Für den Biergarten reicht es – fürs Wirtshaus nicht: Das dezimierte Team der „Seewirtschaft“ am Poschinger Weiher, vorne Wirt Stephan Kalis
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Für den Biergarten reicht es – fürs Wirtshaus nicht: Das dezimierte Team der „Seewirtschaft“ am Poschinger Weiher, vorne Wirt Stephan Kalis.

„Hilfe, wir finden kein Personal“

Nach Corona-Lockdown: Gastronomie ausgeblutet - Wirte am Rande der Verzweiflung

Die Wirtshäuser und Restaurants in Bayern dürfen wieder öffnen – aber manche können einfach nicht. Nach Monaten Corona-Zwangsschließung haben viele Wirte jedoch ein neues Problem.

Unterföhring – Exakt 110 Stühle hat die „Seewirtschaft“ am Poschinger Weiher in Unterföhring. Doch exakt null Plätze werden in den nächsten Tagen und vielleicht sogar Wochen drinnen im Wirtshaus besetzt sein. Es liegt keinesfalls an der Qualität des Essens – der Koch ist stolz auf sein Bratwurstpfanderl, das Bierbrauergulasch und die hausgemachten Spinatknödel.

Corona-Zwangsschließung: Wirtshaus kann wegen Personalmangel nicht öffnen

Doch das Wirtshaus im Landkreis München kann vorerst noch nicht öffnen. Der Grund: Personalmangel. „Die Nachfrage der Gäste ist da, aber die Mitarbeiter nicht“, sagt Stephan Kalis. Erst durfte wegen Corona keiner kommen, jetzt wollen viele kommen, aber es geht nicht. Manche Wirte sind trotz staatlicher Corona-Hilfen der Verzweiflung nahe. Mal wieder.

Gemeinsam mit seiner Frau Uta hat Stephan Kalis die „Seewirtschaft“ trotz Pandemie im Mai 2020 übernommen. Im August konnten sie die Türen öffnen, ab dem Lockdown im November mussten sie wieder schließen. Sieben Monate blieb die Wirtschaft komplett geschlossen. „Es war ein sehr harter Kampf. Jetzt fangen wir wieder bei null an“, sagt Kalis. Die Rücklagen sind inzwischen aufgebraucht. Aber es gibt Hoffnung, zumindest ein bisschen.

Der Biergarten der „Seewirtschaft“ ist inzwischen wieder geöffnet. Sieben Mitarbeiter hat Wirt Stephan Kalis gerade. Doch um das Wirtshaus, den Biergarten und alle Schankanlagen gleichzeitig zu betreiben, braucht er dringend Verstärkung: Zwei weitere Köche würde er gerne einstellen, zwei Servicekräfte, Abräumer, Spüler und fest angestelltes Putzpersonal. „Wir suchen und suchen und suchen, aber es ist unheimlich schwierig, Mitarbeiter zu finden“, sagt er. Deshalb bleibt das Wirtshaus vorerst leer, sie schaffen es einfach nicht, er musste schon Geburtstagsfeiern absagen.

Corona-Lockdown in Bayern: Viele Köchinnen, Kellner und Spüler haben die Branche gewechselt

Kalis ist längst nicht der einzige Wirt, dem es so geht. Die Branche ist ausgeblutet. Mit Beginn der Pandemie hatten Kellner, Köche und Spüler keinerlei Planungssicherheit mehr. Statt dem gewohnten Gehalt gab es monatelang nur Kurzarbeitergeld, Servicekräften fehlte zusätzlich das Trinkgeld. Viele Angestellte haben kurzerhand den Beruf gewechselt. So hat Kalis von immer mehr Mitarbeitern gehört, die von der Gastro in den Einzelhandel oder gleich ins Ausland gewechselt sind.

„Da gewöhnen sie sich dann an geregeltere Arbeitszeiten und wechseln wahrscheinlich nicht mehr zurück in die Gastronomie“, sagt der Wirt. Über die Inserate auf diversen Jobportalen würden sich zwar hin und wieder Interessierte melden, sagt er, einigen sei dann aber der Arbeitsweg zum Poschinger Weiher zu lange.

