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Feiert sich selbst:  RFD-Bürgermeister Peter Reichenbach (Tobias Volner) genießt Ruhm und Macht.
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Mobbing an der Tagesordnung: In Rückblenden zeigen die Darsteller, dass aus früh eren Opfern Täter wurden.
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Lahmgelegte Opposition: Die vier Gemeinderätinnen haben keine Chance. Ihre Anträge werden alle abgeschmettert. 

Neues Ensemble Junges Bürgerhaus

„Der Kanzler“: Zu stark für Applaus

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Mit ihrem Theaterprojekt „Der Kanzler“ haben die Mitglieder des neu gegründeten Ensembles „Junges Bürgerhaus“ in Unterföhring ihr Premierenpublikum beeindruckt. Die Zuschauer erlebten aber auch Gefühle großer Beklommenheit.

Unterföhring – Das selbst erarbeitete Stück beschreibt, wie sich ein Dorf radikalisiert. Das Publikum hielt den Atem an. Manch einer berichtete im Zuschauergespräch, wie sehr ihn die Mobbing-Szenen erschaudern ließen, von denen einige, wie die Schauspieler später berichteten, auf eigenen Erfahrungen beruhen. „Es ist ein gruseliges Stück“, sagte Grünen-Gemeinderat Johannes Mecke, „weil ich Angst habe, dass so etwas Wirklichkeit werden könnte.“

Die Opposition besteht nur noch aus vier Damen. Deren Einwände werden in den nicht-öffentlichen Sitzungen übergangen und ihre Anträge abgeschmettert. Verzweifelt reckt eine SPD-Gemeinderätin (Alexandra Rader) die Arme und fleht: „Hört zu. Hört zu. Hört endlich zu.“ Die selbstherrliche Partei „Reichenbach für Deutschland“ (RFD) unter dem neu gewählten Bürgermeister Peter Reichenbach (genial gespielt von Tobias Volner) unterdrückt Andersdenkende und grenzt sie aus. Am Beispiel der fiktiven Partei RFD – deren Namen zwar an die AfD erinnert, aber laut Regisseurin Anschi Prott als allgemeine Chiffre für radikale Parteien steht – wird deutlich, wie leicht eine Demokratie zerstört werden kann. Die beklemmenden Rückblenden führen vor Augen, dass die Täter der RFD in ihrer Jugend selbst Opfer von Mobbing und Gewalt waren. Der Hauptamtsleiter (Moritz Törsiep) etwa erlebt als junger Mann in seinem, vom Vater dominierten Elternhaus einen unerträglichen Leistungsdruck. Bei einem Mittagessen kündigt der Vater (Vincent Kruthof) an, dass er ein 1,0 Abitur erwarte, die Mutter (Anita Voroß) wagt dem nicht zu widersprechen. Als die Abi-Note mit 1,7 unter den Erwartungen bleibt, zieht der gewalttätige Vater den Gürtel, um den Versager-Sohn zu strafen. Das Publikum sieht den gedemütigten jungen Mann, wie er versucht, sich mit einem Schuss in den Kopf das Leben zu nehmen.

Dann aber lässt er die Pistole sinken und vollzieht die Metamorphose zum Täter: Er stampft mit einem Fuß auf und reißt den Arm an die Brust. Eine Drohgebärde, die auch alle anderen Mobbingopfer im Laufe des Stücks zeigen und die zum Symbol der Radikalisierung wird.

Gesangs- und Klaviereinlagen lockern das Stück auf. Fulminant mitreißend sind die Auftritte von Fabrice Vetter in der Rolle des abservierten Altbürgermeisters und als Gigolo in rosa Lackstiefeln und knapper Lederhose. Das Publikum, darunter neben Eltern und Freunden viele Gemeinderäte, konnte an bedrückenden Stellen jedoch nicht mehr applaudieren. „Es war ein Wechselbad der Gefühle“ sagt CSU-Gemeinderat Franz Solfrank: „Besonders beeindruckt haben mich aber die Szenen aus dem Privatleben: aus der Schule oder aus den Familien. Ganz toll ist, dass jeder einzelne Schauspieler in so unterschiedlichen Charakteren zu sehen war.“

Als Bürgermeister Andreas Kemmelmeyer (PWU) nach der Premiere gratuliert, stellt er klar: „Wir fetzen uns auch, aber so sind wir nicht.“ Die schauspielerische Leistung habe ihn sehr beeindruckt. Er warnt: „Lasst Euch nie manipulieren. Bringt Euch unterstützend in Eurem Ort ein und macht das Kreuz an der richtigen Stelle.“ Das Projekt „Junges Ensemble“ werde fortgesetzt und ein weiteres Jahr bezuschusst. Die 14 Schauspieler sowie Projektleiterin und Regisseurin Angi Prott haben starke Gefühle im Publikum wach gerufen. Am Ende gibt es stehende Ovationen. Charlotte Borst

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