Kein Platz für "Stevie"

Gemeinderat schmettert Inklusions-Hotel ab

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Unterföhring - Ein Investor zieht mit, ein Träger hat Interesse, nur das Grundstück fehlt. Wieder ist das Projekt „Stevie“ in Unterföhring nicht zum Zuge gekommen.

Enttäuscht und verärgert verlässt Andrew Bridger zu später Stunde den Sitzungssaal. Die Abstimmung war für ihn eine kalte Dusche: Mit 23:0 haben die Mitglieder des Gemeinderats das ungewöhnliche Hotelprojekt abgeblockt, für das er schon so lange in seinem Heimatort den Weg bereiten will. 

Einstimmig und ohne Diskussion wurde das Hotel, das im neuen Sportpark hätte entstehen können, abgeschmettert. Dabei hatte man Bridger, der selbst Mitglied in der PWU ist, in den vergangenen Monaten viel Hoffnung gemacht. Einen 19-seitigen, genau ausgearbeiteten Businessplan hatte der Vereinsvorsitzende, wie von der Gemeindeverwaltung gefordert, noch rechtzeitig zur Sitzung eingereicht, einen Finanzplan hatte Bridger, der kaufmännischer Leiter in einem börsenorientierten Unternehmen ist und zuvor in der Hotelbranche gearbeitet hat, beigelegt. Sein Ziel ist es, ein Hotelprojekt mit sozialer Note zu verwirklichen, wobei Menschen mit und ohne Behinderung den Service übernehmen sollen. 

Der Namensgeber ist ein 24-Jähriger mit Downsyndrom

Andrew Bridger (59) glaubt fest an den Erfolg eines inklusiven Hotels.

Dafür hatte er 2010 den Verein „Projekt Stevie“ gegründet, der rund 40 Mitglieder hat. Auch Andreas Kemmelmeyer, der Bürgermeister der Gemeinde, ist Gründungsmitglied. Die Hälfte der Mitarbeiter des Drei-Sterne-Hotels würden eine geistige, körperliche oder psychische Behinderung haben. Andrew Bridger (59), gebürtiger Brite und selbst Vater eines 24-jährigen Sohnes mit Downsyndrom, lebt seit 27 Jahren in Unterföhring. Es gehe ihm nicht darum, einen Arbeitsplatz für seinen Sohn zu schaffen, erklärt er. Stevie arbeitet inzwischen in einer Werkstatt des Augustinums am Harthof, und sei dort sehr glücklich. Er ist aber immer noch der Namensgeber für das Inklusions-Projekt, das nach der Vereinsgründung auch anderen Eltern behinderter Kinder Hoffnung gemacht hat. Einige meldeten sich beim Vorsitzenden Andrew Bridger und boten ihre Unterstützung an. Sympathie äußerten auch die Gemeinderatsmitglieder unter dem damaligen Bürgermeister Franz Schwarz (SPD), aber ein Grundstück ließ sich weder auf dem ehemaligen Bahog-Gelände noch im Kleingewerbegebiet finden, obwohl Bridger mit dem ICP (Integrationszentrum für Cerebralparesen) einen Investor an der Seite hatte. 

Bridger hält an seiner Vision trotzdem fest: „In Hamburg startet jetzt schon das zweite Projekt dieser Art.“ 43 Betriebe dieser Art gibt es bereits, überwiegend in Norddeutschland, aber auch in Kempten im Allgäu oder in Basel. „In Bayern wäre so ein Hotel ein Novum. Die Lage in Unterföhring wäre optimal.“ Menschen mit Behinderung hätten „eine wunderbare Chance“, im öffentlichen Leben voll integriert zu werden. Nur das Grundstück fehlt, 2500 bis 3000 Quadratmeter benötigt der Verein für ein Drei-Sterne-Hotel mit 60 Zimmern. Dann sah Bridger im Frühjahr noch einmal eine große Chance: Um den Bedarf für den neuen Sportpark abzufragen, hatte die Gemeinde alle 59 Unterföhringer Vereine angeschrieben und deren Wünsche für die neue Anlage an der Mitterfeldallee abgefragt. Bridger reichte abermals seine Hotel-Idee ein. 

"Das hätte wunderbar gepasst"

Dafür hätte auch gesprochen, dass auf der gegenüberliegenden Straßenseite das Gymnasium gebaut wird, in dem dann hörgeschädigte Kinder aus ganz Bayern unterrichtet werden. Manche von ihnen werden einen so weiten Schulweg haben, dass sie unter der Woche in Unterföhring beherbergt werden müssen. „Das war sogar die Idee von Bürgermeister Kemmelmeyer und hätte wunderbar gepasst“, sagt Bridger. Hätte. Denn der Gemeinderat lehnte den Antrag in seiner jüngsten Sitzung ab. „Wir bringen das Hotel nicht unter“, sagte Bürgermeister Kemmemeyer (PWU), „auch wenn das eine sehr schöne Sache wäre“. Die Sportstätten für die Sportvereine, ob Fußballplätze, Rugbyfelder oder Stockschützenbahnen sind zu platzieren. Für den Verein „Projekt Stevie“ bleibt kein Platz. 

Grundsätzlich sei aber auch fraglich, so Kemmelmeyer, ob die Gemeinde so ein Projekt fördern dürfe: „Die Zuverfügungstellung eines Grundstücks ist aus kommunalrechtlicher Sicht auch nicht möglich“, das verstoße gegen das Vergaberecht. Er will nun in den Chefetagen der großen Unterföhringer Unternehmen für das Projekt werben, „vielleicht gibt es auf einem ihrer Grundstücke eine Möglichkeit“. „Wenn man gewollt hätte, hätte man einen Weg finden können“, Bridger ist enttäuscht , aber er brennt weiter für die Idee. Was er nur dringend braucht, ist ein Grundstück: „Wenn nicht in Unterföhring, dann eben woanders“, sagt er.

icb

Rubriklistenbild: © Stadthaushotel

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