Ein Mädchens sitzt mit Schwimmflügeln am Beckenrand eines Schwimmbades.
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Mit Schwimmflügeln fangen die meisten Kinder an, das Schwimmen zu lernen. Doch weil die Freizeit- und Hallenbäder seit Monaten geschlossen waren, haben viele Kinder keinen Schwimm-Unterricht erhalten. (Symbolfoto)

Immer mehr Kinder können nicht schwimmen

Generation Nichtschwimmer

  • Marc Schreib
    vonMarc Schreib
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Die Wasserwachten im Landkreis schlagen Alarm: Immer weniger Kinder können richtig schwimmen. Mit den monatelang geschlossenen Bädern im Zuge des Lockdowns hat sich die Situation jetzt verschärft, denn seit einem Jahr war überhaupt kein Angebot zum Schwimmenlernen mehr möglich. Die Gefahr, dass Kinder beim Baden ertrinken, wächst, so die Sorge der Lebensretter. 

Landkreis – Die Lebensretter der DLRG befürchten eine Verschlechterung der Schwimmfertigkeiten. Als Folge der Schwimmbadschließungen und fehlenden Ausbildungsmöglichkeiten während des monatelangen Lockdowns rechnet die DLRG sowohl mit einem weiteren Anstieg schwimmunfähiger Kinder als auch mit erhöhten Ertrinkungszahlen speziell in den Sommermonaten. Eine solche Befürchtung haben auch die Wasserwachten und Schwimm-Experten im Landkreis.

Florian Wenzel (42) von der Wasserwacht Unterföhring hat ebenso wie alle übrigen Vereinsmitglieder ein Auge auf die kleineren Seebesucher: „Sobald die Sonne herauskommt, sind viele mit Paddelbooten unterwegs, und wenn man dann nicht schwimmen kann, wird es gefährlich.“ Die Station ist an Wochenenden besetzt. Falls Eltern Fragen haben, wie sie ihren Sprösslingen das Schwimmen beibringen können, sind sie eingeladen, sich bei der Wasserwacht Tipps zu holen, welche Übungen besonders hilfreich sind: untertauchen, unter Wasser pusten, sich vom Boden abstoßen, die Augen unter Wasser öffnen.

Bundesweit eine Million Kinder betroffen

Wie sich schönes Wetter auf die Ertrinkungsfälle auswirken kann, zeigten die Monate Juni, Juli und August des vergangenen Jahres: Mindestens 234 Personen verloren in diesen immer wieder von Hitzewellen und Trockenheit geprägten Monaten im Wasser ihr Leben. 2020 konnten laut DLRG-Schätzung bundesweit eine Million Kinder nicht zu sicheren Schwimmern ausgebildet werden.

Für die Wasserwacht kommt es vor allem darauf an, ob die Eltern ihre Kinder im Blick haben. In Unterföhring ist man sensibilisiert wie in den Jahren sonst auch. Florian Wenzel: „Es gibt Eltern, die ein Auge darauf werfen. Bei anderen erkennt man gleich, dass da zum Beispiel das Handy wichtiger ist als das, was die Kinder machen.“ Ein Kind hat er vor Jahren herausgefischt, dem mit Schwimmflügeln die Kraft ausgegangen ist. Die Mama schimpfte mit den Worten: „Was machen Sie da mit meinem Kind?“ Sie hatte gar nicht mitbekommen, dass es beinahe ertrunken wäre.

Den Dienst stemmen die Wasserwachtler (35 Aktive und 25 Jungmitglieder) an den Wochenenden und Feiertagen mindestens zu viert. Im Jahr kommt das Team auf 140 bis 180 Erste Hilfe Leistungen, die meisten davon nicht im Wasser, sondern an Land.

Schwimmvereinen fehlt der Nachwuchs

Einen ganz anderen Aspekt des Nichtschwimmens wirft Vanessa Breunig vom Schwimmverein „Riemerlinger Haie“ auf. Sie sieht einen großen Nachteil darin, dass die Kinder, die im vergangenen Jahr nicht schwimmen lernen konnten, jetzt ein Jahr älter geworden sind: „Damit fällt für den Schwimmverein ein kompletter Jahrgang weg.“ Im Landkreis München verschärfe sich die Lage zusätzlich. Die Riemerlinger Haie verfügen derzeit nicht über ein Hallenbad. Der Bestand wird abgerissen, der Neubau erst im Februar 2022 geöffnet. Hinzu kommt, dass den Kindern auch die Alternativen fehlen. Das Pullacher Freizeitbad wird renoviert, Oberhaching ist voll, Ottobrunn hat nicht genug Platz.

Das verlorene Schwimmjahr macht es nach den Worten von Vanessa Breunig auch Kindern unmöglich, noch in den Leistungssport einzusteigen. Auch die, die es gelernt hätten, seien durch die Interimszeit stark verunsichert und trauten sich eine ganze Zeit lang nicht ins Wasser. Der Fokus wollen die Riemerlinger Haie jetzt erst einmal auf der Ausbildung von Anfängern legen. Gespräche für extra Belegungszeiten in Schwimmbädern wie dem Naturbad Furth laufen gerade.

Bürgermeister: Schwimmen ist nicht nur Freizeitspaß

Freibäder auf, Hallenbäder zu: Das Phönixbad Ottobrunn hat immer noch geschlossen. Ottobrunns Bürgermeister Thomas Loderer hält die bisherige Schließungsstrategie von Bund und Land für unverständlich: „Mit Gerechtigkeit, auch mit Sachgerechtigkeit hat das alles nichts mehr zu tun.“ Offensichtlich fehle der Schwimmbadbranche die Lobby. Der Bürgermeister ist sich sicher: „Hallenbäder waren nie ein Problem in der Pandemie, die Infektionsgefahr ist sehr gering. Was man den Kindern antut, die nicht schwimmen lernen dürfen, ist von der übelsten Sorte.“ Den Betrieb des Phönixbades sieht er auch als Daseinsvorsorge, nicht nur als Freizeitspaß.

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