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Nikola Kurpas ist seit drei Jahren Rektorin der Mittelschule.

„Wir brauchen nicht nur Akademiker “

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Nikola Kurpas (40) ist Rektorin der Mittelschule Taufkirchen - und das richtig gerne. Im Gespräch erzählt sie, was hinter dem schlechten Image der Mittelschule steckt, berichtet über die großen Herausforderungen und warum jede Schulart wichtig ist.

Warum hat die Mittelschule eigentlich einen so schlechten Ruf?

Grundsätzlich ist es einfach mal der niedrigste Bildungsabschluss. Und in unserer Leistungsgesellschaft ist es leider so, dass wer den besten Bildungsabschluss hat, vermeintlich auch die besseren Zukunftschancen hat.

Ist es nicht so?

Ich sehe das anders. Wir haben drei nebeneinander existierende Schularten, die einfach unterschiedliche Begabungen bedienen. Ich selber könnte zum Beispiel niemals mit meinen Händen arbeiten, niemandem die Haare schneiden oder einen Tisch bauen. Und ja, es gibt Kinder, die lernen das Bruchrechnen vielleicht nie. Aber die gehen an die Säge und bauen mir, wie erst in der letzten Projektprüfung, nach eigenen Vorstellungen einen Besteckkasten. Wir brauchen nicht nur Akademiker in unserem Land. Deshalb sollte man aus dem Schul- kein Drei-Klassen-System machen.

Was ist das Besondere an der Schule hier?

Fast 87 Prozent unserer Schüler haben einen Migrationshintergrund. Das ist wirklich einmalig im Landkreis.

Ist die Arbeit in den letzten Jahren schwieriger geworden?

Nicht nur. Als ich hier anfing, gab es viel weniger Angebote, gerade was schwierige Schüler betrifft. Da hat die Gemeinde einiges geleistet mit dem Ausbau der Jugendsozialarbeit. Da ist ein großes Netzwerk entstanden. Unser Musikprojekt „Klasse.im.puls“ hat vielen Kindern ein Hobby und eine Aufgabe gebeben, mit dem sie ihre Freizeit sinnvoll gestalten. Auch der gebundene Ganztag funktioniert gut. Gleichzeitig sind aber viele Kinder schwieriger geworden.

Was sind die größten Herausforderungen?

Das sind Schüler, die (überlegt lange und wählt ihre Worte mit Bedacht)mit der sozialemotionalen Entwicklung Schwierigkeiten haben. Sie haben Probleme, sich unter Gleichaltrigen adäquat zu verhalten. Und von diesen gibt es mehr als früher.

Woran liegt das?

Wir haben in unserem Einzugsgebiet viele Sozialwohnungen, wo Menschen mit vielen Problemen leben. Das nächste sind die Kinder, die mit der Flüchtlingswelle gekommen sind, die ein Päckchen an schlimmen Erfahrungen mitbringen, die wir uns gar nicht vorstellen können.

Was sind die Folgen?

Es entstehen Aggressionen. Konflikte werden oft mit Gewalt gelöst. Es gibt Schüler, die flippen ohne ersichtlichen Grund plötzlich aus, sind unberechenbar. Viele können sich nicht länger als 15 Minuten konzentrieren oder ruhig bleiben – und stören dann die ganze Klasse.

Woher kommt das?

Viele haben Sprachprobleme. Zum Teil können sie schlecht Deutsch. Dann kommen sie im Unterricht nicht mit und das frustriert sie. Oft ist das familiäre Umfeld schwierig. Die Kinder wohnen zum Teil auf engem Raum mit vielen Geschwistern, haben keine Rückzugsmöglichkeit. Viele Eltern tun sich schwer, beim Thema Mediennutzung Grenzen zu setzen. Dadurch werden die Kinder mit unglaublich vielen Eindrücken konfrontiert.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit den Eltern?

