+
Vorbildliche Waldwirtschaft: Franz Greif und Brigitte Koch haben dafür einen Staatspreis erhalten.  

Das Insektensterben und die Schuldigen

„Landwirte werden zum Sündenbock“

  • schließen

Brigitte  Koch wehrt sich - und zwar gegen den Vorwurf, allein die Landwirte seien Schuld am Insektensterben. Gerade im Landkreis ist die Anbauvielfalt groß. Das geht auch gar nicht anders.

Taufkirchen – Brigitte Koch ist Landwirtin aus Taufkirchen. Die 54-Jährige betreibt Acker- und Waldbau. Ihr Gutshof Greif ist im vergangenen Jahr mit dem „Staatspreis für vorbildliche Waldwirtschaft“ ausgezeichnet worden. Koch stört, dass viele Experten und Politiker in der Debatte um das Insektensterben den Landwirten eine große Schuld geben.

-Frau Koch, viele Experten machen die Landwirtschaft für das Artensterben verantwortlich.

Brigitte Koch: Die Ursachen für das Artensterben müssen erst noch ergründet werden. Die Experten können bisher keine Belege liefern. Stattdessen sucht man einen Schuldigen. Die Landwirte werden zum Sündenbock abgestempelt.

-Meines Wissens ist es so, dass in Naturschutzgebieten die Insektenanzahl rapide gesunken ist. Warum sollte das auf landwirtschaftlichen Flächen anders sein?

Brigitte Koch: Die Insekten sind ganz sicher weniger geworden. Klar ist aber auch, dass die Studie, die im vergangenen Jahr dazu veröffentlicht wurde, viele statistische Fehler aufweist und dafür sogar schon im negativen Sinne ausgezeichnet wurde. Außerdem hat sich in der Landwirtschaft viel getan. Beispielsweise hat sich der Anteil an ökologischer Fläche in den vergangenen Jahren verdoppelt. Wir Landwirte möchten die Natur schützen und sie nicht gefährden.

-Aber es gibt viele Landwirte, die durch den übermäßigen Einsatz von Kunstdünger und Spritzmitteln und ohne Rücksicht auf Nachhaltigkeit versuchen, so viel Ertrag wie möglich zu erzielen.

Brigitte Koch: Es gibt in jeder Branche schwarze Schafe. Aber kein guter Bauer wird seinen Boden kurzfristig ausbluten lassen, denn sonst kann er ihn langfristig nicht mehr bewirtschaften. Auf den Flächen unseres Hofes, die sich übrigens in den letzten 100 Jahren nicht vergrößert haben, haben wir sechs Früchte in der Fruchtfolge.

-Manche Bauern haben auch folgende Fruchtfolge: Weizen, Mais, Mais. Die sogenannte Monokultur.

Brigitte Koch: Auf den Böden im Landkreis München geht das gar nicht. In unserem Boden steckt viel Kies und wenig Humus. Daher muss man viele humusaufbauende Früchte pflanzen. Als Landwirt ist man hier gezwungen, nachhaltig zu wirtschaften. Auch unsere Wälder sind artenreicher geworden. Schon im Jahr 1890 zerstörte der Nonnenspinner (ein Falter, Anm.d.Red.) die Fichten südlich von München – und es wurde wieder ein reiner Fichtenbestand gepflanzt. Das änderte sich jedoch nach dem schlimmen Sturm Wiebke 1990. Seitdem werden in unseren Wäldern – auch bedingt durch den Klimawandel – immer mehr Laubbaumarten wie Buche, Ahorn oder Eiche gepflanzt. Heute gibt es also mehr Laubbäume in unserem Wald als vor 100 Jahren.

-Was wünschen Sie sich für die öffentliche Debatte zum Thema Artensterben?

Brigitte Koch: Dass man miteinander spricht. Die Landwirte mit den Experten und andersrum. Und dass die Wissenschaftler mehr Geld bekommen, um die Ursachen für das Insektensterben zu erforschen. Die Landwirtschaft wurde in den vergangenen 20 Jahren nicht intensiviert, aber die Versiegelung von Flächen durch Neubauten und der zunehmende Verkehr belasten die Umwelt immer mehr. Außerdem ist die zunehmende Lichtverschmutzung ein großes Problem für die Insekten.

Landkreis kämpft für Bienen und Co.

Der Landkreis will dem weltweiten Insektensterben entgegentreten. Dazu soll ein Fachkonzept ausgearbeitet werden, das Vorschläge beinhaltet, wie man den Lebensraum von Bienen, Hummeln oder Schmetterlingen schützen kann. Außerdem soll das Landratsamt konkrete kurzfristige Maßnahmen prüfen, wie zum Beispiel das Anpflanzen von Bäumen, Sträuchern oder Blumen auf öffentlichen Flächen. Das haben die Mitglieder des Energiewendeausschusses einstimmig beschlossen. 

Studien zufolge sind seit Ende der 80er Jahre rund 80 Prozent aller Insekten verschwunden. Experten warnen vor dramatischen Folgen für ganze Ökosysteme. Auch der Landkreis ist betroffen. „Wir müssen etwas tun“, sagte Brunnthals Bürgermeister Stefan Kern (CSU). Dass weniger Insekten als noch vor einigen Jahre durch die Gegend fliegen, sehe man an der sauberen Autoscheibe, wenn man im Sommer durch die Gegend fahre. Grünen-Kreisrat Oliver Seth hatte beantragt, der Landkreis solle der Initiative „Deutschland summt“ beitreten (wir berichteten). Kostenpunkt 10 000 Euro. 

Das gleichwohl lehnte der Energiewendeausschuss mit Ausnahme der Fraktion der Grünen ab. Stattdessen einigte man sich einstimmig darauf, ein fachliches Konzept mit konkreten Handlungsempfehlungen zu erstellen. FDP-Kreisrat Tobias Thalhammer regte an, kreiseigene Flächen „bienenfreundlich“ zu bepflanzen.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Polizei verhindert Sprengung eines Bankautomaten
Vier Männer wollten offenbar einen Bankautomaten in Feldkirchen sprengen, um an das darin befindliche Geld zu kommen. Aufmerksame Polizisten verhinderten das.
Polizei verhindert Sprengung eines Bankautomaten
Hanno Sombach von der ÖDP ist ein Pendler zwischen den Kulturen
In eine parteipolitische Schublade lässt sich Hanno Sombach nicht einordnen. So fährt er lieber Auto, öffentliche Verkehrsmittel sind ihm zu umständlich.  Ungewöhnlich …
Hanno Sombach von der ÖDP ist ein Pendler zwischen den Kulturen
Mann kommt am Pullacher Berg von Fahrbahn ab und kracht in Graben
Ein Mann ist in Pullach am Pullacher Berg mit seinem Auto von der Straße abgekommen, gegen die Leitplanke gefahren und in den Graben gekracht.
Mann kommt am Pullacher Berg von Fahrbahn ab und kracht in Graben
Familienzentrum auf dem Ruf-Gelände steht auf der Kippe
Wie das Ruf-Gelände in Siegertsbrunn künftig genutzt werden soll, ist vier Jahre nach dem Bürgerbegehren wieder völlig offen. Der Gemeinderat hat jetzt beschlossen, …
Familienzentrum auf dem Ruf-Gelände steht auf der Kippe

Kommentare