Alexander Tillack, Streetworker in Taufkirchen
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Sein Äußeres hilft ihm, mit Jugendlichen ins Gespräch zu kommen: Früher war er Tätowierer und Philosophie-Student, jetzt ist Alexander Tillack Streetworker.

Interview mit Taufkirchens Streetworker Alexander Tillack

Streetworker Tillack spricht Sprache der Jugend: „Ich versuche, der Verbündete zu sein“

  • Doris Richter
    vonDoris Richter
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Dank seiner Tattoos und Piercings wird Alexander Tillack bei seiner Klientel gut angenommen: Seit Juli ist der 27-Jährige als neuer Streetworker in Taufkirchen unterwegs.

Herr Tillack, muss man als Streetworker Tattoos und Piercings haben? Macht das die Arbeit leichter?
Ist immer die Frage, was zuerst da war: das Tattoo oder die Arbeit als Streetworker (lacht). Oft erst das Tattoo, wie auch in meinem Fall. Meist machen den Job ja Leute, die nicht BWL oder Jura studiert haben und vielleicht generell ein bisschen anders drauf sind – und dann eben auch anders aussehen. Und ja, das ist durchaus ein Türöffner bei der Arbeit. Du kaufst jemandem, der ein wenig aussieht wie du selbst, viele eher ab, dass er dir was Gutes tun will und weiß, wovon er spricht.
Hatten Sie schon immer eine soziale Ader?
Ich habe kein klassisches Helfersyndrom. Ich habe einfach gemerkt, ich kann sehr gut mit Menschen, und Menschen können sehr gut mit mir. Und es macht mir Spaß, mich mit verschiedenen Menschen zu beschäftigten.
Wann haben Sie sich dafür entschieden?
Das kam durch meine Eltern. Die nach einem abgebrochenen Philosophie-Studium und einer Ausbildung zum Tätowierer irgendwann meinten, ich solle noch mehr aus meinem Leben machen. Irgendwas mit Menschen, das liege mir doch. Und dann habe ich noch einen Onkel, der auch Sozialpädagoge ist. Und so kam ich zu dem Studium.
Jetzt vom Schulsozialpädagogen zum Streetworker – doch eine ganz schöne Umstellung, oder?
Ja, da gibt’s große Unterschiede. Die Klientel ist am Gymnasium schon ganz anders und reicht von zehn bis 18 Jahre. Als Streetworker bist Du offiziell zuständig für Leute von 13 bis 27 Jahren. Und während du am Gymnasium oft mit Helikopter-Eltern zu tun hast, trifft man als Streetworker oft Jugendliche, die genau solche Eltern bräuchten – aber eben nicht haben.
Wie geht man als Streetworker auf die Leute zu?
Da bin ich froh, dass ich so aussehe, wie ich aussehe. Wenn ich ankomme, wissen die schon, der will irgendwas oder ist irgendjemand. Wenn ich dann ein paar Jugendliche im Ort stehen sehe, gehe ich hin, stelle mich kurz als neuer Streetworker vor und drücke ihnen meine Karte in die Hand für den Fall, dass sie mal was auf dem Herzen haben. Das kostet schon Überwindung am Anfang.
Wie ist die Resonanz?
Total gut. Ich versuche ihnen auch zu vermitteln, dass ich einfach ein ganz normaler Typ bin, mit dem sie quatschen können. Und es kamen schon einige.
Mit welchen Anliegen?
Ganz oft geht es um Probleme im Elternhaus. Entweder sind sie schon raus oder wollen raus bei den Eltern.
Da geht es ja gleich ans Eingemachte...
Ja, das hat mich auch überrascht, dass gleich die ersten Fälle so heftig sind.
Wie gehen Sie da vor?
Die meisten melden sich über Whatsapp bei mir. Entweder telefonieren wir dann oder treffen uns irgendwo im Ort, am liebsten auf einer Bank oder im Café. Und versuchen dann, gemeinsam Lösungen zu finden. Ich spreche auch mal mit den Eltern, mit dem Team vom Jugendzentrum und habe auch Kontakt zum Jugendamt. Grundsätzlich gilt: Wenn man nach etwa einem halben Jahr nichts erreicht hat, gibt man den Fall weiter.
