Die Familienstützen in Taufkirchen: Petra Esch (l.) und Lydia Schulz.
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Die Familienstützen in Taufkirchen: Petra Esch (l.) und Lydia Schulz.

Seit fünf Jahren bieten die Familienstützpunkte im Landkreis wichtige Infos und Beratung

„Eltern sollten ihrem Gefühl vertrauen“

  • Doris Richter
    VonDoris Richter
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Sie sind erste Anlaufstelle, wenn Eltern Fragen oder Probleme haben, sich zu aktuellen Themen informieren wollen oder den Austausch mit anderen Familien suchen: Seit fünf Jahren gibt es im Landkreis München die Familienstützpunkte. In Taufkirchen haben die Sozialpädagoginnen Lydia-Maria Schulz von der Nachbarschaftshilfe Taufkirchen und Petra Esch vom Verein Integra diese Aufgabe übernommen und sind auch Ansprechpartner für Familien aus Hohenbrunn, Neubiberg, Ottobrunn, Putzbrunn und Unterhaching. Ein Interview:

Früher gab es auch keine Stützpunkte für Familien. Was hat sich verändert, dass es so ein Angebot braucht?
Petra Esch: Früher bekamen die Familien oft Hilfe in der Großfamilie oder auch von der Nachbarschaft. Jetzt kommen die Familien von überall her. Die Gesellschaftsstrukturen haben sich verändert. Es gibt oft kein familiäres Netzwerk, auf das man zurückgreifen kann. Und da kommen die Familienstützpunkte ins Spiel.
Warum gibt es in Taufkirchen gleich zwei Träger für den Familienstützpunkt?
Esch: Man hat im Landkreis geschaut, wo der stärkste Bedarf ist und wo es schon Einrichtungen gibt, die mit Familien arbeiten. In Taufkirchen sind da die beiden Vereine Nachbarschaftshilfe und Integra sehr aktiv. Hinzu kommt, dass Taufkirchen am Wald und der gewachsene Ortsteil Alttaufkirchen sehr heterogen sind. Daher zwei Träger, um den unterschiedlichen Anforderungen der jeweiligen Ortsteile gerecht zu werden.
Wie unterscheiden sich die Bedürfnisse?
Lydia Schulz: Während sich in Alttaufkirchen hier im Integra-Haus der Familie der Kontakt zu den Familien im offenen Treff „Kaffee Kunterbunt“ zwanglos ergibt, und daraus ein tieferer Austausch entsteht, gehe ich in Taufkirchen am Wald mehr auf die Leute zu in Form von Elterncafés in der Grundschule oder in den Kitas. Es geht darum, Hemmschwellen abzubauen. Hier leben Menschen unterschiedlichster Kulturen. Jede hat eine eigene Art, mit familiären Themen umzugehen. Daher versuchen wir, mit diesen passgenauen Formaten Menschen dort abzuholen, wo sie sind. So können unkompliziert Fragen zum Thema gestellt werden. Nicht selten kommt zu der einen Frage die nächste, sodass sich daraus mehr entwickeln kann.
Was sind die wichtigsten Angebote?
Schulz: Die offene Elternsprechstunde, in die man mit allen Fragen kommen kann. Und auch spezielle Beratungsangebote zu Themen wie unerfüllter Kinderwunsch oder Elterncoaching. Esch: Bei uns ist es unser täglich stattfindender Offene Treff, das „Kaffee Kunterbunt“. Da bin ich öfters und komme mit den Eltern ins Gespräch, wodurch sich Beratungen ergeben.
Es gab ja schon vorher Beratungsangebote für Familien...
Esch: ...mit denen wir eng zusammenarbeiten. Der Familienstützpunkt ist quasi die Stelle vor den Beratungen, übernimmt da eine Lotsenfunktion. Die Familien kommen erst zu uns. Wir schauen, was sie brauchen und vermitteln sie bei Bedarf an die richtigen Stellen weiter, wie beispielsweise an die Erziehungsberatungsstelle der Caritas. Für viele ist die Hürde, gleich dorthin zu gehen, zu hoch.
