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Ein gutes Team: Brigitte Seil und ihre Patin Kiona (11). 

Von Hausaufgaben bis Seniorenbetreuung

Familienpaten: Vertraute für alle Fälle

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Ausflüge, Hausaufgaben, Behördengänge: Die Familienpaten helfen, wo sie gebraucht werden. Kiona (11) hat davon sehr profitiert. 

Taufkirchen – Die Einen suchen händeringend nach Entlastung. Die Anderen haben Zeit und bieten ehrenamtlich Hilfe an. Diese Menschen will das Projekt „Familienpaten“ der Nachbarschaftshilfe (NBH) Taufkirchen zusammenbringen. Gerade in einer mobilen Gesellschaft, in der Großeltern oft weit entfernt wohnen, sind diese Patenschaften sehr gefragt. Die Paten helfen bei Hausaufgaben, entlasten Alleinerziehende und stehen Familien in schwierigen Situationen bei.

Seit zehn Jahren gibt es Familienpatenschaften bei der Nachbarschaftshilfe Taufkirchen. Sie sind sehr gefragt, die Nachfrage wächst kontinuierlich. „Zeit für Kinder“, die „Lesonauten“, „Coaching für Jugendliche“ – die Aufgaben sind in mehrere Ressorts aufgegliedert. Ehrenamtliche werden zu Vertrauten in Familien.

Brigitte Seil (58) engagiert sich schon viele Jahre ehrenamtlich. Früher in einem Jugendzentrum vom CVJM (Christlicher Verein junger Menschen) in Schwabing. Neben ihrem Job in der Buchhaltung einer Anwaltskanzlei „brauche ich noch irgendetwas“. Als sie nach Taufkirchen zog, entschied sie sich dazu, die Patenschaft für eine ältere Dame zu übernehmen. Das Miteinander funktionierte auf die Dauer aber nicht gut. Brigitte Seil wollte lieber eine Patenschaft für ein Kind übernehmen. Sie hat selbst zwei Kinder.

Keine leichte Kindheit

Es fand sich ein Patenkind, ein ganz spezieller Fall. Kiona (11). Ihre Familie kommt aus Polen, sie geht in die Förderschule und hat Probleme mit der Sprache. Die Mama redet meistens Polnisch. Kionas Biographie ist im Detail nicht bekannt. „Wir wissen nur, dass das Leben nicht sehr harmonisch verlaufen ist“, sagt NBH-Koordinatorin Helene Nestler. Ein schwieriges Elternhaus. Nach der Scheidung läuft jetzt alles deutlich ruhiger. Das Mädchen hat aber noch gewisse Defizite.

Bei der Suche legte die Nachbarschaftshilfe Wert darauf, eine sensible, ruhige Patin zu finden. Es durfte niemand mit zu viel Temperament sein, weil das Kind verletzlich und in sich gekehrt ist. Drei Monate suchte Nestler. Mit Brigitte Seil fand sich das Richtige. Kiona wird samstags von ihr daheim abgeholt, an Regentagen wird gestrickt. Jetzt, im Frühling, machen die beiden Fahrradausflüge. „Sie ist ein ganz ruhiges Kind“, sagt Seil. „Sie sitzt und malt stundenlang. Kann sich selbst sehr gut beschäftigen.“ Das Mädchen habe nicht die Förderung oder den Freundeskreis, „wie wir uns das hier vorstellen“. Die Mutter macht nebenbei eine Ausbildung zur Kinderpflegerin und ist als Alleinerziehende überfordert.

Netzwerken ist alles

Hinter den Kulissen spinnt Helene Nestler die Kontakte, sie ist zuständig für die Fachkooperation. Und sie weiß: Das Netzwerk ist das A und O. Klassisches Beispiel: Jemand hat drei Jahre den Vater gepflegt. Mit Senioren hat er deshalb erst mal nichts am Hut, möchte aber gerne ein Kind unterstützen. Der Nächste hat ganz andere Bedürfnisse und sagt: „Meine Kinder sind aus dem Haus. Bevor die Enkel kommen, möchte ich gerne mit Senioren etwas machen.“ Nestler hat schon unzählige Bekanntschaften geknüpft: Ein Ehepaar rief an, beide haben durch die Arbeit zu wenig Zeit für die Kinder. „Zwei Tage danach meldet sich ein junger Mann bei mir, der Lehramt studiert.“ Sein Freiwilliges Soziales Jahre habe er in der Grundschule gemacht. Es hat ideal gepasst. Der Bub (5) spielt gerne Fußball, der Pate auch, beide fahren gerne Rad. „Insofern ist eine Grundsubstanz da.“

Viele Eltern nutzen Gratis-Angebot

Auch viele, die nicht von sich aus auf die Nachbarschaftshilfe zukommen, erreicht Helene Nestler über ihr Netzwerk und über die Mittagsbetreuung an den Schulen. Den Eltern werden entsprechende Flyer in die Hand gedrückt. Viele nutzen die kostenlose Hilfe.

Ein Fall berührt Helene Nestler ganz besonders: Es meldete sich ein 85-Jähriger. Er wollte gerne einen Buben bei den Hausaufgaben betreuen. Dabei kann er aber das Haus nicht verlassen, weil er gebrechlich ist. „Ich war erst skeptisch, aber bei der Besprechung wendete sich das Blatt.“ Es stellte sich heraus: Der betagte Mann ist fit, hatte sich ein Lernprogramm für den PC gekauft, um den Kindern die Inhalte beibringen zu können wie aktuell in der Schule verlangt. Mit einem Elfjährigen lernte er fortan jeden Dienstag und Freitag eine Stunde lang. „Der Junge ist Feuer und Flamme, bringt immer alle Bücher mit und ist zuverlässig“, erzählt Nestler. In Mathe und Physik ist er schon viel besser. Für Helene Nestler ist klar: „Das Ehrenamt ist eine solche Bereicherung. Ich habe immer mehr bekommen, als ich gegeben habe.“

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