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Nur mit fremder Hilfe vor die Haustür: Elisabeth Hutter ist darauf angewiesen, dass ihr jemand den Rollator nach draußen trägt. Aus Angst vor Diebstahl kann die 88-Jährige ihre Gehhilfe nicht vor der Wohnung in Taufkirchen deponieren.

Unüberwindbare Treppenstufen

Eigene Wohnung wird für Elisabeth Hutter (88) zum Gefängnis

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Taufkirchen - Fünf Treppenstufen trennen Elisabeth Hutter vom Leben vor der Haustür. Die 88-Jährige ist auf einen Rollator angewiesen, den sie nicht tragen kann. Die Folge: Die Taufkirchnerin muss zu Hause bleiben und fühlt sich „wie im Gefängnis“.

Bis zum nächsten Supermarkt sind es nicht einmal 30 Meter. Eine Apotheke ist in der unmittelbaren Nähe, die Filiale der Sparkasse ebenso. Und wenn Elisabeth Hutter aus dem Fenster ihrer Wohnung im achten Stock schaut, blickt sie auf Bäume und den gepflegten Rasen der Wohnanlage. Hier könnte sie etwas spazieren gehen. Aber Hutter hat nichts von alldem. Seit einigen Monaten ist die 88-jährige Seniorin auf den Rollator angewiesen. Doch fünf Treppenstufen sind für sie zum unüberwindbaren Hindernis geworden.

Ohne fremde Hilfe geht nichts. „Ich bin eingesperrt wie in einem Gefängnis“, sagt die elegant gekleidete Frau. Nur: Strafgefangene haben es sogar noch besser. Sie dürfen ihre Zelle wenigstens zum Hofgang verlassen. Seit rund 45 Jahren lebt Elisabeth Hutter in dem Haus in Taufkirchen. Mit ihrem 1995 verstorbenen Mann und Tochter Doris zog sie damals in dem für Staatsbedienstete errichteten Wohnblock ein. „Eine schöne Wohnung, in der ich mit meiner Familie mehr als die Hälfte meines Lebens verbrachte“, erinnert sich die Seniorin.

Immer war sie gewohnt, ihr Leben selbstbestimmt zu führen, arbeitete als Bürokauffrau in der Modebranche, traf dort täglich Entscheidungen. Ein selbstbestimmtes Leben ist nun nicht mehr möglich. Vor etwa einem Jahr zog sie sich einen Wirbelschaden zu. Seitdem ist sie auf den Rollator angewiesen. Eigentlich kein Problem, wären da nicht im Erdgeschoss zwischen der Fahrstuhltür und dem Hauseingang fünf Treppenstufen. Sie sind zur unüberwindlichen Grenze geworden. „Ich müsste den Rollator über die Stufen tragen“, sagt Elisabeth Hutter. Das schafft sie nicht. Er ist für die Seniorin zu schwer. „Alles was ich mit wünsche, ist ein diebstahlsicherer Abstellplatz vor dem Haus. Die Stufen könnte ich überwinden, auch wenn es nicht ganz leicht ist. Aber es wäre für mich zu schaffen“, versichert sie. So aber geht nichts. „Ich fühle mich einfach hilflos“, sagt Hutter.

Seit die Wohnungen aus der Sozialbindung fielen, wurden sie als Eigentumswohnungen verkauft. Das sei das Problem. „Wir haben schon mit der Eigentümerin der Wohnung meiner Mutter gesprochen. Sie wollte das Problem in der Eigentümerversammlung vortragen“, berichtet Tochter Doris Bscheid. Es gab auch eine Reaktion. Vorgeschlagen worden sei, den Rollator beim Fahrstuhlausgang im Keller abzustellen. „Aber von dort sind es zehn Stufen bis zur Haustür“, sagt Doris Bscheid. Alternativ war erlaubt worden, den Rollator vor der Haustür abzustellen. „Aber ohne einen verschließbaren Unterstand oder eine andere diebstahlsichere Lösung steht er dort nicht lange, wird er geklaut“, meint Tochter Bscheid. Sie kann es nicht fassen. Und das Fass zum Überlaufen brachte im November der Neubau eines zentralen Unterstandes für Fahrräder etwa 20 Meter vom Haus entfernt. „Das nutzt meiner Mutter nichts, weil der Rollator dort nicht diebstahlsicher ist. Für Fahrräder ist Geld da, für eine Rollatorlösung nicht. Das ist einfach menschenverachtend und beschämend.“

Für Doris Bscheid „ist es eine absolute Frechheit, wie hier mit älteren Menschen umgegangen wird. Ihnen wird keine Alternative geboten.“ Dabei gebe es ein Gesetz zur Barrierefreiheit und zur selbstbestimmten Teilhabe am Leben für Behinderte. Hutter ist die älteste Mieterin in dem Haus und bisher wohl als einzige auf einen Rollator angewiesen. „Aber es gibt viele alte Mieter und es wird sicher nicht lange dauern, bis der eine oder andere ebenfalls einen Rollator benötigt“, meint Doris Bscheid.

Bis dahin geht für Elisabeth Hutter so gut wie gar nichts. Spontan im Supermarkt einkaufen, eben in der Apotheke notwendige Arzneimittel holen oder nur etwas in der Grünanlage spazieren gehen – für die 88-Jährige sind das Träume geworden. Dabei hat sie noch viel Glück. Nur etwa zwei Minuten entfernt wohnt ihre Tochter mit ihrem Sohn Maximilian. Die beiden kümmern sich liebevoll um die Seniorin, kommen mindestens zwei Mal am Tag vorbei, kaufen ein und kochen. „Das ist doch selbstverständlich. Meine Mutter hat so viel für mich getan, jetzt kann ich davon etwas zurückgeben“, meint Doris Bscheid. Etwas schwieriger sei es mit Arztbesuchen. Diese müssten mit ihrer Arbeitszeit abgestimmt werden oder sie müsse sich frei nehmen. „Wird ein Arztbesuch spontan notwendig, ist das schon wieder ein Problem“, meint Bscheid. Natürlich gebe es eine Alternative, ein Seniorenheim oder das Betreute Wohnen. „Aber das kommt nicht in Frage. Meine Mutter möchte in ihrer gewohnten Umgebung bleiben und das sehe ich auch ein. Ein Umzug wäre eine absolute Katastrophe“, sagt Doris Bscheid. Und geholfen wäre ihrer Mutter mit einem einfachen Mittel – mit der diebstahlsicheren Unterstellmöglichkeit für den Rollator. „Dann könnte sie wieder selbstbestimmt ihr Leben führen.“

Siggi Niedergesäß

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