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Das Deininger Moos nahe Straßlach-Dingharting. Mitarbeiter des Unternehmens Kaut Bullinger helfen ein Mal im Jahr bei der Renaturierung.

Wirtschaft, Fairness und Ökologie

Profit geht auch fair: Unternehmerinnen plädieren für mehr Nachhaltigkeit im Mittelstand

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Drei Frauen, eine Meinung: Unternehmerischer Profit und nachhaltiges sowie sozialverantwortliches Handeln schließen sich nicht aus. Ein Interview.

Landkreis– Ökologisch wirtschaften und fair handeln sind längst nicht mehr nur Merkmale von Biobetrieben. Auch mittelständische Unternehmen legen in sogenannten CSR-Reports regelmäßig Rechenschaft über Nachhaltigkeit ab. Zwei Beispiele aus Industrie und Handel sind der Büro- und Schreibwarenspezialist Kaut Bullinger aus Taufkirchen und das Galvanik-Unternehmen Betz Chrom aus Gräfelfing, das Oberflächen metallisch beschichtet. Die Unternehmerinnen Cornelia Schambeck (56), Gesellschafterin von Kaut-Bullinger, und Miriam Betz (51), Geschäftsführerin von Betz Chrom, diskutieren mit Susanna Bertschi, Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW), über nachhaltiges Führen.

- Seit einem Jahr zieht die Fridays-for-Future-Bewegung Kreise. Was hat sich seitdem verändert?

Cornelia Schambeck von Kaut Bullinger

Cornelia Schambeck: Seitdem darf man laut denken. Ansätze und Ideen werden diskutiert und kommen in der Gesellschaft an. Man wird nicht mehr in die Öko-Ecke gestellt.

- Muss die Politik mehr Vorgaben für ökologisches Wirtschaften machen oder reicht es, an die Verantwortung der Unternehmer zu appellieren?

Schambeck: Die Politik muss Vorgaben machen, sonst geht der Klimaschutz zu langsam. Wir brauchen Leitplanken. Nehmen wir das Beispiel Plastiktüten. Seit es die Plastiktütenverordnung gibt, hat ein Umdenken stattgefunden, der Verbrauch hat sich enorm verringert. Flankierende gesetzliche Maßnahmen sind unbedingt nötig. Auch eine CO2-Bepreisung ist notwendig. Da gibt es für mich kein Vertun. Ob es eine Steuer sein muss, weiß ich nicht. Genauso brauchen wir eine Lösung für die Bepreisung von Kerosin.

- Warum sollten Unternehmer nachhaltig führen?

Susanna Bertschi vom Mittelstandsverband

Susanna Bertschi: Der Landkreis hat in Kooperation mit dem BVMW eine Kampagne für Corporate Social Responsibility gestartet. Statt Profitmaximierung soll in Zukunft als Unternehmensziel gelten, wie ein Unternehmen positiv auf die Gesellschaft wirken kann. Der Mittelstand lebt diese Werteeinstellung größtenteils schon, nur fehlt den meisten Unternehmen eine klare Strategie zur Nachhaltigkeit. Wir sehen Nachhaltigkeit nicht als Kosten-, sondern als Innovationstreiber.

- Welchen Stellenwert hat Nachhaltigkeit für Sie?

Miriam Betz von Betz Chrom

Miriam Betz: Wirtschaftlicher Erfolg und die Einhaltung der Gesetze sind die Basis. Aber Innovationskraft, ein angenehmes Betriebsklima und Klimaschutz sagen häufig viel darüber aus, wie nachhaltig ein Unternehmen wirtschaftet und wie sehr es sich entwickelt. Wir haben den Heizölverbrauch in den vergangenen Jahren von sieben auf fünf Tankfüllungen reduziert. Am liebsten würde ich auf Geothermie umsteigen. Doch es dauert noch ein paar Jahre, bis es ein geothermisches Angebot im Würmtal gibt. Bis dahin würde ich gerne in eine Gas-Heizung investieren. Ich bin der Meinung, es sollte Investitionshilfen für die Verminderung von CO2 geben.

