Schulleiterin Nikola Kurpas, Sozialreferent Andreas Bayerle und Lehrer Daniel Kapfhammer der Flexiblen Trainingsklasse.
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Ziehen an einem Strang (v.l.): Schulleiterin Nikola Kurpas, Sozialreferent Andreas Bayerle und Lehrer Daniel Kapfhammer im Klassenraum der Flexiblen Trainingsklasse.

Positive Bilanz nach erstem Jahr an der Mittelschule Taufkirchen

Pilotprojekt Flexible Trainingsklasse: Unterricht mit Wutausbrüchen

  • Doris Richter
    vonDoris Richter
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Kraftausdrücke, üble Schimpfworte und auch mal mit Fäusten ausgetragene Konflikte sind Alltag in der ersten Flexiblen Trainingsklasse im Landkreis München. Eine Bilanz nach einem Jahr.

  • Problemschüler sollen in der Trainingsklasse fit für Regelklassen gemacht werden.
  • Sechs Schüler von der 5. bis 8. Klasse
  • Konflikte und Schimpfwörter an der Tagesordnung
  • Erste Erfolge: Pünktlichkeit, regelmäßiger Schulbesuch

Taufkirchen – Im September startete die besondere Klasse, die maximal acht Schüler vorsieht. Das Ziel: Schülern, die wegen unterschiedlicher Schwierigkeiten jede Regelklasse sprengen, einen besonderen, eigenen Rahmen fürs Lernen zu geben. Mit mehr Personal, das die Schüler dabei unterstützt, den rechten Weg für sich zu finden – und am Ende wieder in ihre Klasse zurückkehren zu können. Mit fünf Schülern ging es zu Beginn des Schuljahres los, ein weiterer kam nach den Allerheiligenferien dazu. Kinder und Jugendliche aus der 5. bis zur 8. Klasse.

Bei vielen gibt es im Familienumfeld Probleme.

Bei vielen gibt es im Familienumfeld Probleme, die Schüler sind durch lautes, aggressives Verhalten aufgefallen, haben im Unterricht nicht mitgemach, sich mit Lehrern und Klassenkameraden angelegt, brauchen viel Aufmerksamkeit. „Wir haben zuvor lange Gespräche mit ihnen und ihren Eltern geführt“, erzählt Schulleiterin Nikola Kurpas. „Alle sind freiwillig in die Klasse gekommen.“

Trotzdem war der Start holprig. „Als sie dann tatsächlich gespürt haben, was es bedeutet, in dieser Klasse zu sein, isoliert von den anderen, war das sehr schwierig für sie“, sagt Kurpas. „Und auch wir mussten eine Menge lernen.“ Zu Beginn hatte die Klasse zu anderen Zeiten als üblich Unterricht. Während der Pausen schauten die anderen Schüler dann mal gerne vom Pausenhof ins Klassenzimmer. „Unsere Schüler fühlten sich wie die Affen im Käfig“, sagt Kurpas. Auch anhören mussten sie sich einiges. „Kellerkinder“ war dabei noch einer der netteren Ausdrücke.

Im Klassenzimmer kocht die Stimmung immer wieder über.

Im Klassenzimmer selbst kochte die Stimmung immer wieder über. „Jeder Einzelne für sich ist schwierig, und dann sitzen da auf einmal sechs von der Art beisammen“, sagt Kurpas. Sechs Schüler, von denen jeder den Ton angeben will und Schwächere auch gerne mal unterbuttert. „Dazu sind es Schüler mit wenig Selbstwertgefühl, die schwer Vertrauen in Menschen fassen können, auch wenn die es gut mit ihnen meinen.“