Haben Sie mehr mit Jungs oder Mädchen zu tun?
Ich bin nicht so der Fußballtyp, sondern eher der Dubiose, der in der Ecke sitzt, zeichnet und tiefgründige Gespräche führt. Deshalb komme ich mit Mädchen gut ins Gespräch. Aber es kommen auch genauso viele Jungs. Oft welche, die mir recht ähnlich sind. Oft kommen sie einfach nur, um ein wenig zu reden.
Haben die Jugendlichen es heute schwieriger als früher? Ist der gesellschaftliche Druck größer?
Ja, der Druck ist schon größer. Anderseits haben Jugendliche so viel mehr Möglichkeiten. Es sind viele Ideologien am Aufkommen, alle nach dem Motto: Jeder ist eine besondere Schneeflocke. Jeder kann alles schaffen. Es ist gesellschaftlich viel akzeptierter, dass jeder so sein darf, wie er ist. Was Selbstentfaltung angeht, haben es die Jugendlichen viel leichter als früher. Ich werde auch nicht mehr wegen meiner Tattoos schräg von der Seite angeschaut.
Welchen Fehler sollte man als Streetworker nie machen?
Gleich die Polizei zu rufen bei Problemen, wenn du etwa eine Gruppe besoffener oder bekiffter Jugendlicher siehst. Dann hat man als Streetworker verloren. Ich versuche, der Verbündete zu sein. Was nicht heißen soll, dass ich es dann gut finde, wenn sie saufen und vielleicht sogar mal etwas mitrauche. Das auf keinen Fall. Aber das Gegenteil ist eben auch nicht der Fall. Ich versuche mit ihnen zu reden, komme aber nicht erziehend mit dem erhobenen Zeigefinger daher. Sie sollen schließlich mit ihren Problemen zu mir kommen.
Und welche Fehler machen Eltern häufig?
Ich glaube, Eltern wollen grundsätzlich immer das Beste für ihre Kinder. Und versuchen mit bestem Wissen, das Richtige zu tun. Oft aber ist es so, dass wenn ein Kind anders ist als die anderen und ganz andere Interessen hat, die Eltern versuchen, das gerade zu biegen. Und das finde ich unendlich traurig. Da spreche ich auch ein bisschen aus eigener Erfahrung. Ein Gymnasiast, der eine Tattoo-Lehre machen möchte – das ging für meine Eltern eigentlich gar nicht. Aber ich wäre heute nicht hier, wenn ich nicht das gemacht hätte, was ich gemacht habe und nicht so wäre wie ich eben bin. Deshalb würde ich den Kindern ihre Freiheit lassen. Eine Regel gibt es aber dabei: Die Freiheit eines Menschen endet immer da, wo die eines anderen beginnt.
Als Sozialarbeiter hat man oft mit harten Fällen zu tun. Wie kriegen Sie den Kopf frei nach Dienstschluss?
Damit hatte ich tatsächlich sehr zu kämpfen am Anfang. Zum Glück werde ich gut aufgefangen von meinem Arbeitgeber, vom Team, es gibt Supervisionen, wo man sich aussprechen kann. Am besten hilft mir, wenn ich abends heimkomme, das Diensthandy auszuschalten und die Büroschlüssel in die Ecke zu werfen. Das ist das Signal für den Feierabend. Und ich kann mich für viele Dinge begeistern, das hilft mir.
Der erste Eindruck von der Gemeinde?
Schön. Zum Glück keine Metropole wie München – wo es sicher noch ganz anders zugeht. Ich bin vor allem beeindruckt vom sportlichen Angebot hier. Derzeit bin ich vor allem noch auf Kennenlern-Tour. Ich war schon auf drei Lehrerkonferenzen. Und ich bin regelmäßig im Ort unterwegs, wo ich Jugendliche anspreche – und mich natürlich auch jeder ansprechen kann.

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