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Immer mehr Schüler werden wegen psychischer Beeinträchtigungen in einer Klinik behandelt.(Symbolbild)

Psychische Krankheiten steigen

Jugendsozialarbeiter berichtet: Immer mehr Schüler zerbrechen am Druck

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Mit den Anforderungen der heutigen Zeit steigt auch der Druck auf viele Schüler. Immer öfter haben sie mit psychischen Erkrankungen zu kämpfen: Schulangst, Essstörungen, ADHS, Zwänge oder Konflikte im Elternhaus. Gerhard Ziesel ist seit 21 Jahren Jugendsozialarbeiter und berichtet über seine Erfahrungen an der Realschule Taufkirchen.

Taufkirchen – Wenn Gerhard Ziesel Sätze hört wie „Die Kinder werden immer schlimmer“ oder „An der Schule geht’s immer rauer zu“, dann lächelt er nur milde. Seit 21 Jahren hört er das immer wieder. Damals fing er in Unterschleißheim an – als erster Jugendsozialarbeiter an einer Schule im Landkreis München. „Da ging es noch um recht rudimentäre Sachen“, erinnert er sich. Etwa wenn am Schulhof die Fäuste flogen. „Das kommt ja heute fast nicht mehr vor“, sagt er. „Da herrscht quasi Konsens, dass man so etwas nicht macht.“ Weniger geworden sind die Herausforderungen deshalb nicht. Im Gegenteil.

Seit die Jugendsozialarbeit an den Schulen immer bekannter wird, wird auch deren Arbeit kontinuierlich mehr. 1662 Aktivitäten protokollierte Ziesel im vergangenen Schuljahr an der Realschule in Taufkirchen, wo der Sozialpädagoge, der zudem Mediator ist, seit zehn Jahren zusammen mit seiner Kollegin Betty Schüler im Dienst der Arbeiterwohlfahrt (AWO) arbeitet. 307 Mal berieten sie Schüler, Lehrer und Eltern.

Lehrer können das nicht mehr leisten

Es geht um Themen wie den richtigen Umgang mit Medien, einen respektvollen Umgang miteinander und nicht zuletzt darum, dass die Jugendsozialarbeiter die neuen Schüler kennenlernen – „und sie uns“, ergänzt Ziesel. Das Ziel: Schüler mit Schwierigkeiten oder auffälligem Verhalten sollen nicht durchs Raster fallen. Auch häufige Fehlzeiten hinterfragen die Soziarbeiter konsequent, rufen auch mal bei den Eltern an, um rauszufinden, was dahintersteckt. „Das sind Aufgaben, die Lehrer, welche 32 Schüler in einer Klasse haben, nicht leisten könnten.“

Gewalt im Elternhaus

Es gibt so einiges, was dahinterstecken kann, wenn ein Schüler oft fehlt: Schulangst, Zwänge, Essstörungen, Streit zwischen den Eltern, ein Konflikt mit dem Lehrer oder Mitschüler, ein Todesfall in der Familie. „Manchmal kommt auch vieles zusammen“, weiß Ziesel. Besonders schlimm für ihn: „Wenn Gewalt als Mittel zur Erziehung genutzt wird.“ Ein Kind dann am Wochenende nicht nach Hause will oder „in Begleitung der besten Freundin zu mir kommt und unter Tränen davon erzählt“.

Bei Sozialarbeiter Gerhard Ziesel steht die Tür jederzeit offen – die Zusammenarbeit mit Schulleitung und Lehrern ist eng und gut.

Herausforderungen wie diese habe es auch früher gegeben, sagt Ziesel. „Da galten die Kinder aber dann halt schnell als Außenseiter oder Sonderlinge.“ Heute sei das Hilfenetz größer und alle sensibler. Manchmal auch ein wenig zu sehr. „Es treten immer häufiger Krankheiten wie Asperger und ADHS auf, warum auch immer“, merkt der Sozialarbeiter an. Auch der Begriff „Mobbing“ falle häufig. „Aber wenn es mal Ärger zwischen zwei Schülern gibt, kann man nicht gleich von Mobbing reden“, sagt Ziesel. Das sei erst der Fall, wenn es mehrere Vorfälle über einen längeren Zeitraum gebe. Dafür sei man an der Taufkirchner Realschule mit einem Anti-Mobbing-Konzept gut gewappnet.

Immer mehr Schüler kämpfen mit psychischen Erkrankungen

Immer mehr Zeit nimmt die Wiedereingliederung von Schülern nach einem Klinikaufenthalt in Anspruch, worum sich seine Kollegin kümmert. „Die Zahl der Schüler, die wegen psychischer Beeinträchtigungen stationär behandelt werden, steigt“, sagt Ziesel. Und schwierig gestaltet sich dann oft der Wiedereinstieg in den Schulalltag.

„Der Druck, dass die Kinder und Jugendlichen auf eine weiterführende Schule gehen sollen, ist sehr groß mit der Konsequenz, dass mehr Schüler auf die Realschule gehen anstatt etwa auf die Mittelschule“, sagt Ziesel. Dazu kämen Schüler, denen Eltern den Druck am Gymnasium ersparen wollen – die dann oft unterfordert sind. Die Klassen sind groß, der Einzelne gehe leicht unter. „Da kann schnell mal Frust entstehen.“ Erschwerend hinzu komme eine steigende Erwartungshaltung der Eltern – nicht nur an ihre Kinder, sondern auch an die Schule. „Am besten sollen die Kinder um 16 Uhr nach Hause gehen, bis dahin perfekt pädagogisch betreut worden und alles Schulische erledigt sein“, weiß Ziesel. „Da klaffen Anspruch und Machbarkeit oft weit auseinander.“

Seine Arbeit sieht Ziesel als „höchstdiplomatische Aufgabe“. Man sitze oft zwischen allen Stühlen, müsse oft mit viel Fingerspitzengefühl vermitteln. Und: Immer wieder selbst aktiv werden. „Es reicht nicht, abzuwarten, bis irgendwas passiert.“

Eltern schieben den schwarzen Peter gern der Schule zu

Was ihn ärgert: das umstrittene Thema Social Media und die vielen Probleme, die es mit sich brint. „Man muss mal klar sagen: Die Nutzung von Facebook und Whatsapp ist offiziell ab 16 Jahren oder nur mit Einverständnis der Eltern erlaubt“, sagt Ziesel. „Läuft dann in den unteren Klassen etwas schief auf diesen Plattformen, wenden sich Eltern hilfesuchend an uns, oder der Schule wird gar der schwarze Peter zugeschoben, von wegen sie habe zu wenig getan.“ Auch die Vermittlung bei Konflikten zwischen einzelnen Schülern wälzten Eltern gern ab. „Dabei lässt sich vieles lösen, wenn man einfach mal kurz zum Hörer greift und direkt das Gespräch mit den anderen Eltern sucht.“

Für den direkten Kontakt ist auch Gerhard Ziesel selbst immer zu haben: Ab morgens um 7.30 Uhr ist er im Büro anzutreffen. In allen Pausen ist er in der Aula ansprechbar. „Und auch während der Schulzeit dürfen Schüler jederzeit zu uns kommen“, sagt Ziesel. Das Verhältnis zur Schulleitung sei vertrauensvoll, die Zusammenarbeit mit Lehrern und der Schulpsychologin gut. Und – bei allen Herausforderungen – „wenn man bedenkt, wie viele verschiedene Nationen, Charaktere und der Großteil noch dazu mitten in der Pubertät hier beisammen sind, läuft es doch ganz gut“.

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