Zwischenbilanz nach Bayerns erster Corona-Impfung für die 100 Jahre alte Theresia von der Grün, hier mit (v.l.) Heimleiterin Dorothea Homann (mit ihrem Hund Grace), Regina Gersonde-Podlesak, Alexandra Paschold und Maria Bader. Foto: mbe
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Zwischenbilanz nach Bayerns erster Corona-Impfung für die 100 Jahre alte Theresia von der Grün, hier mit (v.l.) Heimleiterin Dorothea Homann, Regina Gersonde-Podlesak, Alexandra Paschold und Maria Bader.

Theresia von der Grün (100) hat Bayerns erste Corona-Impfung erhalten – So geht es ihr heute

Sie bekam Bayerns erste Impfung: So geht es der 100-Jährigen heute

  • Martin Becker
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Am 27. Dezember 2020 hat Theresia von der Grün die erste Corona-Impfung in Bayern erhalten. Wie ist es ihr danach ergangen? Wir haben die 100 Jahre alte Dame noch einmal besucht.

Unterföhring – Kurz und laut bellt Grace, die australische Shepherd-Hündin von Heimleiterin Dorothea Homann. „Werden wir jetzt verhaftet?“, fragt Theresia von der Grün. Ein spontaner Scherz, selbst unter der FFP2-Maske ist das verschmitzte Lächeln der 100-Jährigen zu erkennen. Es geht ihr sichtlich gut im Seniorenzentrum Unterföhring – zwei Wochen, nachdem sie die bayernweit erste Corona-Impfung verabreicht bekam; die obligatorische zweite Spritze ist für den 17. Januar geplant.

„Nein, ich habe keine Nebenwirkungen gespürt. Keine Probleme, mir geht es gut“, berichtet die 100-Jährige. Sie fasst sich an die Nase, der regel- und routinemäßige Coronatest mit dem starken Kitzeln beim Abstrichnehmen stört sie mehr. Der nächste Impf-Pieks? „Ach“, seufzt Theresia von der Grün, „in 100 Jahren habe ich schon so viel überlebt.“ Jetzt auch noch eine Pandemie.

„Die mental Fitten fiebern dem zweiten Impftermin schon entgegen“

Nicht nur Theresia von der Grün wurde geimpft, „sondern 85 Prozent unserer Bewohner“, rechnet Heimleiterin Dorothea Homann vor. Einige wenige wollten nicht, bei anderen gab es medizinische Kontra-Indikationen. „Die mental Fitten“, sagt sie, „fiebern dem zweiten Impftermin schon entgegen.“

Dieses hohe Maß an Impfbereitschaft ist keine Selbstverständlichkeit. Unter den Mitarbeitern im Seniorenzentrum Unterföhring liege die Impfquote nämlich nur bei etwa 50 Prozent, berichtet die Heimleiterin. „Es herrscht eine gewisse Unsicherheit, gerade bei jüngeren Frauen. Auch Contergan (dieses Arzneimittel führte in den 1960er Jahren zu Behinderungen bei Neugeborenen; d. Red.) kam immer wieder zur Sprache“, sagt Dorothea Homann. „Einige unserer Pflegerinnen haben Angst vor Spätfolgen und warten erstmal ab.“

Angst vor Langzeitschäden

Regina Gersonde-Podlesak (42), die im Seniorenzentrum Unterföhring die Corona-Schnelltests für Besucher durchführt, hat sich trotzdem impfen lassen. „Meine Pro-Kontra-Abwägung hielt sich sehr die Waage“, gibt sie zu. Auch sie nennt explizit den Contergan-Skandal von 1961, glaubt aber auch: „Seitdem hat sich einiges getan.“ Dennoch bleibe „ein negatives Gefühl“, die sehr zügige Zulassung des Impfstoffs empfand die 42-Jährige als „übers Knie gebrochen“, sie habe „schon Angst vor Langzeitschäden“. Wie sie ihre Bedenken überwunden hat? „Man stellt sich halt zur Verfügung. Ich habe den Egoismus zurückgestellt hinter die Belange der Gesellschaft.“

Mit weniger Skepsis ließ sich Maria Bader (51), die im Seniorenzentrum Unterföhring am Empfang sitzt, die Corona-Impfung spritzen. „Ich war schon vorher zu 70 Prozent dafür. Als ich dann von der Mutation aus Großbritannien hörte, sagte ich mir: Jetzt auf jeden Fall!“ Sie habe Impfungen „schon immer befürwortet“ und sei nun „nachträglich erleichtert“. Die 30 Prozent Rest-Bedenken zerstreute Maria Bader rasch: „Lieber jetzt als irgendwann.“

Die Hoffnung: Irgendwann wieder ohne Maske arbeiten

Die Zeitfrage gab auch bei Alexandra Paschold (49) den Ausschlag. „Ich hatte erst Bedenken, aber viele Informationen stellten sich als Fake News heraus. Also dachte ich mir: Vertraue einfach auf die Experten – so schnell kommst du nicht mehr an die Reihe.“ Wie alle anderen auch verspürte sie keinerlei Nebenwirkungen, außer für ein bis zwei Tage etwas Druckschmerz an der Einstichstelle. Mit der Impfung verbindet Alexandra Paschold die Hoffnung: „Dass wir vielleicht irgendwann wieder ohne Maske arbeiten können, damit die Bewohner unsere Mimik sehen und umgekehrt.“

Ein Stück mehr Normalität, so wie einst, das ist auch das, was Dorothea Homann sich wünscht. Doch die Heimleiterin, die sich selbst hat impfen lassen („Ich sehe mich in der Verantwortung gegenüber unseren Bewohnern“), warnt vor zu hohen Erwartungen: „Egal ob beim Personal oder den Besuchern, es gibt ja weiterhin viele Nicht-Geimpfte – und die könnten möglicherweise von Geimpften, wenn diese Überträger bleiben, infiziert werden.“ Beispiel: Ein Angehöriger schiebt Mutter oder Vater im Rollstuhl. „Da kann der 1,5-Meter-Abstand natürlich nicht eingehalten werden.“ Aber für den Nicht-Geimpften bleibe ein Restrisiko.

Weniger Masken, Lockerungen bei Besuchsregeln oder Spaziergängen? Nein, sagt die Heimleiterin: „Trotz Impfungen bleibt vorerst wohl alles wie bisher.“ Sie wartet die Einschätzungen der Virologen ab, „bis dahin hängen wir alle ein bisschen in der Luft“. Grace, die australische Shepherd-Hündin, scheint zuzustimmen: Sie bellt nicht mehr – sondern wedelt mit ihrem buschigen Schwanz.

Über alle Entwicklungen rund um das Coronavirus im Landkreis München informieren wir in unserem News-Ticker.

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