Ähnlich wie den Kalis geht es auch Philipp Kurt Worbs, Geschäftsführer vom altbayerischen Wirtshaus, Hotel und Biergarten „Tegernseer Hof“ in Gmund am Tegernsee. Das Hotel mit 18 Zimmern im alpenländischen Stil ist wieder geöffnet. Doch die holzgetäfelten Stuben des Wirtshauses sowie der mit Pavillons und Kastanienbäumen gerahmte Biergarten müssen wegen Personalmangels geschlossen bleiben. Mit der Zusicherung, sie nach dem Ende des Lockdowns direkt wieder einzustellen, hatte der Familienbetrieb alle Mitglieder zu Beginn der Pandemie entlassen. Dann wieder eingestellt und wieder nach Hause geschickt, als der nächste Lockdown kam.

Sucht 15 neue Angestellte: Philipp Kurt Worbs (r.) vom „Tegernseer Hof“, daneben ein verbliebener Mitarbeiter.

Jetzt könnten die Köche, Kellner und Servicekräfte zwar wieder zurück in den „Tegernseer Hof“, doch mittlerweile sind sieben Mitarbeiter in den Einzelhandel, in größere Unternehmen oder in eine Papierfabrik gewechselt. Geschäftsführer Worbs kann das gut verstehen. Das Servicepersonal, sagt er, würde sehr gutes Trinkgeld verdienen, wenn das über acht Monate ausfällt und keiner weiß, wann und wie es weitergeht, kämen schnell Existenzängste auf.

Corona-Gastronomie in Bayern: Markt für Servicekräft „leer gefegt“ - Viele Betriebe überlastet

„Da ist es absolut nachvollziehbar, dass sich die Leute nach einem anderen Job umschauen.“ Für den Biergartenbetrieb bleiben ihm nun nur noch fünf Angestellte übrig. Nötig wären aber 15 bis 20 Mitarbeiter. „Zu fünft ist der Biergartenbetrieb auf Dauer nicht machbar“, sagt Worbs.

Für alle Angestellten hieße das Zwölf-Stunden-Schichten, längere Arbeitswochen, Stress. Das möchte Worbs seinen Mitarbeitern, die teils schon seit Jahren bei ihm arbeiten, nicht antun.

Während der Chefkoch und die Servicekräfte beim Tegernseer Hof weiter auf die Wiederanstellung warten, sucht Worbs nach Verstärkung. Bislang ohne Erfolg. Zehn bis 15 neue Mitarbeiter bräuchte er. Einfach war es noch nie, gutes Personal zu finden, sagt Worbs, verstärkt durch die Pandemie ist es jetzt noch schwieriger. Studenten, Schüler und Rentner würden sich zwar immer wieder als Aushilfen bewerben – „doch geschultes Personal in Vollzeit ist aktuell kaum zu finden“.

„Der Markt ist leer gefegt“, sagt auch Sabri Konxheli, Inhaber des Biergartens und Restaurants „Kraillinger Brauerei“ im Kreis Starnberg. Seit Mai sucht er für die Küche und den Service Verstärkung. Bislang erfolglos. Seine Mitarbeiter konnte Konxheli zwar alle behalten, auch weil er Essen zum Mitnehmen angeboten hat.

Video: Auch in Unterfranken herrscht Personalmangel in der Gastronomie

Nach Lockdown: Menschen zieht es in die Biergärten - Gastronomie arbeitet in der Unterzahl

Doch langsam gehen sie hier im Wirtshaus auf dem Zahnfleisch. Die Menschen zieht es wieder in die Biergärten, viele Feste konnten in den letzten Monaten nicht gefeiert werden. Konxheli hat gerade alle Hände voll zu tun, die verschobenen Kommunions- und Konfirmationsfeiern auszurichten. Das ist einerseits gut fürs Geschäft, andererseits höllisch anstrengend, wenn man Tag für Tag in Unterzahl arbeitet.

Sandra Zumpfe (42) aus Haar bei München hat bereits zwei Corona-Impfungen erhalten. Dennoch finden sich kaum Antikörper in ihrem Blut. Dabei gilt sie als extrem gefährdet. Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s jetzt auch in unserem neuen, regelmäßigen Landkreis-München-Newsletter.

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