Die unbequeme Arbeitszeit des Schnittblumen-Händlers

- VON CHRISTIAN AMBERG Unterhaching - Die Stimme klingt verschlafen. Störung beim Mittagsschläfchen? "Wenn ich ehrlich bin, ja", sagt Alfonso Garcia. Es ist 15 Uhr, vor drei Stunden erst ist er nach Hause gekommen. Nachtarbeit als Mitarbeiter eines Schnittblumen-Großhändlers - unbequemere Arbeitszeiten als die eines Fußball-Profis.<BR>

<P>Garcia (heute 35) war Publikumsliebling bei der SpVgg Unterhaching. Eines der Urgesteine, die zehn Jahre lang dort gespielt haben. Hinter Ralf Bucher, der noch immer in Haching kickt, hat er die meisten Einsätze auf dem Buckel und ist mit Abstand der erfolgreichste Torjäger der Vereinsgeschichte. Das Profi-Leben ist vorbei. 2001 wechselte Garcia nach Reutlingen. "Auch eine schöne Zeit, aber Haching war in meiner Karriere das Größte." Seit zwei Jahren bringt er als Spielertrainer Landesligist Bissingen auf Vordermann, stieg in die Landesliga auf, machte seinen Trainerschein. Im Fußball will er bleiben, "die Knochen halten noch". Aber auch beruflich musste es weitergehen. Derzeit macht er eine Umschulung zum Groß- und Einzelhandelskaufmann. Er nennt sich selbst "Azubi Garcia" und staunt: "Die anderen Auszubildenden sind halb so alt wie ich, das ist schon komisch."<P>Von Hachings Bundesliga-Helden, die die erfolgreichste Ära des Vereins vom Bundesliga-Aufstieg 1999 bis zum Klassenerhalt ein Jahr später mitbestimmt haben, sind die meisten noch aktiv. Matthias Zimmermann, damals Kapitän, und Bucher (seit 1991 im Verein) spielen noch immer für die SpVgg. Jochen Seitz (28), Trainer Lorenz Köstners größte Entdeckung, hat sich in der Bundesliga etabliert (Stuttgart, Schalke, jetzt Kaiserslautern). Danny Schwarz (29) heuerte beim TSV 1860 an, wechselte im Juli zum Karlsruher SC in die Zweite Liga. Auch er erinnert sich gerne zurück: "Das war meine schönste Zeit. Das ganze Drumherum, was wir für eine Truppe waren, das werde ich nie mehr erleben. Dieser Flair des ausverkauften Sportparks war einmalig, Spiele wie gegen Dortmund, Bayern oder Leverkusen bleiben immer in Erinnerung."<P>André Breitenreiter sitzt gerade mit seinen Freunden Stefan Schnoor vom VfL Wolfsburg und Richard Golz vom SC Freiburg beim Mittagessen auf einer Skihütte in Leogang, als er auf seine Hachinger Zeit zurückblickt: "Ja, das war eine sehr schöne Zeit. Eine Super-Mannschaft, wir hatten viel Spaß." Breitenreiter (31) war in zwei Jahren bester Torschütze, verdiente sich als bis heute einziger bei den Fans den Beinamen "Fußballgott". Bei Regionalligist Holstein Kiel zieht er jetzt als Kapitän im Mittelfeld die Fäden.<P>Aktiv und erfolgreich ist noch immer Marco Haber (33). Er wagte den Schritt nach Zypern, wurde dort mit Omonia Nikosia Meister, wechselte nach Famagusta. Stürmer Miroslav Spizak ist in Duisburg auf der Jagd nach der Torjäger-Krone. Weniger im Rampenlicht: Oliver Straube (33, Tus Koblenz), Dennis Grassow (33, Darmstadt 98) und Alexander Strehmel (36, FC Augsburg), die in der Regionalliga spielen. Jan Seifert (36) lässt die Karriere bei Zweitligist Dresden ausklingen, Altin Rraklli (34) beim FC Tirana in Albanien. Jörg Bergen (38) kehrt im Januar als Co-Trainer und Spieler des Bayernliga-Teams zur SpVgg zurück. Torhüter Gerhard Tremmel (26) hat es zwar in die Bundesliga geschafft, saß in Hannover aber ebenso auf der Bank wie jetzt bei Hertha BSC Berlin.<P>Goldene Generation <P>Torwart Jürgen Wittmann (38) beendete seine Karriere nach dem Abstieg. Heute ist er Co- und Torwart-Trainer bei den Amateuren des TSV 1860, trimmt zudem die A- und B-Junioren-Torhüter. "Wir waren die Goldene Generation", sagt er über seine sieben Hachinger Jahre. "Etwas Besseres hätte mir nicht passieren können, das erleben nicht viele."<P>Das Geschäft forderte aber auch bei den Hachinger Helden Opfer. Peter Zeiler (34) musste seine Karriere 2000 wegen einer Knieverletzung beenden, Markus Oberleitner (31) folgte vor eineinhalb Jahren. <P>"Komisch ist eigentlich nur, dass kaum einer mal im Sportpark vorbeischaut", sagt Ralf Bucher. Vielleicht tut das irgendwann Alfonso Garcia, der Schnittblumen-Experte: "Wenn mein Chef sagt, wir beliefern jetzt auch den Großmarkt in München, bin ich wieder da."<P>

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