Einer, der es richtig gut mit ihnen meint, ist ihr Lehrer Daniel Kapfhammer. Er hatte sich freiwillig für die Leitung der Klasse gemeldet. Und im Gespräch merkt man schnell, was ihn dafür qualifiziert: Er mag die Schüler. „Diese Kinder und Jugendlichen haben besondere Hilfe verdient“, sagt er. Und dennoch ist es keine einfache Arbeit. Weil die Stimmung jederzeit kippen kann, wenn es einem seiner Schützlinge zu viel wird. Ausraster sind nichts Ungewöhnliches. Da fallen üble Schimpfwörter, Konflikte werden schon mal mit den Fäusten ausgetragen. Kapfhammer geht dann dazwischen und nimmt selbst nichts persönlich. „Die Schüler wissen, egal, was sie am Tag zuvor gesagt oder gemacht haben – am nächsten Tag ist er trotzdem wieder für sie da und fragt, wie es ihnen geht“, sagt Kurpas.

Jeder Verstoß wird bestraft.

Was nicht bedeutet, dass ihnen Kapfhammer alles durchgehen lässt. Der Rahmen ist eng: Jeder Verstoß, jede Minute zu spät kommen, jedes Reden im Unterricht wird bestraft. Eine Ampel zeigt bei jedem Schüler an, in welchem Bereich er sich bewegt. „Und alle freuen sich, wenn ihr Verhalten im grünen Bereich ist“, sagt Kapfhammer. Andererseits wird auch viel gelobt. Jeder kleine Erfolg wird gefeiert. Die Schüler sollen die Angst vor schulischen Misserfolgen, die sie oft erlebt haben, verlieren.

Der Stundenplan sieht wie in den Regelklassen aus. Unterricht ist von 8 bis 15.30 Uhr. Weil die Spanne zwischen der 5. und der 8. Klasse groß ist, bekommt Kapfhammer Verstärkung von einem Förderlehrer oder einer Sonderpädagogin.

Eine Sozialpädagogin ist immer ansprechbar.

Ein wichtiger Baustein des Projekts: Eine Sozialpädagogin begleitet die Klasse. Sie ist im Unterricht mit dabei und sitzt im Büro nebenan. Immer ansprechbar. Immer da, wenn ein Schüler eine Auszeit braucht. Immer ein offenes Ohr für Wut oder Nöte. Angestellt ist sie bei der Gemeinde Taufkirchen, die sich die Kosten mit dem Landkreis teilt. „Die Zusammenarbeit zwischen Schule und Jugendarbeit ist in diesem Fall enorm wichtig“, meint Taufkirchens Sozialreferent Andreas Bayerle. „Man darf die Schulen damit nicht allein lassen.“ Die schulische Leistung stehe dabei erst mal nicht im Vordergrund. Es gehe vor allem um Vertrauen und darum, dass die Schüler regelmäßig kämen.

Das Team tauscht sich regelmäßig aus. Dabei wird offen alles angesprochen. Auch wenn eine Lehrerin mal Angst hat, in die Klasse zu gehen. Und man sucht gemeinsam nach einer Lösung. Tabus gibt es nicht. „Uns ist auch ganz wichtig, die Eltern regelmäßig zu informieren“, sagt Kurpas. Jeden Tag können sie im Berichtheft nachlesen, was gemacht wurde. Regelmäßig gibt es Gespräche und Treffen.

Erste, zarte Erfolge nach dem ersten Schuljahr

„Corona hat uns natürlich zurückgeworfen“, sagt Kurpas. Und dennoch: Nach dem ersten Schuljahr gibt es erste, zarte Erfolge. „Jeder Schüler hat sich gebessert“, sagt Kapfhammer. Ein Fünftklässler, der früher fast täglich von der Schule abgehauen ist, schafft jetzt den ganzen Schultag. Die Fehltage sind bei allen deutlich weniger geworden. Ein Schüler kann bereits in seine Regelklasse zurückkehren. Im nächsten Schuljahr geht es weiter, erst mal mit fünf Schülern, darunter zwei neue. Die Lehrerstunden sind bereits genehmigt. Jetzt sollte nur Corona nicht wieder dazwischenfunken.

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