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Ohne Geduld geht es nicht: Psychiater Günther Rödig vergibt zwar in seiner Praxis Termine. Ob seine Patienten kommen, ist allerdings nie gewiss. 

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„Das Trösten ist wichtig“

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Wenn Günther Rödig seinen Patienten helfen will, braucht er vor allem zwei Dinge: Geduld und Durchhaltevermögen. Rödig ist Psychiater für Obdachlose.

Von Charlotte Borst

LandkreisGünther Rödig, Psychiater für Obdachlose, drängt darauf, dass der Landkreis eine eigene Anlaufstelle für Wohnungslose schafft. „Im Landkreis wird das Thema Wohnungslosigkeit bisher totgeschwiegen.“

„Dreiviertel der Gemeinden haben keinen geordneten Plan für den Umgang mit Obdachlosen“, sagt Rödig, „sie bekommen einen Fahrschein nach München bezahlt oder ein Bett in irgendeiner Münchner Absteige.“ Günther Rödig aus Haar leitet in Untergiesing die psychiatrische Praxis für Wohnungslose im Städtischen Unterkunftsheim an der Pilgersheimer Straße.

Die Beine übereinandergeschlagen, sitzt der 60-Jährige in seinem kleinen Behandlungsraum, vor ihm liegt ein Buch auf dem steht: „Hoffentlich brauchen Sie mich nie. Arzt für Wohnungslose.“ Der Metallschrank neben ihm, gefüllt mit Medikamenten, steht offen.

Günther Rödig trägt keinen weißen Kittel, sondern eine Jeans-Weste. Sein Terminbuch ist gut gefüllt, allerdings heißt das nicht, dass zum vereinbarten Termin Patienten erscheinen. „Man kann sehr viel Positives erreichen, allerdings braucht man viel Geduld“, sagt Rödig. Der Mann mit dem lockigen, grauen Haar, Schnauzbart und Pferdeschwanz ist ein kerniger Typ. Ungern spricht er über sich selbst. Lieber ist er Fürsprecher für seine Patienten am Rand der Gesellschaft.

Vor 33 Jahren kam er als junger Psychiater aus Garching an der Alz „voller Enthusiasmus in die Anstalt nach Haar“, wie er erzählt. Im Isar-Amper-Klinikum ist er bis heute Ansprechpartner für wohnungslose Patienten. Seit 2012 widmet er 70 Prozent seiner Arbeitszeit der Wohnungslosenhilfe der Stadt München.

Hier, an der Pilgersheimer Straße, betreut er etwa 500 Patienten und darf von sich behaupten, mehr als die Hälfte der Wohnungslosen zu kennen. Depression, Angststörungen, Psychosen, Persönlichkeitsstörungen: „Wohnungslosigkeit und psychische Erkrankungen hängen oft zusammen“, sagt Rödig. „Viele haben schlechte Erfahrungen gemacht mit der Psychiatrie.“ Sie gelten als zurückweisend und misstrauisch gegenüber dem psychiatrischen Versorgungssystem.

Engmaschige Termine sind nötig, um eine Beziehung zu ihnen aufzubauen. Dabei gibt Rödig Medikamente „nur für die Zeit bis zum nächsten Termin mit“. In der Regel erhalten die Patienten anfangs die geringste Dosis, um Nebenwirkungen zu vermeiden und schrittweise herauszufinden, welche Dosis die richtige ist. 20 Minuten plant Rödig pro Patient ein: „Das Trösten ist wichtig und dass die Leute wissen: Da ist jemand, der um mich weiß und Respekt vor meinem Leid hat.“

Seit er die psychiatrische Praxis 2012 übernommen hat, konnte er zu seiner Freude die Patientenzahl relativ schnell auf bis etwa 250 pro Quartal verfünffachen. „Jeder, ob versichert oder nicht, bekommt innerhalb einer Woche einen Termin. Im Notfall sogar am selben Tag.“ Regelmäßiger Kontakt ist Rödig wichtig. „Wenn sich jemand länger nicht blicken lässt, lasse ich ihm ausrichten, dass ich ihn sehen will.“

Immer wieder macht ihn betroffen, wie schnell ein Mensch in Folge von Arbeitsplatzverlust, Scheidung oder vorübergehender Erkrankung durch die Maschen des sozialen Netzes fallen kann. Zu seinen Patienten gehören Angestellte von Banken und Versicherungen und Leute, die selbstständig waren. „Wohnungslosigkeit ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Es sind nicht nur Alkoholiker und Drogensüchtige, es kann jedem passieren, auch Menschen, die viel können und tüchtig waren.“

Rödig berichtet von einer älteren Dame aus einer „durchaus reichen“ Landkreisgemeinde. „Es gab Schwierigkeiten. Sie hat ihre Miete nicht gezahlt und schon steht der Gerichtsvollzieher mit dem Zwangsräumungsurteil vor der Tür.“ Auch von einem früheren Geschäftsmann erzählt Rödig: „Er war wirklich erfolgreich, irgendwann dachte er: Ich habe genug gearbeitet. Er wanderte aus. Dann erlitt er im Ausland einen Herzinfarkt und musste die Behandlungen selber zahlen. Nach fünf Jahren war sein Geld aufgebraucht. Jetzt ist er wieder hier.“

Eine Menge von seinem jugendlichen Revoluzzergeist hat sich Günther Rödig bewahrt und mit viel Geduld und Durchhaltevermögen so manche Verbesserung für die Menschen auf der Straße bewirkt. Auch weil er seine Kenntnisse in die Politik einbringt. Seit acht Jahren ist er in der SPD-Fraktion Mitglied im Bezirkstag Oberbayern und konnte ein Übergangsheim auf dem Klinikgelände in Haar initiieren, das eine Alternative zur bis dahin üblichen Oberlandverschickung darstellt. Seit 2015 ist es in Betrieb. „Obdachlose Patienten wurden bis dahin lange entwurzelt und in irgendwelche billigen Pensionen nach Berchtesgaden oder sonst wo verschickt.“

Für die Obdachlosen aus den 29 Landkreis-Gemeinden fordert Rödig bessere Strukturen: „Die Stadt München bietet mit mehreren Einrichtungen ein differenziertes Hilfssystem. Im Umland ist das nicht so.“

Der Landkreis betreibt zwar die Fachstelle zur Vermeidung von Obdachlosigkeit (FOL) an der Balanstraße in München. „Doch sobald jemand obdachlos geworden ist, haben die Mitarbeiter nichts mehr anzubieten“, sagt Rödig. „Das Thema wird im Landkreis weitgehend tabuisiert, die Gemeinden machen es sich zu leicht.“

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