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Zeigen verschiedene glutenfreie Produkte: Paul Poschmann und Zdravka Stojanovic, Mitarabeiterin im Küchen-Team des AWO-Horts an der Pappelstraße. Pauls Essen wird auch in eigenen Töpfen und Pfannen gekocht. 

Taufkirchner leidet an Lebensmittelunverträglichkeit

Diagnose Zöliakie: So lebt Paul (9) mit der Krankheit

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Wenn Paul Poschmann (9) mit seinen Eltern in den Urlaub fährt, landen nicht nur Badehose, Sonnencreme und Sandalen im Koffer, sondern auch Toastbrot und Toaster. Denn wenn es ums Essen geht, muss der Neunjährige höllisch aufpassen. Bekommt er etwas Falsches in den Hals, kann er richtig krank werden.

Taufkirchen –  Der neunjährige Paul Poschmann aus Taufkirchen leidet an der Lebensmittelunverträglichkeit Zöliakie. Nimmt er glutenhaltige Nahrung zu sich, entzündet sich seine Darmschleimhaut. Das kann schwerwiegende Folgen haben. Medikamente gegen die Beschwerden gibt es nicht. Die Dünndarmschleimhaut kann sich nur bei strikter Diät regenerieren. Die Ernährungsumstellung ist nicht nur für Paul eine Herausforderung.

Die Beschwerden beginnen im Alter von sechs Jahren. „In den Wintermonaten hat er plötzlich Bauchschmerzen bekommen – immer wieder und richtig stark“, erzählt Vater Michael Poschmann. Dass der Sohn laufend klagt, fällt auf. „Er ist sonst nie krank.“ Also gehen die Poschmanns zur Kinderärztin – mehrfach, aber ohne dass eine Besserung eintritt. Die Ärztin schließt zahlreiche mögliche Ursachen aus und ordnet schließlich eine Blutuntersuchung an. Die gibt einen ersten Hinweis: In Pauls Blut werden Antikörper gefunden, die ein Indiz für die Glutenunverträglichkeit sein können. In der Kinderklinik Starnberg wird eine Gewebeprobe vom Dünndarm entnommen. Sie liefert den endgültigen Beweis: Paul hat Zöliakie.

Die Diagnose war ein Schock

Zwar haben sich die Poschmanns bereits nach der Blutuntersuchung genauer mit dem Krankheitsbild auseinandergesetzt, beim endgültige Befund müssen sie aber doch schlucken: „Auf der einen Seite waren wir erleichtert, endlich ein Ergebnis zu haben“, erzählt Michael Poschmann. „Andererseits kam – gerade bei meiner Frau – etwas Panik auf. Sie hat befürchtet, dass sich unser Leben komplett ändern muss.“

Ganz so schlimm kommt es nicht. In erster Linie geht es darum, Pauls Essen umzustellen. „Meine Frau hat mich sofort losgeschickt, um einen Gefrierschrank zu kaufen“, erinnert sich der 43-Jährige. Für die vielen tiefgefroreren glutenfreien Lebensmittel.

Der Toaster kommt mit auf Reisen

Mittlerweile isst die ganze Familie zuhause glutenfrei. „Paul hat keine Geschwister. Das macht es natürlich etwas einfacher“, sagt der Vater. Glutenhaltige Produkte findet man kaum im Haushalt der Poschmanns. Nur im obersten Küchenregal verwahre man normales Toast oder Brot. Wer davon isst, muss aber besonders vorsichtig sein. „Wenn ich Brot für mich schneide, muss ich aufpassen, dass keine Krümel auf dem Brett liegen bleiben.“ Denn selbst die kleinsten glutenhaltigen Brotstückchen könnten bei Paul zu einer Entzündung führen. „Deshalb haben wir auch zwei verschiedene Toaster – und auf Reisen immer den glutenfreien Toaster im Gepäck.“

„McDonald‘s ist unser Freund geworden“

Bevorzugtes Urlaubsland war bei den Poschmanns in den vergangenen Jahren Italien. „Da kann man viele glutenfreie Waren einkaufen“, erklärt der Vater. Essentechnisch eher ein Problem ist der Weg dorthin. Denn an den Autobahnraststätten gibt es so gut wie kein Essen für Paul. „Dafür ist McDonald’s unser Freund geworden“, gibt Michael Poschmann unumwunden zu. Nicht nur, dass die Fast-Food-Kette glutenfreie Pommes anbietet. In Österreich und Italien gibt es dort auch glutenfreie Burger. „Das ist für Paul toll.“

Insgesamt kommt der Neunjährige mit seiner Lebensmittelunverträglichkeit gut zurecht. „Er sieht es zwar als Einschränkung, aber auch als eine Besonderheit an“, sagt der Vater und lobt im gleichen Atemzug den Sohn für seine Disziplin: „Er achtet selbst sehr darauf, dass er nichts Falsches isst.“ Auch die Lehrer, Mitschüler und deren Eltern seien sensibilisiert. Besonders dankbar ist Michael Poschmann für die Versorgung seines Sohnes im Hort des AWO-Kinderhauses an der Pappelstraße. „Dort wird für unseren Sohn und ein weiteres Kind unter großem Aufwand glutenfrei gekocht.“ Der Küchenchef habe seit Jahren ein Auge darauf, zeitweise habe im AWO-Kinderhaus sogar eine Diätassistenten-Stelle gegeben.

An der neuen Schule gibt es kein Extra-Essen für Paul

Mit dem neuen Schuljahr steht für Paul allerdings ein Schulwechsel an – und dafür gilt es, erst einmal die Essenshürde aus dem Weg zu räumen. Der Neunjährige besucht künftig das Lise-Meitner-Gymnasium in Unterhaching und wird laut seinem Vater an mindestens zwei Nachmittagen das Angebot der offenen Ganztagsschule nutzen. Problem: Die Schulmensa bietet keine glutenfreien Mahlzeiten an und darf auch keine Essen von Dritten ausgeben. Das hat Michael Poschmann im Gespräch mit Verantwortlichen der Schule und der Regierung von Oberbayern (RvO) erfahren.

Dass man laut der RvO-Mitarbeiterin noch nie mit solch einem Fall konfrontiert worden sei, wundert ihn. „Schließlich ist Paul im Hort nicht der Einzige mit Zöliakie gewesen.“ Pauls Vater will nun einen vietnamesischen Imbiss beauftragen, seinem Sohn zweimal in der Woche glutenfreies Essen zu liefern – direkt auf den Pausenhof. Not macht eben erfinderisch.

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