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Björn Höcke, AfD Thüringen (rechts) gratuliert dem neuen Ministerpräsidenten Thomas L. Kemmerich (FDP)

„Kemmerich hat uns einen Bärendienst erwiesen“

Thüringer Schockwellen um FDP und AfD: So reagiert der Landkreis

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  • Doris Richter
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Das politische Doppel-Erdbeben in Thüringen um Ministerpräsident Kemmerich schüttelt auch die Politiker im Landkreis München durch. Ein Stimmungsbild nach 24 historischen Stunden.

Landkreis– Nach nur einem Tag ist die Amtszeit des ersten FDP-Ministerpräsidenten seit 1953 wieder so gut wie beendet. In der FDP im Landkreis München fallen die Reaktionen gespalten aus – die anderen Parteien, mit Ausnahme der AfD, wüten gegen das Verhalten der Liberalen.

Mit dieser Kritik gar nichts anfangen kann der Landtagsabgeordnete der FDP für den Landkreis München, Helmut Markwort. Der 83-jährige Alterspräsident des Bayern-Plenums sagt über den zurückgetretenen Thomas Kemmerich: „Es tut mit leid, dass er der hysterischen Atmosphäre zum Opfer gefallen ist.“ Zwar sei er mit seiner Einschätzung in der Partei in der Minderheit, doch habe er sich gefreut, dass die „SED-Regierung“ abgewählt worden sei, deren Vorgänger liberale Geister politisch verfolgt hätten. Markwort habe sich auch gefreut, „dass ein FDP-Mann diese schwierige Aufgabe übernimmt“. Die Annahme der Wahl sei kein Angebot an die AfD, eine Kooperation mit der rechten Partei nicht der Plan gewesen. Wichtig ist ihm, dass die Ereignisse in Thüringen nichts mit der aufopferungsvollen Arbeit der FDP-Kommunalwahlkämpfer im Kreis München zu tun hätten. „Die Wähler unterscheiden das“, sagt der FDP-Senior.

Kemmerich „einer der entschiedensten Gegner der AfD“

Der ehemalige Grünwalder FDP-Gemeinderat Christian Altmann teilt die Auffassung seines Landtagsabgeordneten: „Die Parteien, die jetzt schreien, hätten einen Ministerpräsidenten gewählt, der es ablehnt, die DDR als Unrechtsstaat zu bezeichnen und eine Vielzahl von ehemaligen Stasi-Kadern in seiner Fraktion duldet.“ Altmann kennt Thomas Kemmerich persönlich: „Ich weiß, dass er einer der entschiedensten Gegner der AFD ist.“ Dass nun doch alles anders kommt, ist für ihn der Beweis, dass der Westen die Menschen im Osten weiter bevormunde. „Das ist eine Steilvorlage für die AfD.“

Während der FDP-Kreisvorsitzende Michael Ritz auf Anfrage keine Einschätzung zu den Vorgängen in Thüringen abgeben wollte und auf die Position der Bundes-FDP verwies, zeigte sich die Taufkirchner FDP-Vorsitzende schockiert: „Es war ganz klar, dass das vergiftete Stimmen waren, die Kemmerich bekommen hat“, sagt Maike Vatheuer-Seele. „Da wurde eine Grenze überschritten, und das kann man auch nicht schönreden.“ Die AfD teile liberale Werte wie Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Gleichberechtigung nicht. „Kemmerich musste zurücktreten, das war die einzig mögliche Entscheidung.“

FDP: „Kemmerich hat uns damit einen Bärendienst erwiesen“

Dem pflichtet auch der Unterhachinger FDP-Gemeinderat Florian Riegel bei. Er ist enttäuscht, dass sein Parteikollege die Wahl überhaupt angenommen hat: „Kemmerich hat uns damit einen Bärendienst erwiesen.“ Es sei trotz der aufwühlenden Stunden schön gewesen, dass sich die Mehrheit der FDP-Mitglieder geschlossen für einen Rücktritt Kemmerichs starkgemacht habe. Die liberalen Wahlkämpfer in Bayern sollen ihre Aufmerksamkeit der Kommunalwahl widmen.

Eine Rückkehr zum Normalzustand, mit der die anderen Parteien im Landkreis, wohl nicht zuletzt aus Wahlkampfgründen, so ihre Schwierigkeiten haben. Über einen „Dammbruch in der deutschen Nachkriegsgeschichte“ schäumt der Grünen-Kreischef Volker Leib. Der Konsens der Demokraten, nie mit Parteien zusammenzuarbeiten, die rassistische und menschenverachtende Politik betreiben, sei gebrochen. Gleicher Auffassung ist auch SPD-Vizelandrätin Annette Ganssmüller-Maluche. Kemmerichs Wahl sei ein Beweis für die „Unanständigkeit in der Politik“. Die Liberalen im Landkreis täten ihr leid, weil diese nicht so dächten, aber stellvertretend abgestraft würden.

Florian Hahn: CSU ein Bollwerk gegen die AfD

Nicht beschädigt sieht dagegen Florian Hahn, CSU-Bundestagsabgeordneter aus Putzbrunn, dagegen den Kommunalwahlkampf seiner Partei. Die CSU sei ein Bollwerk gegen die AfD, eine Zusammenarbeit komme nicht infrage. Angesichts einer „dummen und demokratieschädlichen“ Wahl in Thüringen sei Hahn froh, „dass dieser Fehler korrigiert wird“.

Die einzige Partei, die sich von der Aufregung um die Thüringer Affäre irritiert zeigt, ist die AfD. Gerold Otten, Bundestagsabgeordneter aus Putzbrunn, ist gerade mit einer Parlamentariergruppe in Indien unterwegs. Er findet, dass Kritiker von Thomas Kemmerichs Wahl ein „seltsames Demokratieverständnis“ hätten. Schließlich handle es sich bei der Wahl um eine Entscheidung des thüringischen Parlaments. Die Vergleiche zu den 1930ern hält er für völlig überzogen. Aufgrund eines massiven Drucks aus den Parteizentralen seien Neuwahlen aber die „sauberste und beste Lösung“.

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