Schambeck: Früher stand die monetäre Gewinnmaximierung an erster Stelle. Unternehmen müssen schwarze Zahlen schreiben, natürlich, aber ein „Immer größer, immer weiter“ ist nicht mehr die Prämisse. Werte wie Zuverlässigkeit, Beständigkeit, partnerschaftlicher Umgang mit Mitarbeitern, Kunden und Lieferanten sind entscheidend, damit sich Mitarbeiter und Kunden mit ihrer Firma identifizieren.

- Könnte Nachhaltigkeit neben Qualität und Preis die Kaufentscheidung der Verbraucher beeinflussen?

Betz: Man muss die Verbraucher über die Folgen eines Produkts informieren und Öffentlichkeit herstellen. Mit guten Nachhaltigkeitswerten können Anbieter durchaus werben. Bei einer Aktie beurteilt man ja auch das Kosten-Gewinn-Verhältnis. Man sollte die Folgen, die ein Produkt nach sich zieht – zum Beispiel eine Kreuzfahrtschiffsreise – dem Verbraucher anzeigen.

Schambeck: Wir gehören zu den ökologischen Vorreitern im Bürofachhandel. Wir haben immer mehr umweltfreundliche Produkte im Sortiment, wir suchen Möglichkeiten zum sinnvollen Recycling und zur Reduktion unseres Müllaufkommens. In Abstimmung mit unseren Kunden wollen wir jetzt auch bei der Auslieferung neue Wege gehen. Es ist nicht immer nötig, dass ein Produkt sofort geliefert wird, oft reicht es, wenn einmal pro Woche eine Sammelbestellung kommt. Wenn der Spediteur ausgelastet ist, kann er auch mit einem E-Fahrzeug fahren.

- Müssen Unternehmen also stärker auch ihre Nachhaltigkeit kommunizieren?

Betz: Immer mehr Kunden fragen nach, ob wir die ISO-Zertifizierung für Umwelt, Arbeitsschutz- oder für Energie-Managementsysteme haben. Das wird erwartet. Deutsche Zertifizierungsvorschriften haben leider eine unglaubliche Erdenschwere. Es wird zu wenig betont, welche Chancen aus sozialer und ökologischer Verantwortung erwachsen.

- Wie wirkt sich denn soziale Nachhaltigkeit zum Beispiel in der Personalführung aus?

Schambeck: Bei uns im Betrieb ist die Frage aufgekommen, was wir tun können, um unsere Mitarbeiter zu entlasten, die zuhause ihre Eltern pflegen. Bisher hat man viel Verständnis, wenn junge Eltern wegen ihres Nachwuchses mal im Homeoffice arbeiten. Aber dass der demente Vater viel mehr Hilfe braucht als das kranke Kind, ist noch nicht überall angekommen.

- Was verspricht sich der Landkreis von einer Kampagne für Corporate Social Responsibility (CSR)?

Bertschi: Wir haben ein breites Bündnis geschaffen mit Vertretern aus der freien Wirtschaft, der Regional- und Landespolitik, mit Verbänden und sozialen Trägern. Wenn sich Unternehmerinnen und Unternehmer austauschen, bleiben Ansätze nicht im Klein-Klein stecken. In Netzwerken können wir gemeinsam Lösungen erarbeiten. Mit der Kampagne wollen wir den Boden dafür bereiten. Dafür nehmen wir in der Bundesrepublik eine Vorreiterrolle ein.

Kampagne im Kreis

Der Landkreis will den Trend zur gesellschaftlichen Verantwortung in Unternehmen unterstützen. In Kooperation mit dem Bundesverband mittelständischer Wirtschaft (BVMW) hat der Landkreis eine Kampagne gestartet: CSR – Corporate Social Responsibility. Kleine und mittelständische Unternehmen sollen sich mehr für die Gesellschaft engagieren. Dafür sind in den kommenden Wochen Veranstaltungen für Unternehmer geplant, bei denen Netzwerke geknüpft werden sollen.

Der nächste Termin

Donnerstag, 21. November, 9 bis 12 Uhr, Runder Tisch „Mittelstand goes CSR“ / Arbeitsplatz - Mitarbeiter zentrierte Unternehmenskultur. Hier treffen sich CSR-Verantwortliche zum persönlichen Austausch und zur Förderung von CSR-Maßnahmen und -strategien. Infos und Anmeldung: www.bvmw.de

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