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Zum Büromanager lässt sich Andre Zaniuk bei Framos ausbilden.

Spezielles Umschulungsprojekt der Metall- und Elektrobranche

„Um die über 25-Jährigen hat sich kein Schwein gekümmert“

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Taufkirchen –Zwei besondere Azubis lernen bei Framos: Sie sind 30plus und werden umgeschult. Die Metall- und Elektroindustrie hofft auf neue Fachkräfte.

Jahrelang hat Lukasz Borowiak auf dem Bau gearbeitet, dann lieferte der gebürtige Pole, der seit 2007 in Deutschland lebt, Pakete aus, zuletzt war er arbeitslos. Jetzt sitzt der 32-Jährige vor seinem Computer im Lager der Firma Framos. Das Familienunternehmen in Taufkirchen versorgt die Industrie mit Bildverarbeitungs-Technologie oder bringt, wie es Geschäftsführer Andreas Franz beschreibt, „Robotern und Maschinen das Sehen und Denken bei“.

Borowiak bucht in den Computer die Materialeingänge ein oder steht im Kittel mit Arbeitshandschuhen und Mundschutz vor den raumhohen Regalen und verpackt Bildsensoren, die nicht durch Staub, Flüssigkeiten oder elektromagnetische Ladung beschädigt werden dürfen.

Er wird seit September 2015 im Rahmen des Projekts „power25+(me)“ zum Fachlogistiker mit Unterstützung umgeschult – so wie derzeit weitere 41 junge Erwachsene im Alter von 25 bis 35 Jahren in Bayern. Im Landkreis München nehmen sechs Betriebe an dem Projekt teil und bieten damit sechs Umschülern und einem Auszubildenden neue Chancen in der Berufswelt.

Eigentlich hätte Borowiak gerne zum Busfahrer bei der Münchner Verkehrsgesellschaft umgeschult oder im naturwissenschaftlichen Bereich gearbeitet. Doch gerade für Letzteres reichen seine Deutschkenntnisse nicht aus. Auch für seinen neuen Job und für die Berufsschule muss er seine Sprachkenntnisse ständig verbessern. Deswegen besteht die Unterstützung der zweijährigen Umschulung durch das Bildungswerk der Bayerischen Wirtschaft bei ihm hauptsächlich aus weiteren Deutschkursen. Anderen Projektteilnehmer wird beispielsweise bei der Wohnungssuche oder bei Fortbildungen geholfen.

„Das Projekt zeichnet sich durch die hohe Betreuungsintensität aus“, sagt Bertram Brosshardt, Hauptgeschäftsführer des Verbands der bayerischen Metall- und Elektroindustrie. Der Verband initiiert das Projekt gemeinsam mit der Bundesagentur für Arbeit.

Dass die Umschüler und Auszubildenden vom Start bis weit über ihren Abschluss hinaus so umfangreich betreut werden, hat natürlich seinen Preis. Die Gesamtkosten des Projekts belaufen sich auf knapp 2,6 Millionen Euro. Der Anteil der Arbeitsagentur liegt bei rund 1,7 Millionen Euro, den Rest steuert die Industrie bei.

Doch Brossardt glaubt, dass sich das spezielle Angebot für „die Spätzünder und Quereinsteiger“ trotz hoher Kosten und Abbruchquote lohnt und Vorbildfunktion für ganz Deutschland haben könnte. „Dauerhaft qualifizierte Arbeitskräfte zu finden, wird in Zukunft immer schwieriger“, sagt er. Da müsse man alle Potenziale nutzen. Und bei den jungen Erwachsenen sieht er dieses Potenzial: „Um die über 25-Jährigen hat sich lange Zeit kein Schwein gekümmert.“

Gelohnt hat sich das Projekt für Andre Zaniuk auf jeden Fall. Der 31-Jährige ist der zweite Umschüler bei Framos. Der gelernte Einzelhandelskaufmann, der einige Jahre bei Penny und Lidl gearbeitet hatte, wollte sich beruflich weiterentwickeln und lässt sich nun zum Kaufmann für Büromanagement ausbilden. Dass er ebenso wie Borowiak mit 17- und 18-Jährigen in die Berufsschule geht, stört ihn wenig: „Ich habe bei den Jüngeren eine gewisse Vorbildfunktion.“ Auch das Lernen fällt ihm nicht schwer. Denn er hat erst vor Kurzem an der Abendschule seinen Realschulabschluss gemacht.

Die Zwischenprüfung haben beide mittlerweile erfolgreich abgelegt, jetzt hoffen sie natürlich, auch übernommen zu werden. Laut Framos-Geschäftsführer Franz stehen die Chancen nicht schlecht, auch wenn er noch keine endgültige Zusage machen will. Das Projekt findet er jedenfalls extrem wichtig – gerade für Familienunternehmen wie seines: „Wir suchen talentierte Mitarbeiter, die zu uns passen. Da schauen wir uns in erster Linie die Person an, nicht den glatten Lebenslauf.“ Stefan Weinzierl

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