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Verlasse wie in einer Geisterstadt wirkt die Lindenpassage. 

In der Lindenpassage geht nichts voran

Willkommen in der Geistergasse

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Stillstand in der Lindenpassage. Die Bewohner des Taufkirchner Ortsteil am Wald warten auf ein neues Einkaufszentrum. Doch weil sich zwei verbliebene Mieter und ein Investor nicht einigen können, bleibt alles beim Alten. Der Ärger im Viertel wächst.

Taufkirchen – Man kennt das aus Western-Streifen: Eine verlassene Gebäude-Passage. Menschen fehlen. An einer Laden-Tür baumelt ein Schild: „Geschlossen.“ Und der Wind weht Strohballen über die Straße. Ganz so ist es in der Taufkirchner Lindenpassage freilich nicht. Hier huschen an einem Vormittag hier und da ein paar Menschen durch in Richtung S-Bahn. Sie laufen vorbei an leer stehenden Läden. Meistens verdecken Planen die Fensterfront. Wo einst Rewe, Schlecker oder ein Friseur für Leben sorgten, ist heute Totenstimmung. Willkommen in der Geistergasse von Taufkirchen.

Einzelhandel, Gastro und Wohnungen

Die Lindenpassage war einmal ein belebtes Einkaufszentrum, unter anderem mit Supermarkt, Restaurant, Friseur, Feinkostläden. In den 70er Jahren hatte man es gebaut. Die Bewohner des Ortsteils am Wald mussten nur wenige Meter gehen, um alles für den täglichen Bedarf zu bekommen. Der Komplex verfiel mit den Jahren. Heute steht die Zeit still an diesem verlassen Ort. Jahrelang hat man in Taufkirchen diskutiert, was mit der Lindenpassage passieren soll. Im Dezember 2016 schien etwas voranzugehen. Der Gemeinderat erlaubte einem privaten Investor, der Rock Capital Group, das Einkaufszentrum abzureißen und einen sechsstöckigen Komplex neu aufzubauen. 3650 Quadratmeter für den Einzelhandel sind geplant. Hinzu kommen ein Gastronomiebetrieb sowie eventuell Arztpraxen. Zudem sollen 180 Wohnungen auf dem Areal entstehen. Die Lindenpassage soll zum Zentrum für Wohnen und Einkaufen an einem Ort werden.

Pizzeria und Zahnarzt wollen nicht raus

Doch seit mehr als einem Jahr ist wenig passiert. Die Geschäfte sind zwar weg. Aber der Inhaber des italienischen Restaurants „Dolce e Salato“ und ein Zahnarzt, der namentlich nicht in der Zeitung genannt werden möchte, weigern sich, ihre Standorte zu verlassen. Verhandlungen mit dem Investor laufen ins Leere.

Solange die letzten beiden Mieter bleiben, müssen die Abrissarbeiten warten. Der Restaurant-Besitzer schweigt auf Nachfrage desMünchner Merkur zu den Verhandlungen. Der Zahnarzt sagt: „Wir sind kooperativ.“ Allerdings gebe es von Rock Capital nur ein mündliches Angebot, das sich jeder Grundlage entbehre. Als Bedingung für eine Auflösung des Mietvertrages nennt er die Erstattung der Umzugskosten nach Projektierung und neutraler Ausschreibung der notwendigen Arbeiten, um sämtliche gesetzliche Auflagen zu erfüllen zu können. Es gebe Maßgaben der kassenzahnärztlichen Vereinigung sowie der Apotheker- und Ärztebank. Jeder Stuhl benötige etwa Zufluss von gefiltertem Wasser. Röntgengeräte und Chirurgie erforderten spezielle bauliche Maßnahmen. Er selbst habe sich um alternative Räumlichkeiten bemüht und diese dem Investor vorgetragen. „Leider erhielt ich keine Reaktion.“

Investor spricht von utopischer Forderung

Bei Rock Capital hingegen spricht man auf Merkur-Nachfrage von „außerordentlich großzügigen Angeboten“, die man unterbreitet habe. „Die Vorstellungen über eine Vertragsauflösung beider Mieter sind leider absolut utopisch und unrealistisch. Wir bedauern dies sehr“, so ein Sprecher. Dennoch bleibe man im Gespräch, um eine Lösung zu finden. Man habe dem Pizzeria-Inhaber und dem Zahnarzt angeboten, nach dem Neubau wieder Räume in der Lindenpassage beziehen zu können.