Da bringt es auf jeden Fall nichts, mit den Zeigefingern auf sie zu zeigen und zu sagen, „das machst du falsch!“. Die Eltern wollen es ja nicht falsch machen und auch das Beste für ihr Kind. Es sind manchmal einfach die Umstände, die das nicht möglich machen. Natürlich gibt es wie an allen Schulen Eltern, die keinen Rat annehmen oder vieles nicht sehen wollen. Die Mehrheit ist aber dankbar für Hilfe.

Ist Unterricht heute noch so möglich wie vor zehn oder 20 Jahren?

Nein. Das Tempo ist deutlich langsamer. Wir haben Kinder mit Problemen, dazu Inklusionskinder, die früher ein Förderzentrum besucht haben.

Engagiert sich der Freistaat genug für die Mittelschulen?

Grundsätzlich hat die Politik erkannt, woran man arbeiten müsste. Doch ich würde mir wünschen, dass die Mühlen schneller mahlen.

Woran hakt’s besonders?

Die Personalausstattung. Da gäbe es sogar Stellen, aber die Leute fehlen.

Ein Gymnasiallehrer verdient halt noch immer mehr....

Obwohl die Herausforderungen bei uns ebenso groß sind. Wir hatten öfter Gymnasiallehrer an der Schule, die schnell wieder aufgehört haben, weil sie es nicht gepackt haben. Eine Alternative zu mehr Personal wäre, mal bei den Mittelschullehrern, gerade in Schulen mit besonderen Herausforderungen, die Stunden zu reduzieren. Auch bei uns Rektoren. Ich muss zum Beispiel nebenbei noch 18 Stunden unterrichten. Das ist schwer zu schaffen. Am Gymnasium hat die Schulleitung nur zwei Stunden.

Was braucht es noch?

Eine bessere finanzielle Ausstattung des gebundenen Ganztags. Damit wir noch mehr pädagogische Angebote machen können, mit gut qualifiziertem Personal und kleineren Gruppen. Und jede Schule bräuchte einen individuellen Spielraum, mehr Gestaltungsfreiheit, wie man die Schule organisiert, mit dem Stundenbudget umgeht. Da gelten überall die gleichen Regeln, egal ob die Mittelschule in einem kleinen Dorf in der Oberpfalz oder in Taufkirchen liegt. Dabei sind die Anforderungen extrem unterschiedlich. Grundsätzlich wird schon einiges verbessert, aber was passiert, ist am Ende immer ein bisschen zu wenig.

Was muss man als Mittelschullehrer mitbringen?

Man muss die Kinder annehmen und mögen können. Eine vertrauensvolle Beziehung zu den Kindern spielt bei uns die größte Rolle. Wenn die passt und auch die Atmosphäre im Klassenzimmer, dann klappt’s auch mit dem Lernen.

Was war bisher Ihre schlimmste Erfahrung?

Der Grund, warum ich bei uns unbedingt eine flexible Trainingsklasse  haben wollte: Kinder, die in einer normalen Klasse einfach nicht beschulbar sind. Die man rausnehmen muss, weil sonst kaum jemand was lernt. Allein im vergangenen Jahr gab es drei solche Schüler, die mich schlecht schlafen ließen. Störungen, Unverschämtheiten, Konflikte – so schlimm, dass man sagt, die ertrag ich nicht. Deshalb ist es so wichtig für diese Schüler eine spezielle Klasse zu haben mit entsprechend guter Betreuung unter anderem mit Psychologen und Sonderpädagogen. Weil wenn wir die einfach rauswerfen, dann gibt es bei denen zuhause auch niemanden, der sie auffängt und sie sind sich selbst überlassen.

Und das schönste Erlebnis oder Ereignis?

Kein einzelnes. Aber was toll ist: Es vergeht hkeine Woche, wo nicht zwei oder drei ehemalige Schüler bei uns vorbeikommen, uns besuchen und sich nochmal bedanken. Und oft sind es die, die früher am schwierigsten waren und jetzt ihren Weg machen. Diese Wertschätzung lässt mich morgens gerne kommen, weil man weiß, man kann den Kindern wirklich helfen.

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