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Chefarzt Till Krauseneck

Interview nach dem Flugzeugunglück

„Je näher, umso tiefer trifft es“

Haar - Till Krauseneck, Chefarzt für Psychosomatik in Haar, erklärt nach dem Flugzeugunglück, wie wir im Alltag mit den Tragödien fremder Menschen umgehen.

Der Absturz der Germanwings-Maschine ist eine Tragödie. 150 Menschen sind tot – eine Tatsache, die viele Menschen im Landkreis betroffen macht. Andere reagieren distanzierter, sprechen von einem Unglück, das jederzeit jeden treffen kann. Warum die Menschen so unterschiedlich mit großen Unglücken umgehen und welche Rolle dabei ihre eigenen Erfahrungen spielen, erklärt Till Krauseneck (42), Chefarzt für Psychosomatik am Isar-Amper-Klinikum in Haar.

Herr  Krauseneck, bin ich ein schlechter Mensch, wenn ich die Nachricht über den Flugzeugabsturz lese und zur Tagesordnung übergehe?

 Jeder geht anders mit so einer Meldung um, offensiv oder defensiv. Es gibt keine Din-Norm, wie ich zu reagieren habe. Denn jeder Mensch hat seine individuelle Strategie zur Verarbeitung. Das muss man sich klar machen.

Aber es gibt doch so eine Art Erwartungshaltung in unserer Gesellschaft: Man muss betroffen sein. 

Das stimmt. Aber es gilt auch: Wenn ich von einem Unglück aus den Medien erfahre, dann ist das zweidimensional. Das findet nicht auf der Gefühlsebene statt. Stehe ich dagegen am Rollfeld, rieche das Kerosin, sehe die Menschen, dann bin ich mehr betroffen. Und noch stärker, wenn mir ein Betroffener davon erzählt. Und natürlich: Je näher ein Unglück meinem eigenen Lebensraum ist, umso tiefer trifft es mich. Außerdem spielt mein eigener Erfahrungsschatz eine große Rolle.

Wenn ich selbst Schlimmes erlebt habe, fühle ich mehr mit?

Wenn ich etwa persönlich Tod, Trennung und Schmerz erfahren habe, dann reagiere ich empathischer. Denn das sind Themen, mit denen der Mensch nicht so gut umgehen kann. Dazu kommt, wenn eine solche Tragödie geschieht, erinnern wir uns wieder daran, dass Leben gefährlich ist. Dass es ein Lebensrisiko gibt.

Was wir sonst verdrängen. Auch wenn wir wissen, dass wir im Bett einen Herzinfarkt bekommen können. 

Ja, es werden Ängste und Skepsis deutlich, die wir seit Jahrtausenden im Genpool haben. Es gehört nicht zu unserem angeborenen Verhaltensrepertoire, in Blechkisten zu steigen und zu fliegen. Das kennt man auch vom Fahren mit der U-Bahn oder mit dem Aufzug. Das sind alles keine natürlichen Verhaltensformen.

Und trotz dieses Genpools fallen die Reaktionen so unterschiedlich aus. 

Dieses Individuelle muss bleiben. Jeder Mensch braucht seine individuellen Bewältigungsstrategien. Wenn zum Beispiel andere Menschen von mir denken, dass ich kaltschnäuzig reagiere, dann kann das ja in Wahrheit auch ein Schutzmechanismus von mir sein. Ich gebe mich cool, um meine innere Integrität zu bewahren. So eine Abspaltung des Gefühls kann durchaus sinnvoll sein. Stellen Sie sich einen Krebsarzt vor. Der muss eine gewisse Distanz aufbauen, sonst könnte er nicht arbeiten.

Würde es Sinn machen, dass der Coole etwas an Empathie gewinnt und der stark Betroffene ein bisschen cooler wird?

Sinnvoll kann das dann sein, wenn ich in meiner Bezugsgruppe mit meiner Reaktion auf Ablehnung stoße. Dann muss ich etwas tun.

Was kann das sein? 

Psychotherapie kann Veränderung bewirken. Wer wenig Empathie hat, kann sie trainieren.

Das Gespräch führte
Ilsabe Weinfurtner.

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