Traditionelles Bauerntum verschwindet aus Landschaftsbild

- Gründe für das schleichende Höfesterben im Landkreis

VON MARC SCHREIB Landkreis/Oberhaching - Wenn im Märzen der Bauer den Traktor abstellt und die Scheunentore mit dem Holzbalken verrammelt, ist wieder ein Stück Heimat, ein Stück bayerischer Tradition, fast unbemerkt verschwunden. Pro Jahr legt im Landkreis München durchschnittlich ein Landwirt mit einer Bestellfläche von rund 38 Hektar die Arbeit nieder, wie Dieter Bege von der Abteilung Strukturwandel des Landeswirtschaftsamtes mitteilt. Seine Acker- und Grünflächen gehen an die verbleibenden Bauern über, die - technologisch immer besser gerüstet - mit hochmodernen Stahlgiganten riesige Flächen bewirtschaften können.

"Zum Leben reicht`s nicht", sagt Emeran Feichtmair aus Gerblinghausen. Für ihn habe es sich nicht gelohnt, den Bauernhof des Vaters weiterzuführen. Vor sechs Jahren fiel die Entscheidung. Er verpachtete den Grund und arbeitet seither als KFZ-Mechaniker. Ein ganzes Füllhorn voll von Gründen ist für das schleichende Hofsterben verantwortlich, wie die Landwirte im südlichen Landkreis unisono melden.

Die Enttäuschung über den Wandel ist Georg Gärtner aus Oberhaching ins Gesicht geschrieben. Bereits in den 70er Jahren verkaufte er rund zehn Hektar Ackerland in Oberhaching an die Gemeinde - mit dem Zugeständnis, die Felder bis zur Bebauung bestellen zu dürfen. "Wenn ich mich umschau`, wie viele Häuser in meiner Jugend hier gestanden haben. 20, höchstens 30. Jetzt sind es schon einige hundert." Die Versiegelung frisst sich voran. Gegenüber von Gärtners Bauernhof hisste vor ein paar Jahren ein Tengelmann seine Fahnen.

Viele Höfe in Oberhaching vertrocknen. "In den vergangenen Jahren haben sicher 15 von 20 Bauern im Dorf aufgehört. Nur die Großen haben eine Chance, sie schlucken den Rest und der geht baden", so Gärtner, der seit jeher bei Sonnenaufgang im Blaumann und Gummistiefeln hinaus stapft zum Stall, aufs Feld und oft bis spät in die Nacht bei seinen Viechern weilt. "Ich arbeite, so lange ich gesundheitlich dazu in der Lage bin."

Gärtner macht sich nichts vor: Kaum einer könne sich die teuren Maschinen zum Sähen, Kartoffelklauben und Mähdreschen leisten. 100 000 Euro kostet laut Peter Seidl, Obmann des Bayerischen Bauernverbands München, eine Sähmaschine. Alleine für die Bereifung müssen 10 000 Euro hingeblättert werden. "Kann also preislich mit Ferrari locker mithalten", sagt Seidl. Kleinbauern hätten es schwerer denn je, angesichts des rapiden Preisverfalls von Fleisch, Milch und Getreide zu überleben, auch mit Idealismus.

Hass auf "hundsgemeine Krokodilstränen"

Die Schuld sieht Seidl im Richtpreisverfahren, das von der Europäischen Union festgelegt wird. Für einen Liter Milch gebe es derzeit 32 bis 33 Cent, bis zum Jahr 2007 fällt der Preis noch weiter in den Keller und pendelt sich voraussichtlich zwischen 23 und 21 Cent ein. Vor allem die Landwirte rund um Sauerlach seien auf erträgliche Milchpreise angewiesen, der schon jetzt viel zu gering sei, um rentabel zu wirtschaften. Seidl bekommt einen Hass auf die "hundsgemeinen Krokodilstränen aus der Politik". Wenn niemand etwas ändere, verschlimmere sich die Lage von Jahr zu Jahr. "Und die haben nichts Besseres zu tun, als darüber zu diskutieren, ob die Münchner Weißwurst als Münchner Weißwurst patentiert werden soll". Anstatt sich mit Bagatellen zu befassen, sollten sie sich um die wirklichen Probleme kümmern. Allerdings: Die Bauern im Landkreis könnten sich im deutschlandweiten Vergleich noch glücklich schätzen, weil hier Tourismus, Direktvermarktung und auch die Kombination mehrerer Erwerbsquellen sich als Ventil anbieten.

Georg Mayer beispielsweise übergab bereits vor fünf Jahren seinen Bio-Bauernhof in Gerblinghausen an Sohn Matthias. "Wir teilen die Philosophie des biologischen Betriebes, das ist ein Glücksfall", so Mayer. Der Sohn kümmert sich um den Hof, der Vater vertreibt die Naturkost in seinem Oberhachinger Geschäft. Auch Tochter Birgit legt Hand an, hilft beim Verkauf - und es funktioniert. "Geht ned, gibt`s ned", ist Mayers Devise.

Für Emeran Feichtmairs Sohn Florian (5) steht übrigens fest, später den heute still gelegten Hof zu übernehmen: "Warum nicht, in den Kaibistall braucht er bloß wieder Tiere hineinpferchen, dann kann`s losgehen", sagt Emeran und muss lachen.

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