Kabarettist Mathias Richling hält die Marmorbüste in der Hand, die den Preisträgern des „Unterföhringer Kulturpreises“ überreicht wird.
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Und der Mohr geht an... Mathias Richling: So hieß es 2016, als der Kabarettist die Büste erhielt. Ab sofort heißt der Preis nur noch „Unterföhringer Kulturpreis“. (Archivbild)

Umbenennung in Unterföhring

Der „Mohr“ verschwindet: Gemeinde setzt Zeichen gegen Diskriminierung - und trifft weitreichende Entscheidung

  • Charlotte Borst
    vonCharlotte Borst
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Laut Duden gilt das Wort "Mohr" als diskriminierend. Um dem Vorwurf des Rassismus zu umgehen, hat die Gemeinde Unterföhring nun eine wichtige Entscheidung getroffen.

  • In Unterföhring ist vor Wochen eine Diskussion um die Abbildung des Freisinger Mohrens im Gemeindewappen aufgeflammt.
  • Vor diesem Hintergrund hat sich die Gemeinde dazu entschieden, den Kulturpreis umzubenennen und den Begriff „Mohr“ zu streichen.
  • Die Marmorbüste bleibt vorerst unverändert.

Unterföhring – Die Bezeichnung „Mohr“ ist aus dem Unterföhringer Kulturpreis gestrichen. Doch die schwarze Marmorbüste wird weiterhin verliehen. Am 3. Oktober erhält sie Lars Redlich. Der Musical-Star wird der zehnte Künstler sein, der den Publikumspreis erhält.

Ist der „Mohr“ noch zeitgemäß? Das fragten sich im Juli Lokalpolitiker und Bürger überall, wo ein schwarzes Konterfei ein Gemeindewappen ziert. Unsicherheit machte sich auch in Unterföhring breit, als mit der globalen Bewegung „Black Lives Matter“ und der breiten Rassismus-Debatte das Gemeindewappen auf den Prüfstand kam. Die Zweifel bezogen sich zugleich auf den Kulturpreis „Unterföhringer Mohr“, der 2010 eingeführt wurde und mit 4000 Euro dotiert ist.

„Mohr“ in Unterföhring gestrichen: Gemeinde benennt Kulturpreis um

Das Wappen sei für ihn unangefochten, stellte Bürgermeister Andreas Kemmelmeyer (PWU) klar. Offen war er jedoch für eine Debatte um den Kulturpreis. So setzte er das Thema auf die Tagesordnung für die September-Sitzung, zu der sich der Gemeinderat am Donnerstag erstmals im Feststadl traf.

Ist die Büste rassistisch? „Ich habe mich anfangs gefragt, ob so eine Diskussion überhaupt nötig ist“, berichtete Kulturamtsleiterin Barbara Schulte-Rief. Die Gemeinde habe in den vergangenen Jahren alles getan, um dem Preis einen integrativen Rahmen zu geben. Dann aber habe sie mit Freunden, Preisträgern, Kollegen gesprochen. Ihr Fazit: „Die Rassismus-Diskussion ist in Deutschland raumgreifend geworden. Es ist nötig, dass sie geführt wird.“

„Mohr" als Figur bleibt bestehen: Podiumsdiskussion zur Gestaltung der Statue?

Auch der Blick in den aktuellen Duden habe sie eines Besseren belehrt: „Der Duden setzt den Begriff ,Mohr’ als diskriminierend fest. Das war mir neu. Ich hielt das Wort für altmodisch, aber nicht für diskriminierend.“ Dem Duden-Urteil folgt der Gemeinderat. Das Wort „Mohr“ ist gestrichen. Der Preis heißt nun „Unterföhringer Kulturpreis“.

Doch an der Figur hält man – zumindest noch – fest. Die Arbeit, angefertigt von der Ismaninger Bildhauerin Margit Festl, sei „hochwertig und wunderschön“, sagte Schulte-Rief. Die Assoziation zum Kolonialismus, die im Kulturausschuss geäußert wurde, sei ernst zu nehmen, „es ist aber eine individuelle Assoziation“, schränkte sie ein. Kultur- und Heimatpflege sähen die Büste in anderem Kontext. Es sei ihr wichtig, mit Beteiligten, Betroffenen und dem Publikum zu sprechen, „bevor sich eine farbige Person beleidigt fühlt“. Daher riet sie zu einer Podiumsdiskussion. „Denn einfach zu sagen, weg damit, wir wenden uns dem nächsten Thema zu“, sei ihr zu kurz gegriffen.

Diskussion um „Mohr“ in Unterföhring: „Der Preis ist rassistisch“

Anderer Meinung ist Gemeinderatsmitglied Saran Diané (SPD). Die 19-Jährige ist selbst dunkelhäutig und sprach sich für einen Neuanfang aus: „Der Preis ist rassistisch“, auch wenn man ihn nicht in rassistischer Absicht vergebe. „Es kommt auf die Wirkung an, darauf, was schwarze Menschen fühlen.“

Sie habe sich mit anderen Schwarzen unterhalten, „die wie ich von Rassismus-Erfahrung betroffen sind. Sie fühlten sich eher angegriffen“. Der Preis erinnere an den Kolonialismus, „als schwarze Menschen verschenkt wurden“. Diané schränkte ein, „ich kann natürlich nicht für alle Schwarzen sprechen.“ Während Schulte-Rief sich bei ihr bedankte, „das öffnet Augen“, verwehrte sich Zweiter Bürgermeister Manuel Prieler (PWU) gegen ihre Aussage: „Dass wir in Unterföhring einen rassistischen Kulturpreis verleihen, wurde so noch nie behauptet, das will ich nicht stehen lassen.“

Trotz Umbenennung des Unterföhringer „Mohren“: An der Figur wird vorerst festgehalten

Wie Diané distanzierten sich auch FDP und Grüne von der Figur: „Wenn sich nur eine Person diskriminiert fühlt, wäre das eine zu viel“, sagte Dritter Bürgermeister Johannes Mecke (Grüne).

Doch die Mehrheit des Gemeinderats (16:8) hält an der Figur fest. „Man sollte den Preis nicht mit einem Federstrich abschaffen“, sagte Thomas Weingärtner (SPD). Er ist von der ergebnisorientierten Diskussion überzeugt, so wie Günther Ernstberger (PWU). Der sagte: „Rassismus findet nicht in einer Figur oder einem Wappen statt, sondern im Kopf.“

Lesen Sie auch: Ein Mohr ziert die Gemeindewappen von Ismaning und Unterföhring. Das gefällt nicht jedem.

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