern bewusst sein. Ich saß zum Beispiel mal in der S-Bahn und habe zwei Damen zugehört, die sich beruflich unterhalten haben. Danach wusste ich haargenau, mit welchen Methoden ein Geschäftsmann bei seiner Bank getrickst hatte – und warum er jetzt pleite ist. Das darf nicht sein. Das könnte jemanden anspornen.

Wie lange hat es gedauert, bis in ihrer Bank der normale Arbeitsalltag zurückgekehrt ist?

Jeder Mensch reagiert anders. Wir hatten Kollegen, die nach außen hin zunächst ganz stark gewirkt haben. Aber sie waren ein dreiviertel Jahr außer Gefecht gesetzt. Eine Dame ist gar nicht mehr aus dem Haus gegangen. Selbst wenn der Postbote kam, hat sie sich erschreckt. Das ist das, was die Räuber nie bedenken: Sie nehmen den Menschen die Lebensqualität. Ich habe auch von einem Fall gelesen, da ist die Mitarbeiterin einer anderen Bank, die überfallen wurde, geflüchtet und weggelaufen. Die Polizei hat sie dann am Abend völlig desorientiert am Münchner Hauptbahnhof aufgefunden. Fest steht: Nach einem Überfall ist die Lebensqualität erst einmal eingeschränkt – und zwar kräftig.

Wissen Sie, wie es den Mitarbeitern der VR-Bank in Taufkirchen heute geht?

Ich war zufällig kurz vor dem Überfall in der Bank, und danach bin ich ganz bewusst erst einmal nicht hingegangen. Ich wusste ja, welche Maschinerie da jetzt läuft. Einen Monat später bin ich dann hin und habe erzählt, dass mir das auch zweimal passiert ist. Und da haben die Mitarbeiter gleich ganz frei geredet. Das hat mir gezeigt, dass es mit der Aufarbeitung wohl gut geklappt hat.

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