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Plakate und Protestsong: Die Grünen wollen keine Messerschmitt-Straße. Deshalb hängten sie im Sitzungssaal dieses Plakat auf und spielten das Moorsoldaten-Lied ab.

Turbulenzen im Taufkirchner Sitzungssaal

Gewissenskonflikt um Messerschmitt

Taufkirchen - Mit Plakaten und einem Protestlied haben die Grünen gegen einen Beschluss des Taufkirchner Gemeinderats rebelliert. Die Grünen lehnen es ab, Willy Messerschmitt eine Straße zu widmen. Der Flugzeugkonstrukteur mit NSDAP-Parteibuch hatte im Krieg Zwangsarbeiter beschäftigt.

Bürgermeister Ullrich Sander (parteifrei) muss geahnt haben, dass der rechtsformale Widmungsakt um einen Straßennamen nicht konfliktfrei vollzogen wird. Dass er später als Hausherr im Sitzungssaal allerdings Protestplakate von den Wänden reißen und die Musik („Die Moorsoldaten“) abstellen musste, wussten im Vorfeld nur die Mitglieder der Grünen-Fraktion. Sie protestierten mit ihrer Aktion gegen die schweigende Mehrheit, die mit 14:9-Stimmen für die Willy-Messerschmitt-Straße votiert hatte – obwohl allen Kommunalpolitikern durchaus bewusst war, dass Messerschmitt NSDAP-Mitglied gewesen ist und im Zweiten Weltkrieg viele Zwangsarbeiter beschäftigt hatte. 

„Ein Straßenname ist immer eine Ehrung“, sagte Grünen-Sprecher David Grothe: „So ein Mensch hat aber keine Ehrung verdient, selbst wenn er auf dem technischen Sektor Gutes getan hat.“ Matteo Dolce (SPD) ergänzte, die Forschungen zu Messerschmitt seien noch nicht beendet: „Es ist nicht auszuschließen, dass neue Erkenntnisse ans Tageslicht kommen, die uns in den nächsten Jahren vorgehalten werden können.“ Ursula Schulze (FDP) plädierte für den Mut zur Umkehr: „Es ist doch keine Blamage festzustellen, dass das damals ein Fehler war.“ Damals. Das war 1993, als besagte Straße unter dem damaligen Bürgermeister Hartmann Räther nach Messerschmitt benannt wurde.

 Jetzt, vor der offiziellen Widmung, hatte der amtierende Rathauschef Sander gewarnt, „die Vorgänger zu düpieren und der Lächerlichkeit preiszugeben“. Zudem bat Sander die Gemeinderäte eindringlich, doch bitte „zu vermeiden, dass unser größtes und namhaftestes Unternehmen vor den Kopf gestoßen wird“ – die Airbus Group, die sich unmissverständlich für die Beibehaltung des Straßennamens ausgesprochen hatte (siehe Kasten unten). Wie solle Wirtschaftsförderung und Gewerbeansiedlung funktionieren, fragte Sander, „wenn man auf die Belange und Wünsche der Betriebe nicht eingeht“. Die Mehrheit folgte Sanders Argumentation – allerdings schweigend. Die Minderheit protestierte um so lauter. Als „total unpolitisch“, kritisierte Grünen-Politikerin Gabi Zaglauer-Swoboda die Haltung der Gegenseite.

Die Abstimmung Gegen den Messerschmitt-Straßennamen votierten die Grünen (drei Stimmen), die komplette, dreiköpfige ILT-Fraktion, Ursula Schulze (FDP) sowie Matteo Dolce und Birgit Schmidl (beide SPD). Die übrigen Gemeinderäte samt Bürgermeister Sander sprachen sich für den Straßennamen aus. Eckkhard Kalinowski (Freie Wähler) war zum Zeitpunkt der Abstimmung nicht im Saal.

Straßennamen behalten: 

In dem Beschlussvorschlag für die Widmung der Messerschmitt-Straße schreibt Bürgermeister Ullrich Sander (parteifrei): „Der Gemeinderat verkennt nicht die Verbindungen des Luftfahrtunternehmens von Willy Messerschmitt zur NS-Zeit mit dem Regime. Soweit es Handlungen oder Äußerungen von Willy Messerschmitt gegeben hat, die sich mit dessen Ideologie identifizieren oder die eine positive Haltung hierzu erkennen lassen, distanziert sich der Gemeinderat davon ausdrücklich. Er hält jedoch gleichzeitig ein Löschen sämtlicher Erinnerungen an diese dunkle Seite der deutschen Geschichte für fehl am Platz, weil damit Ansatzpunkten für eine Diskussion kein Raum mehr gelassen würde.“

Die Airbus Group, die durch die Postleitzahlenänderung in Taufkirchen eingemeindet wird, appelliert an an die Gemeinde: „Es ist das Recht der Gemeinde, die Straßennamen zu bestimmen. Aber an der Person Willy Messerschmitt führt kein Weg vorbei, wenn Sie unser Unternehmen eingemeinden wollen (...). Wenn wir solche Diskussionen wie die über Willy Messerschmitt verfolgen, fragen wir uns, ob wir hier wirklich erwünscht sind. Sie erwarten von uns Arbeitsplätze, Kindergärten, Umweltschutz, massive Kostenübernahmen für von der Gemeinde initiierte Adressänderungen, und Engagement in gemeindlichen Angelegenheiten wie der Flüchtlingshilfe. Wir meinen: Wer das alles von uns erwartet, der muss uns auch so nehmen, wie wir sind. (....)


Straßennamen ändern: 

Gabi Zaglauer-Swoboda (Grüne) appelliert an ihre Taufkirchner Gemeinderatskollegen, die Straße jetzt umzubenennen: „Wir halten Willy Messerschmitt nicht für geeignet als Namenspatron für eine Straße in einem demokratischen und den Menschenrechten verpflichtetem Gemeinwesen. Messerschmitt war seit 1933 Mitglied der NSDAP. (....) Sein Unternehmen wurde als ,Nationalsozialistischer Musterbetrieb’ ausgezeichnet. Die Firma Messerschmitt setzte mehrere 1000 Häftlingen in Außenlagern der KZs Dachau und Flossenbürg als Zwangsarbeiter ein. Besonders zynisch ist, dass sich die Messerschmitt-Straße nur einige hundert Meter entfernt von dem ehemaligen Außenlager Ottobrunn des KZ Dachau befindet.“

Der SPD-Gemeinderat Matteo Dolce sagte im Gremium: „Hier geht es nicht darum, einem Unternehmen auf die Füße zu treten oder in seine Tradition einzugreifen. (....) Lehnen wir den Namen Messerschmitt nicht ab, können wir darauf warten, bis sich eine Gruppe von Menschen organisiert, die sich zurecht über das Ergebnis und dessen Wirkung öffentlich beklagt. Zudem hieße es, dass sich der Gemeinderat für die Argumente eines Wirtschaftsunternehmens und gegen historische Verantwortung entschieden hat.“

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