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Philipp Schoof ist Kinder- und Jugendarzt.

Interview

Coronavirus im Landkreis: Arzt sagt: „Auch Kinder haben eine Verantwortung“

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Das Telefon steht kaum mehr still, die Eltern sind verunsichert - das Corona-Virus hält auch Kinder- und Jugendarzt Philipp Schoof, der seine Praxis in Oberföhring mit Filiale in Unterföhring betreibt, auf Trab. Jetzt sind alle Schulen geschlossen und vielen ist unklar, was die Kinder nun dürfen und was nicht.

Viele wettern in den sozialen Medien, dass Kinder und Jugendliche auf den Straßen unterwegs sind. Sollten sie besser ständig zuhause bleiben?

Natürlich ist der Sinn aller Maßnahmen, dass kein Austausch stattfindet. Deshalb sollte man den Kontakt zu anderen auf ein Minimum reduzieren. Doch bei allem muss man auch realistisch bleiben. Kinder und Jugendliche müssen auch ein paar Minuten am Tag an die Luft. Am besten nur im nahen Umkreis der eigenen Wohnung! Aber grundsätzlich sollten sie sich nicht in großen Gruppen treffen und die Abstandsregeln ( zwei Meter) einhalten. „Hig five“ und „Bussi, Bussi“ muss tabu sein!

Gemeinsames Fußballspielen sollten Kinder unterlassen

Wie groß ist die Infektionsgefahr an der frischen Luft?

Natürlich ist sie an der frischen Luft geringer, gerade wenn die Sonne scheint. Tröpfchen werden verweht, trocknen rascher oder werden durch die UV-Strahlung desinfiziert. Doch treffen sich Kinder draußen zum Fußball- oder Basketballspielen, kommen sie auch eng in Kontakt und atmen auch mehr aus. Dadurch werden potenziell mehr Aerosole, Tröpfchen in unserer Ausatemluft, zum Gegenüber transportiert. Daher sollte man das lassen.

Viele Eltern, die arbeiten müssen, tun sich zusammen und betreuen jeweils zwei oder drei Kinder – ist das schon unverantwortlich?

Natürlich sollte man den Kontakt zu anderen möglichst unterbinden, aber auch hier muss man realistisch bleiben. Zwei oder drei Kinder zusammen ist auf jeden Fall noch besser als die ganze Notfallbetreuung-Kindergartengruppe oder Schulklasse. Man sollte sich möglichst immer mit den gleichen treffen, um eine Durchmischung zu verhindern. Je mehr soziale Kontakte, umso schneller breitet sich das Virus aus! Das gilt immer!

Wie sieht es mit Kino oder Trampolinhalle aus?

Aus epidemiologischer Sicht: auf keinen Fall. Natürlich sind die Versuchungen groß. Es wird eine echte Bewährungsprobe für alle. Jeder muss – auch in der Freizeit – seine eigenen Bedürfnisse hintenan stellen. Kinder müssen altersentsprechend aufgeklärt werden, dass es keine Ferien sind, sondern ein Notfall. Da sollte man sie nicht schonen. Auch Kinder haben ein Verantwortungsgefühl. Und wenn man Ihnen erklärt, dass es um die eigenen Großeltern geht, sind sie gerne zur Mithilfe bereit.

Kinder auf keinen Fall zu den Großeltern geben

Großeltern sind oft die tragende Säule der Kinderbetreuung – wie sieht es damit aus?

Auf keinen Fall. Gerade zum Schutz der älteren oder immunschwachen Mitbürgern ergreift die Regierung ja die Maßnahmen. Kinder und Jugendliche haben in der Regel keinen schweren Verlauf, vielleicht nur ein bisschen Husten. Wirklich gefährdet sind die älteren Menschen. Deswegen fallen die Großeltern als Kindersitter aus. Da ist jetzt Solidarität gefragt. Erschreckend ist, dass auch viele ältere Menschen die Sache noch nicht ernst genug nehmen und unter vielen Menschen draußen unterwegs sind.

Viele Eltern fragen sich, wie sie das Immunsystem der Kinder stärken können.

Frische Luft ist immer gut. Am besten mit Vater oder Mutter gemeinsam raus fahren zum Spaziergehen, aufs Feld, in den Wald, wo wenig Menschen sind. Eine gesunde Mischkost, es braucht keine Vitamintabletten oder andere Nahrungsergänzungsmittel. Für das Immunsystem der Kinder kann das jetzt gar eine Erholungspause sein, weil der Dauerbeschuss durch all die anderen Keime in der Winterzeit, dem die Kinder in Schule und Kitas ausgesetzt sind, wegfällt. Und weil insgesamt vermehrt auf die Grundregeln der Hygiene geachtet wird.

Sollte man Impfungen jetzt lieber verschieben?

Nein, zumindest nicht die wichtigen zur Grundimmunisierung. Denn die schützen ja das Immunsystem. Es wäre fatal, wenn sich jetzt andere Krankheiten, wie z.B. Keuchhusten, deshalb ausbreiten. Nur Impfungen wie gegen Zecken oder für Fernreisen, oder Auffrischungen, die noch ein paar Monate Zeit haben, sollte man verschieben.

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Zum Thema: Gemeinsam mit dem Gesundheitsamt des Landkreises richten die Kommunen nun Teststationen ein

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