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Das HKW München Nord.

HKW München Nord

Stubenrauch brachte Kampf gegen Kohle ins Rollen

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Querulant unter der Rauchwolke: Wolfgang Stubenrauch aus Unterföhring weiß, dass er so manchen nervt. Will er auch. Er ist Vorreiter im Kampf gegen den Kohleblock im HKW Nord.

Unterföhring – Es war Zufall, als Wolfgang Stubenrauch von der Sache mit der Kohle erfuhr. Der Unterföhringer nahm vor zehn Jahren an einer Führung der Volkshochschule durch das Heizkraftwerk Nord teil. „Da hörte ich zum ersten Mal, dass hier in Unterföhring Kohle verbrannt wird“, erzählt der 72-Jährige, der in fünf Kilometer Entfernung zu den für die Unterföhringer Skyline so markanten Schloten wohnt.

Bis dahin hatte er, wie wohl die meisten in der Region, geglaubt, dass in den Öfen des HKW Nord nur Restmüll verfeuert würde. Auch eine Heizkostenrechnung machte Hausbesitzer Stubenrauch stutzig. „Die Stadtwerke erklärten die Kostenerhöhung für unsere Fernwärme mit dem Anstieg des Kohlepreises.“ Er fragte nach, bohrte, schrieb Briefe, sammelte Unterlagen. Und irgendwann lagen die Fakten auf dem Tisch: Im HKW Nord wird mehr Kohle (800 000 Tonnen pro Jahr) verbrannt als Restmüll (650 000 Tonnen). Mehrere Güterzüge bringen täglich die Steinkohle nach Unterföhring, den schmutzigsten, aber auch billigsten Energieträger.

In den Augen Stubenrauchs eine unverantwortliche Schweinerei. „Ich habe gerechnet und bin auf den CO2-Ausstoß von 2,5 Millionen Tonnen pro Jahr gekommen.“ Sein Fazit: „Der Kohleblock im HKW ist der größte Klimakiller in München. Er stößt mehr CO2 aus als alle Autos und LKW in München zusammen.“

Gesund konnte die Luft nicht sein, die die Unterföhringer einatmen. Stubenrauch schrieb an Oberbürgermeister Dieter Reiter und forderte die Abkehr von der Kohleverbrennung und den Umstieg auf Gas. In den Unterföhringer Grünen, dem Bezirksausschuss Bogenhausen, in den Gemeinden Unterföhring und Ismaning und dem Kreistag fand er Partner, die in Resolutionen an die Stadt die schnelle Abschaltung forderten. Unterföhrings Bürgermeister Andreas Kemmelmeyer (PWU) legte bei den Stadtwerken, für deren wirtschaftliche Zwänge er grundsätzlich Verständnis aufbringt, trotzdem immer wieder den Finger in die Wunde.

Gleichzeitig formierte sich in München die Initiative „Raus aus der Steinkohle“. Das Bündnis hat inzwischen in München über 42 000 Unterschriften gesammelt. Für Oktober oder November rechnen die Steinkohlegegner mit einem Bürgerentscheid. Sie wollen den Ausstieg bis 2022 erreichen.

Stubenrauch ist ein Teil dieser Entwicklung. Der pensionierte Elektroingenieur hat die Debatte um den Kohlemeiler im Münchner Norden angestoßen. In seinem Reiheneckhaus am Dorfangerweg sitzt er vor zwei dicken Ordnern voller Briefe. Schon oft hat er sich im Unterföhringer Rathaus eingemischt, forderte, dass alle Protokolle der Gemeinderatssitzungen online für jedermann zugänglich sein sollten. Bisher vergeblich.

Bekannt ist der aufmüpfige Rentner, der stets Hemd und Wollpulli trägt, weil er seine Anliegen in Bürgerversammlungen öffentlich zur Sprache bringt. „Ich habe hier den Ruf eines Querulanten“, sagt der 72-Jährige, „aber das stört mich schon lange nicht mehr“. Mit seiner Familie lebt er seit 1991 in Unterföhring, „ich fühle mich hier sehr wohl, auch als Preuße“.

Stubenrauch war 15 Jahre ehrenamtlicher Richter und ist Mitglied bei Transparency International, einer Bürgerbewegung, die gegen Korruption kämpft. Er stammt aus Vorpommern, wuchs in Barth an der Ostsee auf. Sein Vater starb als politischer Häftling in einem DDR-Gefängnis. „Das wurde meiner Mutter brieflich in einem Satz mitgeteilt.“ Wolfgang, das jüngste der vier Kinder, musste die Leiche seines Vaters identifizieren. Damals war er 15 Jahre. Ein Jahr später, 1960, flüchtete seine Mutter mit ihm und den drei Geschwistern über Westberlin nach Hamburg. „Wir hatten immer Sehnsucht nach Barth, aber waren auch heilfroh draußen zu sein, aus der DDR.“

Hartnäckiger Aufklärer: Wolfgang Stubenrauch vor seinem Ordner, in dem er den Schriftverkehr mit Stadtwerken, Regierung von Oberbayern und Bürgermeistern sammelt.  

Nach dem Abitur studierte er Elektrotechnik und Betriebswirtschaft an der TU in Braunschweig. „Wir jungen Studenten haben geglaubt, dass in der Kernkraft die Zukunft liegt. Die ganze DDR stank. Im Ruhrgebiet waren die Zechen voll im Gange.“ Die Kernkraft sei damals ein Hype gewesen. „An die Gefahren hat man nicht gedacht“, erzählt der 72-Jährige.

Erst in den Achtzigern habe das Umdenken eingesetzt, mit den Protesten gegen die Castor-Transporte. Im Techniker Wolfgang Stubenrauch, der an das Machbare glaubte, kamen Zweifel auf: „Man muss doch erkennen, dass alles was aus Menschenhand gemacht ist, Risiken birgt.“ Stubenrauch, der keiner politischen Partei angehört, wurde zum kritischen Beobachter. „In der DDR dürfte man gar nichts. Hier darf man eine ganze Menge, aber der Bürger wird in den Verwaltungen für dumm verkauft.“

Das ärgert ihn – und es spornt ihn an. „Es geht mir um die Umwelt und den Klimaschutz.“ Besorgt verfolgt er derzeit die Pläne der Stadtwerke, im zuvor stillgelegten HKW Freimann zwei neue Gasturbinen wieder hochzufahren. Noch mehr Emissionen im Münchner Norden? „Das müsste auf jeden Fall durch ein Runterfahren der Kohleverbrennung im Heizkraftwerk Nord kompensiert werden“, fordert er. Das Protestieren, Aufdecken und Briefeschreiben geht weiter. Die Regierung von Oberbayern hat schon Post bekommen. „Wir werden auch weiter Druck auf Stadtwerke und Stadtpolitik ausüben, um jetzt schnell zu positiven Ergebnissen für unser Klima in unserer Region zu kommen.“

Falls Bild vom HKW Nord dazugestellt wird:

„Größter Klimakiller in München“: Der Kohlemeiler ist bisher das Rückgrat der Münchner Strom- und Fernwärmeversorgung, er liefert 45 Prozent des Stroms und 42 Prozent der Fernwärme. Wolfgang Stubenrauch fordert den Umstieg auf Gas.

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