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Das Lächeln gehört zu ihrem Gesicht: Zu einer Zeit, als ausschließlich Männer die Politik bestimmten, zog Olga Steiner als erste Frau in den Gemeinderat ein. „Ich habe geschaut, dass die Welt besser wird.“

Olga Steiner (95) war die erste Gemeinderätin ihrer Zeit

Eine Pionierin der Kommunalpolitik

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Vor 50 Jahren war Olga Steiner die erste Frau im Unterföhringer Gemeinderat. Für Politik interessiert sich die 95-Jährige heute noch. Franz Josef Strauß vermisst sie, und vor Angela Merkel hat Olga Steiner größten Respekt.

Herbstlaub liegt auf dem Weg zum charmanten alten Haus an der Johanneskirchner Straße. Im Erdgeschoss lebt eine lebenshungrige Allrounderin, die in jungen Jahren nach Unterföhring kam und einiges bewegte. Sie war Leiterin der katholischen Frauengemeinschaft, Gründerin der Nachbarschaftshilfe und – obwohl Politik damals noch Männersache war – zwölf Jahre Gemeinderätin. „Die anderen waren alle pflichtbewusste Hausfrauen, aber ich konnte schon mal was liegen lassen.“ Neben Olga Steiner liegen Stapel von Zeitungen, sie schaut sich um und lacht. „Das ist bis heute so.“

Ihr Engagement führt sie auf ihre Zeit in der katholischen Jugendbewegung zurück

1921 wurde sie als Olga Fedjajeff in der Nähe von Passau als Älteste von drei Schwestern geboren. Ihr russischer Vater Wassili war erst Soldat, später Schmied. Die musikliebende kleine Olga genoss Klavier- und Theaterunterricht, sang in Mädchenchören und führt ihr späteres soziales Engagement auf ihre Zeit in der katholischen Jugendbewegung zurück. 

Im katholischen Heliandbund prägten Geistliche ihr politisches Bewusstsein. „Wir trafen uns um fünf Uhr morgens im Geheimen in der Domkapelle“, ein Theologieprofessor zeigte den Mädchen Bilder, auf denen Juden entstellt zu sehen waren, und sagte: „So zeigt man Menschen nicht, das ist herabsetzend.“ Sie habe damals alles „mit Heißhunger aufgenommen“, erzählt sie: „Der katholischen Kirche habe ich viel Bildung zu verdanken.“

"Ich habe geschaut, dass die Welt besser wird."

Nach ihrer Lehre arbeitete sie als kaufmännische Angestellte beim Roten Kreuz. „Ich habe geschaut, dass die Welt besser wird“, diese Einstellung ist vielleicht der Grund für die zufriedene Heiterkeit, die sie mit 95 ausstrahlt. Ehrenamtlich brachte sie nachts Tee und Brot an die Züge, aus denen die Hilferufe der russischen Kriegsgefangenen drangen: „Hunger, Hunger, Durst, Durst.“ Dass die weltoffene Frau ihren Reichsarbeitsdienst in einem Lazarett im Ausland absolvieren konnte, in der Nähe von Brüssel, mit Schwestern und Ärzten, hat sie „als großes Glück“ erlebt. „Abends trafen wir uns zu einem Glas Wein, das waren alles Anti-Nazis.“

Ihren Reichsarbeitsdienst absolvierte sie als junge Frau in einem Lazarett bei Brüssel.

Nach Unterföhring kommt sie durch die Ehe mit Josef Steiner, den lernt sie in der Jugendbewegung kennen. „Er hatte eine so ulkige Rolle in einem Laientheater, da ist er mir aufgefallen.“ Sie zieht ins Haus ihrer Schwiegereltern. Das Paar bekommt drei Söhne. Heute noch wohnen Wolfgang, Bernhard und Albert in nächster Nähe und sind „die Schutzengel“ ihrer Mutter. Einige Jahre gehörte auch eine spanische Musikstudentin zur Familie, Olga Steiner hatte die temperamentvolle Begona im Haus aufgenommen: „Die hat mir viel Freude gemacht.“ Stundenlang übte sie Klavier und erfüllte das Haus mit Musik.

Mit Pfarrer Erzgräber gründete sie die Nachbarschaftshilfe 

Als die katholische Frauengemeinschaft eine Leiterin suchte, sprach Pfarrer Johannes Erzgäber Olga Steiner an. „Bald darauf wurde ich gewählt und habe organisiert, was das Zeug hielt.“ Mit Pfarrer Erzgräber gründete sie die Unterföhringer Nachbarschaftshilfe und übernahm die Organisation. „Ich war die einzige, die ein Telefon hatte und einen Führerschein.“ Die Helferinnen kümmerten sich um Alte und Kranke, machten Besuche und organisieren handwerkliche Arbeiten für ältere Leute. „Ich habe mich immer wieder ein Stündchen von daheim weggestohlen“, sie lächelt, „der Kontakt zu all den Frauen war wunderbar“. 

Adenauers Reden haben sie beeindruckt

1966 zog Olga Steiner als erste Frau in den Unterföhringer Gemeinderat ein, inspiriert von Konrad Adenauer. „Neben der Hausarbeit hörte ich im Radio seine Reden. Sein Friedensgedanke und seine ganze Politik haben mich beeindruckt.“ Als sie erfuhr, dass in Unterföhring ein CSU-Ortsverband gegründet wurde, schloss sie sich sofort an. „Mein Mann war großzügig und genehmigte es.“ Er sei ja als Angestellter der Stadt München mit Kommunalpolitik vertraut gewesen. Der CSU-Mitgliedsbeitrag lag bei 50 Pfennig und war eine Maß wert, die kostete 48 Pfennige. Drei Jahre später wurde Olga Steiner für den Gemeinderat nominiert, auf Platz drei der Liste. „Bloß die Männer nicht übertrumpfen“, hatte sie sich gesagt. Am Ende hatte die 45-Jährige die meisten Stimmen in der CSU-Fraktion, zu der noch Karl Ganser und Franz Wührer gehörten. Mit Klaus Läßing, der damals SPD-Ortsvorsitzender war, warb sie im Dorf für den Bau der Kreisstraße M1. „Rivalisieren, das kenne ich nicht, ich habe mit allen zusammen gearbeitet.“ 

Heute ist ihr Radius klein geworden. „Ich zehre von meinen Erinnerungen.“ An der Wand hängt ein Foto ihres Mannes, in Reichweite stehen ein Rollator, das Telefon und ein Radio – für die Nachrichten, die sie auch mit 95 Jahren interessiert verfolgt. „Einer wie Franz Josef Strauß fehlt“, findet Olga Steiner. Und Angela Merkel zollt sie „größten Respekt.“ Für die Jungen hat sie einen Rat: „Es ist wichtig, sich zu engagieren.“

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