Ein Relikt aus alten Tagen ist der alte Schleckermarkt, der seit der Pleite 2012 leer steht. 

Gleiches Spiel Unterschleißheim

Es ist wie beim maroden Isar-Amper-Einkaufszentrum im Stadtzentrum von Unterschleißheim. Auch diesen Komplex hat Rock Capital gekauft, um ihn abzureißen und neu zu bauen. Auch hier ziehen sich die Verhandlungen mit wenigen verbliebenen Geschäftsbetreibern. Die Leidtragenden sind die Kunden.

Im Viertel wundert man sich, wann endlich gebaut wird. Gerüchte machen die Runde. Der Investor hat verkauft, heißt es. Das stimmt natürlich nicht. Doch der Ärger wächst mit jedem Tag ein Stückchen mehr.

Bürger sind verärgert

Josef Huber (65) wohnt seit dreieinhalb Jahrzehnten am Wald. Es nervt den Rentner, dass seit Jahren nichts vorangeht. An einem Montagvormittag blickt er in den ehemaligen Rewe-Supermarkt in der Lindenpassage. Darin nur nackter Boden. Weiter vorne ist eine Fensterscheibe eingeschlagen. „Diese Situation ist durch Nichtstun entstanden“, sagt Huber. Die Einkaufsmöglichkeiten in Taufkirchen seien schon lange bescheiden. „Derzeit sind sie katastrophal für Bürger ohne Auto.“

Huber ist enttäuscht von Bürgermeister Ullrich Sander, der Gemeindeverwaltung und örtlichen Parteien. Sie würden sich nicht kümmern, um den Missstand zu beenden. Auch die Verantwortlichen des Projekts „Soziale Stadt“ würden sich verstecken. „Sich darauf zurückzuziehen, dass es nur ein Problem zwischen Investor und Mietern ist, ist leider falsch und nicht zielführend.“

Bürgermeister will vermitteln

Bürgermeister Ullrich Sander (parteifrei) sagt, die Situation in der Lindenpassage sei „wahnsinnig ärgerlich“. Durch den Leerstand sei die Passage derzeit „kein schönes Pflaster“. Auch über das Thema Sicherheit müsse man sich Gedanken machen. Daher habe er beim Betreiber angefragt, ob man nachts die Beleuchtung verbessern könne. Wie Huber wünscht sich auch Sander, dass endlich was geschieht. Er selbst habe versucht zu vermitteln, etwa ob sich der Inhaber der Pizzeria mit dem Köglwirt am Sportpark ein weiteres Standbein aufbauen könnte, sagt er, denn der Restaurant-Besitzer betreibt auch den Köglwirt. Aber das Areal an der Lindenpassage ist in privater Hand. Sander sagt: „Wir können niemanden zwingen, etwas zu tun.“

Lediglich der Taufkirchner Asyl-Helferkreis sorgt für etwas mehr Leben in der Gasse. Die Asylhelfer und Flüchtlinge haben eine alte Arztpraxis in der Wildapfelstraße zu einer interkulturellen Begegnungsstätte umgebaut. Sie soll heute offiziell eröffnet werden. Immerhin ein Leerstand weniger.

Lesen Sie hier, warum das Isar-Amper-Einkaufszentrum (IAZ) in Unterschleißheim einen langsamen Tod stirbt.

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