Skurril und unglaublich komisch: die Aufführung der Bürgerbühne, hier die Szene „Ansichtskarte“ mit Mama (Silvie Haas), Bub (Michael Gammel) und Kellner (l., Tobias Volner).
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Skurril und unglaublich komisch: die Aufführung der Bürgerbühne, hier die Szene „Ansichtskarte“ mit Mama (Silvie Haas), Bub (Michael Gammel) und Kellner (l., Tobias Volner).

Zehn Jahre Bürgerhaus: 14-teilige Inszenierung tischt Stilblüten aus dem Unterföhringer Leben auf

Bürgerbühne begeistert mit Jubiläumsstück

  • vonAndreas Sachse
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Zehn Jahre Bürgerhaus Unterföhring mit vollem Orchester? Von wegen! Acht Laiendarsteller der Bürgerbühne gewährten am Jubiläumsabend einen bisweilen ziemlich intimen Blick hinter die Kulissen des Unterföhringer Kulturtempels. 

Unterföhring – Wie privat es dabei zuging und dass die Kulturamtschefin dieser wohlsituierten Gemeinde auch nur mit Wasser zu kochen vermag, ist so was wie die Moral der 14-teiligen Jubiläums-Inszenierung „Ja, wo gibt’s denn so was?“

Eigentlich hätte man das Jubiläum angemessen begehen wollen. „Hunderte hätten feiern können“, bedauert Kulturamtsleiterin Barbara Schulte-Rief. Dazu ein Rahmenprogramm mit Kino, klassischem Konzert, einer Ausstellung vielleicht und Führungen. Doch dann kam Corona, und das ursprünglich für ein 30-köpfiges Ensemble angesetzte „Königlich Bayerische Amtsgericht“ war Geschichte.

„Bürger machen Theater für Bürger mit Themen für Bürger“

In die Bresche sprangen Anschi Prott und das 2016 für Unterföhring entdeckte Konzept der Bürgerbühne. Prott und die acht Laiendarsteller entschieden sich für einen bunten Strauß durchaus dornenbesetzter, Unterföhringer Themen. „Das ist das Wesen der Bürgerbühne“, verrät die freie Regisseurin und Theaterpädagogin: „Bürger machen Theater für Bürger mit Themen für Bürger.“

Die Bürgerbühne zeigt ein Jubiläumsstück zum zehnjährigen Bestehen des Bürgerhauses: Regisseurin Anschi Prott bereitet die Bühne vor.

In kurzen Sketchen, monologischen Wutausbrüchen und längeren Episoden rief der Jubiläums-Vierzehnakter dem Publikum vergangene Ruhmestaten, Peinlichkeiten und längst Verdrängtes blitzlichtartig in Erinnerung. Ob Mediengymnasium, Feuerwehrhaus mit Hightech-Küche, superedle Musikschule oder das Gezerre um begrenzte Kapazitäten des Bürgerhauses; eigene Texte und Prosa des 1987 verstorbenen Valentin-Jüngers Philip Arp, verwob Anschi Prott zu einer valentinesken Parodie des prallen Unterföhringer Lebens. Skurril, unfassbar und unglaublich komisch, vorneweg Tobias Volner, der in „Ansichtskarte“ zwei dem klassischen Klischee entsprungene, deutsche Touristen in Pisa als Hippie-Kellner mit „O sole mio“ düpiert. 

94 Zuschauer mit Abstand und Maske

In „Erster Arbeitstag vor zehn Jahren“ muss Milana Kosjer als Schulte-Rief-Double erfahren, dass die Kulturamtschefin einer stinkreichen Gemeinde mit einem alten Klimperkasten von Schreibmaschine Kultur machen können soll. „Aber bitte, keine Nackerten auf die Bühne ...Wenn doch, dann nur mit drallem Hintern!“

Laien-Ensemble hat beachtliche Professionalität entwickelt

Statt Hunderten, die feiern, verteilten sich coronabedingt handverlesen 94 Zuschauer auf die diagonal im Saal des Bürgerhauses angeordneten Tische. Mindestabstand galt auch auf der Bühne, wo Elisabeth Englmüller und Peter Törsiep, die in „Nachtgespräch“ ihre in Unterföhringer Farben gehaltene Bettdecke lüften, der unüberwindlichen Entfernung wegen besser mit Megafon hätten kommunizieren sollen. „Ja, wo gibt’s denn so was?“ Volner, Englmüller oder auch Michael Gammel als verrückter Professor im Mozart-Outfit stehen für die Entwicklung, die die Bürgerbühne seit der Taufe im Jahr 2016 erfuhr. Das Laien-Ensemble erfreut mit einem beachtlichen Grad an Professionalität. Alles in allem hätte man das Bürgerhaus-Jubiläum angemessener kaum feiern können. Und wer sagt, dass die Kulturamtsleitung demnächst nicht doch vor das „Königlich Bayerischen Amtsgericht“ lädt. ANDREAS SACHSE

Sie halten den Laden am Laufen: (v.l.) Haustechniker Jens Baumgart, Barbara Schulte-Rief und Florian Nagel. Fotos: Gefö

Die nächsten Aufführungen von „Ja, wo gibt‘s denn so was?“

finden am Freitag, 30. Oktober, und Samstag, 31. Oktober, jeweils um 20 Uhr statt. Telefonische Kartenvorbestellung unter 089/ 950 81 -506.

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