Pharao Tutanchamun, die berühmteste Mumie der Welt, lag unter dieser ägyptischen Totenmaske.
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Pharao Tutanchamun, die berühmteste Mumie der Welt, lag unter dieser ägyptischen Totenmaske.

Halloween

Mythos Mumie: Ein Leichen-Präparator erzählt von damals und heute

  • Marc Schreib
    vonMarc Schreib
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Halloween ist Gruselzeit. Das echte Leben schreibt dabei  die grusligsten Geschichten. Wie der Mediziner Alfred Riepertinger in seinem Mumien-Vortrag in Taufkirchen bewies.

Taufkirchen – Alfred Riepertinger (64) ist mit dem Tod und dessen Ausgestaltungen als Meister-Präparator im Krankenhaus Schwabing tagaus tagein konfrontiert. Wenn er einen Sarg öffnet, schlägt ihm die Endlichkeit des Menschen oft genug mit Wucht entgegen. Bei der Betrachtung des Leichnams stellen sich ihm existenzielle Fragen: Wer warst du, in welcher Zeit hast du gelebt, wie bist du gestorben?

Der Präparator am Klinikum Schwabing und Autor Alfred Riepertinger.

In seinem Vortrag in Taufkirchen öffnete der Germeringer seine Gedankenwelt vor einem Publikum, das in ein Gefühlsmischmasch aus Schaudern und Neugier eintauchte. In seinem neuen Buch beschäftigt er sich mit Mumien. Wie der Kindermumie Rosalia im italienischen Palermo, die Präparatorkollege Alfredo Salafia 1920 konserviert hat. „Die schönste Mumie der Welt“, schwärmt der 64-Jährige. Und in der Tat scheint es, als ob das Kind hinter einer feinen Wachsschicht stecke und in einen Dornröschenschlaf gesunken sei, aus dem es jederzeit erwachen könnte.

„Ein jeder von Ihnen kann zur Mumie werden.“

Alfred Riepertinger hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, dem Tod das Fürchterliche zu nehmen, den Leichnam mit Sanftmut zu kleiden – mit wohlriechenden Kräutern und einem angenehmen Äußeren. Er weiß, wie Leichenblässe oder Blaufärbung nach einem Herzinfarkt verschwinden, die Wangen wieder rosig und frisch wirken und wie die Augenlider geschlossen werden, ohne zugeklebt auszusehen.

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Als erstes konfrontiert Alfred Riepertinger die Zuhörer in Taufkirchen mit der Bemerkung: „Ein jeder von Ihnen kann zur Mumie werden.“ Oha. Bedingung dafür sei beispielsweise eine Gruft, die trocken und gut belüftet ist. Ein Eichensarg eignet sich für die Konservierung besser als Zink.

Hund beißt Toten

Mit 16 Jahren hat Alfred Riepertinger zum ersten Mal ein Grab zugeschaufelt. Der medizinische Präparator in der Pathologie am Schwabinger Krankenhaus ist ein gern gesehener Gast im VHS-Haus am Ahornring – er spickt seine Vorträge mit Anekdoten aus dem Jenseits. Wie der Geschichte mit dem Grafen und seinem Hund: Bei einer Öffnung einer Ahnengruft im thüringischen Harz sprang der Hund unversehens in den Sarg hinein, um sich einen Oberarm des Urahnen zu schnappen. Der Graf ging gerade noch dazwischen. „So konnten die ehrwürdigen Gebeine des Adligen gerettet werden.“

Für Riepertinger die „schönste Mumie der Welt“: die des Kindes Rosalia Lombardo, die in der Kapuzinergruft in Palermo liegt.

Ein Sarg, das ganz nebenbei, darf nicht ohne Genehmigung geöffnet werden. Nur wenn die Angehörigen es wünschen. Der Präparator wäre zum Beispiel gerne dabei, wenn die Wittelsbacher den Leichnam König Ludwigs II. zur Untersuchung freigegeben würde. Aber damit ist vorerst nicht zu rechnen. Die Familie möchte das nicht.

„Das Leichengift, das gibt es nicht.“

Die Neugier der Öffentlichkeit muss da zurückstehen. Allerdings war sie nach dem Vortrag Riepertingers kaum zu bremsen. Zum Beispiel wollte eine Taufkirchnerin wissen, was es mit dem ominösen Leichengift auf sich hat, von dem gerüchteweise die Rede ist. Alfred Riepertinger: „Das Leichengift, das gibt es nicht.“ Der tote Körper sei nicht giftig, denn sonst könnten die Menschen ja auch kein Fleisch essen. Was eine Leiche gefährlich mache, seien Keime, Bakterien und Viren. Oder wenn die Leiche bereits in Fäulnis übergegangen ist. Wer sich daran verletze, könne eine Blutvergiftung bekommen. „Wenn ein völlig gesunder Mensch verstirbt, den können sie sie anfassen und ganz salopp gesagt: In den könnten Sie reinbeißen. Er ist nicht giftig.“

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Eine Dame in der Runde wollte sich nach einem geschilderten Fall in München erkundigen, wonach eine Tochter ihre tote Mutter im Bett fünf Jahre neben sich liegen hatte – aus Angst vor Einsamkeit. Zur Mumie wurde die Mutter, weil sie in den Sommermonaten schnell vertrocknete. Sie war schlank und durch einen günstigen Luftzug durch das geöffnete Fenster zog warmer Wind. Insekten habe die Tochter wohl mit einem Spray verscheucht. Denn, sagt Riepertinger, „Sie glauben gar nicht, wie gut Schmeißfliegen einen Toten riechen können.“

Leichen werden auch heute zuhauf einbalsamiert. Ein Taufkirchner wollten wissen, wer. Zum Beispiel Modezar Rudolph Moshammer aus Grünwald oder Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß. Nicht weil sie für die Ewigkeit erhalten werden sollten wie die ägyptischen Pharaonen. Sondern beide überschritten wegen der aufwendigen Vorbereitungen der Trauerzeremonien die 96 Stunden Bestattungsfrist. Außerdem waren sie nicht in Friedhofsgebäuden aufgebahrt: Strauß kam ins Prinz-Karl-Palais, Moshammer in die Lukaskirche.

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Konserviert im Flieger

Aus hygienischen Gründen verlangt die Friedhofsverwaltung in solchen Fällen, dass die Leichname konserviert werden. Ein häufiger Anlass ist auch eine Überführung aus dem Ausland per Flugzeug. Die Angehörigen hätten so die Gelegenheit, auch am Ankunftsort einen gut erhaltenen Leichnam entgegenzunehmen und sich würdevoll zu verabschieden. Alfred Riepertinger begegnet dem Leichnam, wie er sagt, stets voller Ehrfurcht und Staunen. „Ich darf einen Blick zurück in die Vergangenheit werfen, denn Gegenwart und Vergangenheit begegnen sich in einem Sarg.“

Das zweite Buch

Alfred Riepertingers heißt „Mumien“ und ist 2018 als Hardcover im Heyne Verlag erschienen. Es umfasst 224 Seiten und kostet 20 Euro (ISBN: 978-3-453-20486-7).

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