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Tod und Auferstehung, Trauer und Erlösung - das ist Kern des Osterfestes.

Interview

Notfallseelsorger Saur: "Ich bin eher Karfreitag als Ostern"

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Taufkirchen - Der Notfallseelsorger Hermann Saur aus Taufkirchen hat in den vergangenen Wochen viele Interviews gegeben. Der Anlass war stets ein trauriger, nämlich das Zugunglück in Bad Aibling. Zusammen mit der Polizei überbringt er Menschen die Nachricht vom plötzlichen Tod einer geliebten Person. Fragt man Saur, warum er Notfallseelsorger geworden ist, sagt er: „Weil die Not da ist.“

Herr Saur, ich würde gerne mit Ihnen entweder über Auferstehung oder Tod reden. Es geht nur eines. Für was entscheiden Sie sich?

Diakon Hermann Saur: Wenn ich wählen muss, dann entscheide ich mich als Notfallseelsorger  dafür, über den Tod reden.

Das überrascht mich. Eigentlich reden die Menschen lieber über das Positive.

Saur: Die Menschen, mit denen ich als Notfallseelsorger zu tun habe, haben in der Regel das Bedürfnis, überhaupt nicht zu sprechen.

Warum ist es aber gut, über negative Erlebnisse wie den plötzlichen Tod eines geliebten Menschen zu reden?


Diakon Hermann Saur aus Taufkirchen ist Notfallseelsorger. Nach dem Bahnunglück in Bad Aibling war er im Dauereinsatz. Mit Merkur-Autor Thomas Radlmaier sprach er über Karfreitag und Auferstehung.

Saur: Wir helfen den Menschen, den Tod zu realisieren, oder besser gesagt: den Tod zu begreifen. Unsere Klienten befinden sich in einer Schockstarre. Ihnen muss erstmal bewusst werden, dass zum Beispiel der Ehepartner bei einem Verkehrsunfall gestorben ist. Wir geben ihnen die Möglichkeit, das zu begreifen.

Die erste Frage war übrigens eine Fangfrage. Ich würde viel lieber mit Ihnen über Auferstehung reden. Es ist doch Ostern.

Saur: Wenn Sie so wollen, bin ich aber eher Karfreitag als Ostern. Wir helfen den Menschen, den Karfreitag durchzustehen.

Aber Sie als Notfallseelsorger sorgen doch dafür, dass die Hinterbliebenen wiederauferstehen. Im Englischen heißt Auferstehung „Resurrection“. Holen Sie die Menschen zurück ins Leben?

Saur: Mir gefällt Auferstehung als Gedanke nicht für das, was wir tun. Vielmehr stabilisieren wir traumatisierte Menschen.

Wünschen sich Ihre Klienten, dass die Verstorbenen wieder auferstehen?

Saur: Wenn Sie das spirituell meinen, dann würde ich eher sagen nein. Wir haben mit Menschen zu tun, die gerade erfahren haben, dass eine geliebte Person nicht mehr da ist. Das Religiöse kommt erst später, wenn der Schock überwunden ist. Hätte ich der Mutter Maria damals am Karfreitag gesagt, dass ihr Sohn in zwei Tagen wiederaufersteht, hätte ihr das auch nicht geholfen.

Hilft der Glaube in so einer Situation überhaupt?

Saur: Ein Beispiel von einem Einsatz, den ich letztens hatte: Ich musste eine Frau betreuen. Etwa 65 Jahre alt. Zusammen mit der Polizei habe ich ihr die Nachricht überbracht, dass sich ihr Sohn suizidiert hat. Die Polizei geht wieder. Ich aber bleibe und rede mit der Dame. Sie findet irgendwann heraus, dass ich ein katholischer Seelsorger bin und sie erzählt mir, dass sie nicht gläubig ist. Dann fragt sie mich, ob es leichter für sie sei, wenn sie glauben würde? Ich sage: Sie sind doch in erster Linie Mutter. Eine gläubige Mutter empfindet nicht weniger Trauer. 

Was ist der Unterschied für die Hinterbliebenen zwischen einem plötzlichen und einem erwartbaren Tod, weil jemand schwer krank ist oder so was?

Saur: Bei einem erwartbaren Tod haben die Angehörigen die Chance, Abschied zu nehmen. Man kann sich darauf vorbereiten. Bei einem plötzlichen Tod kann man das nicht.

Was macht das aus?

Saur: Sehr viel. Das sind psychotraumatische Prozesse, die in unserem Gehirn ablaufen. Die Menschen verfallen in einen Schockzustand. Man wird unfähig, klar und logisch zu denken. Statt dessen sagt ein Notprogramm: Kämpfe, fliehe oder erstarre! Das ist ein Reflex, den die Menschen vor tausenden von Jahren entwickelt haben, um sich vor Gefahren etwa durch Raubtiere zu schützen.

Warum verkraftet ein Feuerwehrmann ein traumatisches Erlebnis besser als ein Mensch, zum Beispiel ein Kind oder Erwachsener, der zufällig in ein solches Erlebnis hineingerät?

Saur: Ein Feuerwehrmann ist im Einsatz. Er kann sich, noch auf den Weg dahin, auf die Situation vorbereiten. Ein Jugendlicher, der am Bahnhof beobachtet, wie sich jemand vor die S-Bahn wirft, kann das nicht. Er wacht von der einen zur anderen Sekunde auf in einem Alptraum.

Kommen wir mal zu Ihnen persönlich: Warum sind Sie eigentlich Notfallseelsorger geworden?

Saur: Weil die Not da ist. Das ist das Gleiche, wie wenn Sie einen Bergsteiger fragen, warum er auf einen Berg steigt. Als normaler Seelsorger habe ich bereits vor meiner Tätigkeit als Notfallseelsorger viele Menschen in Not erlebt. Es ist wichtig, dass es Leute gibt, die sich um diese Menschen kümmern.

Auf Ihrer Internetseite schreiben Sie: „23.09.2000 – Der Tag, der nicht nur mein, sondern das Leben meiner ganzen Familie gehörig durcheinander wirbelte. Der Tag meiner Weihe zum Ständigen Diakon.“ War das Ihre persönliche Auferstehung? 

Saur: Darüber habe ich, ehrlich gesagt, noch nicht nachgedacht. Spontan würde ich sagen: Ja. Aber eigentlich war ich schon vor diesem Tag mit meinem Leben zufrieden. Insofern passt Auferstehung dann nicht. Denn vor einer Auferstehung kommt immer der Tod.

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