Patin Marion Bütow
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Offenes Ohr für Mitmenschen: Patin Marion Bütow.

Hilfe für einsame Senioren

Neues Projekt der Nachbarschaftshilfe: Telefonieren gegen die Einsamkeit

  • Doris Richter
    vonDoris Richter
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Die Corona-Pandemie treibt vor allem viele Senioren in die Einsamkeit. Um das zu verhindern, hat sich die Nachbarschaftshilfe Taufkirchen etwas einfallen lassen.

Aus Angst vor Ansteckung trauen sich viele ältere Menschen derzeit kaum mehr aus dem Haus. Der Plausch mit der Nachbarin oder beim Einkaufen fällt weg. Gibt es auch keine Familienangehörigen oder leben diese weite weg, fühlen sich viele einsam und es fehlt der Gesprächspartner. Dafür hat die Nachbarschaftshilfe Taufkirchen ein neues Angebot geschaffen: Sie vermittelt Telefonpatenschaften. Marion Bütow (70) war die Erste, die eine solche Patenschaft übernommen hat – und pflegt nun einmal die Woche den Telefonkontakt zu einer älteren Mitbürgerin.

Wie kamen Sie dazu?

Ich begleite über die Nachbarschaftshilfe Taufkirchen bereits zwei Seniorinnen. Als es mit Corona immer schlimmer wurde, habe ich überlegt – wie kann ich noch helfen, ohne dass ich so viel rausgehe? Die Nachbarschaftshilfe hat mir vor mehreren Wochen dann eine 78-jährige Dame vermittelt, mit der ich nun telefonisch verbunden bin.

Wie beginnt man da beim ersten Anruf?

Es war ganz unkompliziert. Ich mag ja gerne Menschen und kann problemlos auf sie zugehen. Deshalb hab ich sie angerufen, gesagt, wie ich heiße und dass ich erfahren hätte, dass sie sich über Gesprächspartner freuen würde.

Wie hat sie reagiert?

Sie hat sich gefreut. Und hat mir gleich ihr ganzes Leben erzählt. Von ihrem Mann, ihren Hobbys. Ihr Leben hat sich vor meinen Augen entfaltet, das war sehr schön. Wir waren auch schnell beim Du. Nach eineinhalb Stunden habe ich dann aber gemerkt, dass es zu viel wird. Dann habe ich gesagt, Du, mir raucht schon der Kopf und wenn Du mir jetzt noch mehr erzählst, fall ich um (lacht).

Man muss da auch eine Grenze ziehen, oder?

Das ist wichtig. Sie hat gleich, nachdem ich aufgelegt hatte, wieder angerufen, aber da bin ich nicht rangegangen. Man muss sich selbst schützen. Ein paar Tage später habe ich wieder angerufen.

Gibt es jetzt einen festen Termin?

Einmal die Woche rufe ich sie an. Das weiß sie auch, dass sie sich darauf verlassen kann. Mal dauert unser Telefonat dann kürzer oder länger, ich bin da offen. Meistens dauert es länger.

Was gefällt Ihnen daran?

Es macht mir einfach Freude. Es ist das, was mir der liebe Gott in die Wiege gelegt hat. Die Empathie, die Sensibilität, anderen zuzuhören.

Sie engagieren sich vielfältig, vom Asylhelferkreis bis zum Hospiz. Haben Sie ein Helfersyndrom?

Anfangs hatte ich das. Mittlerweile nicht mehr. Ich habe viel an mir gearbeitet. Zu helfen war schon immer mein Ding. Ich muste nur lernen, mit meiner Hochsensibilität gut umzugehen und mich abzugrenzen. Es tut nicht gut, sich über die Dankbarkeit anderer zu definieren. Ich muss das nicht machen, weil ich sonst ein Defizit habe. Es bereichert mich.

Haben Sie die Dame schon persönlich getroffen?

Nein, das will sie immer. Ich sage dann, lass uns noch etwas warten, auch wegen Corona. Aber wir werden uns auf jeden Fall einmal treffen.

Viele Senioren haben sich bisher nicht gemeldet für so eine Patenschaft – woran liegt das?

Viele ältere Leute sind wegen der Telefonbetrügereien, die häufig vorkommen und von denen man immer wieder in den Medien liest, sehr ängstlich und verunsichert. Und deshalb wollen sie da lieber ihre Telefonnummer nicht preisgeben. Corona verstärkt bei vielen die Ängste oder spült sie erst so richtig nach oben. Im Normalfall kann man sie gut verdrängen mit Aktionen wie Sport oder Freunde treffen. Das fällt jetzt weg. Ich kenne viele, die wirklich verstört sind. Doch bei der Nachbarschaftshilfe sind sie wirklich in guten, sicheren Händen.

Mehr Informationen zu den Telefonpatenschaften gibt es bei Annett Lütke-Holz unter Telefon 089/666 10 03 90 oder per Email an luetke-holz@nachbarschaftshilfe-taufkirchen.de. Hier kann sich melden, wer eine Patenschaft übernehmen will oder jemanden zum Reden sucht.

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