Mit welchen Anliegen kommen die Familien?
Esch: Bei uns geht es viel um die Entwicklung der Kinder, um Erziehung. Verhält sich mein Kind normal oder ist es schon auffällig? Solche Fragen beschäftigen die Eltern. Viele sind unsicher, weil man so viel hört und liest. Und jeder sagt was anderes. Da geht es oft darum, die Eltern zu bestärken, auf ihr Bauchgefühl zu vertrauen. Es gibt aber auch Schwierigkeiten, etwa wenn sich Kinder nicht altersgemäß entwickeln. Es gibt Probleme in der Ehe oder Familie. Auch schulische Themen beschäftigen die Eltern.
Wie haben Sie die Familien während des Lockdowns erreicht?
Schulz: Da sind wir neue Wege gegangen mit speziellen Online-Angeboten. Im April gab es etwa ein Online-Angebot rund um das Thema „Ist mein Kind schulreif?“. Dadurch dass alle Vorschuluntersuchungen ausgefallen sind, waren die Eltern sehr auf sich gestellt und dementsprechend unsicher. Bei unserem Angebot war neben uns die Grundschuldirektorin dabei, eine Schulsozialarbeiterin, eine Lehrerin und die Eltern konnten Fragen stellen. Das haben sie sehr dankbar genutzt.
Die ältere Generation sagt oft gerne, früher gab es die ganzen Angebote nicht und aus den Kindern ist trotzdem was geworden...
Esch: Die Familien haben heute mehr Freiheiten, können mehr entscheiden. Aber genau da liegt die Krux. Früher hat man es gemacht, wie es das ganze Dorf gemacht hat. Heute gibt es mehr Möglichkeiten und damit wächst auch die Unsicherheit bei den Eltern. Die Standards von früher passen oft nicht mehr, im Bekanntenkreis macht es jeder anders. Wir fragen dann bei den Eltern nach: „Was ist euer Gefühl?“ Denn wenn Eltern fühlen, das ist gut für mein Kind, dann stimmt das auch meistens. Es geht um Rücken stärken, Sicherheit geben. Schulz: Jeder hat eigene Muster und eigene Glaubenssätze. Beim Elternsein ist viel im Wandel. Wir sind dann wie ein Navigator: Wo soll es hingehen? Was willst Du und was brauchst Du?
Es geht also viel um Stärkung und Orientierungshilfe.
Schulz: Ja, und darum, den Eltern zu sagen, dass es nicht schlimm ist, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Es geht für die Eltern auch darum, einfach mal durchzuatmen. Es muss nicht immer gleich eine Lösung geben.
Klingt so, als hätten die Familien sehr viel Druck.
Esch: Die häusliche Struktur ändert sich. Eltern gehen beide arbeiten, Kinder kommen früh in die Krippe. Die Familienzeit wird weniger. Da allen gerecht zu werden, ist schwierig. Wir merken das bei Angeboten wie etwa bei einem Vortrag, bei dem es um Mental Load ging, also um die ganzen unsichtbaren Aufgaben, die erledigt und die Eltern im Kopf haben müssen. Das hat sehr viele Eltern interessiert.
Haben die Beratungen zugenommen in den vergangenen Jahren?
Esch: Ja und wir könnten – wenn wir mehr Personal oder mehr Stunden hätten – noch deutlich mehr Beratungen durchführen. Der Bedarf ist da. Auch unsere Angebote wie Vorträge und Veranstaltungen werden von immer mehr Menschen angenommen.

Feier am Rathausplatz

Am Dienstag, 20. Juli feiert der Familienstützpunkt Taufkirchen seinen 5. Geburtstag auf dem Rathausplatz. Von 14.30 bis 17.30 Uhr sind alle Familien eingeladen, sich mit den Trägern sowie deren Partnern wie etwa dem Landratsamt und der Gemeinde bei Kaffee, Espresso und Popcorn zu treffen und gemeinsam über neue Projekte nachzudenken. Alle Infos zum Familienstützpunkt gibt es unter www.familienstuetzpunkt-taufkirchen.de.

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